13.11.2009 – Nicht zurück gehen

CIMG4842Erschöpft von dem Spurt lasse ich mich auf eine Bank fallen. Es braucht ein paar Minuten, bis ich überhaupt etwas anderes höre, als das Pochen meines Herzens. Dann lausche ich in die Nacht. Was ist zu tun? Mein Gepäck steht noch in Felix’ Wohnung. Finde ich wieder dorthin? Weiterlesen

05.11.2009 – Vive la Démocracie!

Habe ich nicht schon einmal geschrieben, dass ich die Franzosen liebe? Das habe ich zweifellos bereits getan. Ich liebe sie dafür, direkt auf einen Menschen zuzugehen, wenn sie dich sympathisch finden. Sie finden Menschen sympathisch, die ihre Sprache sprechen. Sie antworten grundsätzlich jedem, der sie anspricht. Selbst ein Bettler fragt mich nach einem «Bonjour Mademoiselle» höflich nach etwas Kleingeld, worauf ich ihn ansehe und mit einem bedauernden Gesicht antworte «J’suis désolée.» In Deutschland wäre ich angehauen worden, auf die rabiate Art. Ich hätte es entweder ignoriert oder hätte mit einem «Nein Danke» abgeschmettert. Hier unterhält man sich auch mit dem Punk auf der Straße und gibt, wenn man nicht wenigstens eine Zigarette für das Herrchen hat, seinem Hund ein Leckerli.

In Carcassonne suche ich die Rue Verdun. Dort, am Fuße der Cité hat einst Joë Bousquet gewohnt, sagt mein Reiseführer. Er war Schriftsteller und seit seiner Verwundung im Ersten Weltkrieg am Rückgrat gelähmt. Welche Ironie, dass er ausgerechnet in der Rue Verdun gelebt hat. Direkt nebenan ist das Katharer-Museum. Die Katharer lassen mich seit Narbonne nicht mehr los. Ich will wissen, was es mit ihnen auf sich hatte.

Auf dem Weg zur Rue Verdun überquere ich den Place d’Aude. «Ma-dö-moa-sellö!» Ich erkenne diesen Akzent, diese Art, jede einzelne Silbe so übertrieben deutlich auszusprechen, dass es nicht mal mehr grotesk ist. Es ist die Mademoiselle mit der Körperlotion für die «lèvres sèches». Ich entdecke sie in einem der Cafés mit denen der Platz gesäumt ist. In einem von ihnen habe ich heute Vormittag ein zweites Frühstück gegessen. Sie fragt mich, wie es mir geht. Gut sage ich. «Et vous?» Das Wetter sei ja so schön heute, da habe sie sich in ein Café gesetzt, um die Sonne zu genießen. Der Akzent bricht niemals ab, wird niemals flüssiger. Ihr französisch bleibt eine bizarre Verballhornung dieser Sprache.

Ich erzähle ihr, ich sei auf der Suche nach der Rue Verdun und könne sie nicht finden. Ja, das Katharer-Museum wolle ich besuchen. Die Ma-dö-moa-sellö kennt die Straße. Sie ist nur zwei Straßen weiter vom Place d’Aude. Ich verabschiede mich von ihr und gehe in die Richtung, in die sie gezeigt hat. Wenige Minuten später biege ich in die Rue Verdun ein und finde den Eingang zum Museum. Es ist kurz vor Mittag. Ich habe schon festgestellt, dass die Mittagspause von zwei bis drei Stunden Länge heilig sind. Deshalb gehe ich erst gar nicht hinein, sondern beschließe, am Nachmittag wiederzukommen.

Statt das Museum zu besuchen, besorge ich Briefmarken für die Postkarten, die ich von jeder Station aus verschicke. Meine Eltern bekommen eine, Benjamin und die WG. Sie bekommen eine Karte von jeder meiner Stationen. So ausgerüstet setze ich mich in ein Café und bestelle grünen Tee mit Jasmin (dieses Café ist eines der wenigen mit Teeauswahl). Der Kellner bringt den Tee. Ich packe meine Postkarten, Briefmarken und Füller aus und beginne zu schreiben. Um eins breche ich auf. Ich bin fertig mit meinen zehn Postkarten, also bezahle ich und ziehe weiter. Ich möchte noch etwas sehen, bevor ich morgen wieder abreise. Ich suche eine Kirche, die ich besuchen kann, obwohl ich mittlerweile von Kirchen die Nase voll habe, mögen sie auch noch so schön und prachtvoll sein.

War es an diesem Tag, als mich der junge Mann ansprach? Ich bin mir nicht mehr sicher. Ich habe die drei Tage in Carcassonne hauptsächlich auf den Straßen der Stadt verbracht. Trotzdem erinnere ich mich nicht mehr an den Namen der Straße. Nein, es ist nicht sonderlich wichtig, weil der junge Mann in dieser Geschichte nicht weiter wichtig ist. Ich habe ihn nur bemerkt. Er steht auf der anderen Straßenseite, doch ich wüsste den Namen der Straße selbst dann nicht, wenn die Straßen, die übrigens quadratisch angeordnet sind, nach einem Schachbrettmuster benannt wären – mit der Porte des Jacobins als Orientierungspunkt. Es ist westlich der Porte, in Höhe der Place de l’Aude in einer Parallelstraße der Rue Georges-Clémenceau.

Den restlichen Nachmittag verbringe ich abwechselnd im Katharer-Museum, in dem eine Schulklasse gerade dabei ist, neues über ihre Vorfahren zu lernen, und dem Museum über Joë Bousquet, in dem Handschriften, Fotos und sogar sein altes Arbeits- und Schlafzimmer ausgestellt werden. Die ganze Wohnung ist so belassen, wie zu Lebzeiten des Schriftstellers: Wo Stufen sind, führen Rampen entlang, damit Bousquet sich mit dem Rollstuhl frei bewegen konnte. Vor allem das Zimmer sieht so aus, als könnte er noch in dem Bett liegen.

01.11.2009 Süßer Wein und dunkle Vergangenheit (Küss den Frosch!)

Unsere Pläne für heute Nachmittag sind groß: Wir wollen ans Meer fahren, zu einem der berühmten Katharer-Schlösser, oder nach Perpignan. Wir steigen schließlich auf Fahrräder und fahren los. Wenn wir aus dem Ort herausfahren sind wir plötzlich am Bambusüberwucherten Flussufer. So muss es bei Marguerite Duras in Vietnam ausgesehen haben; damals, in ihrer Kindheit: Die Straßen bestehen aus Sand und Schotter, und überall entlang des Flusses tauchen Teiche aus dem Dickicht auf. Sie sind mit Seerosen bewachsen und Schilf. Es schwirren Libellen umher und Vögel.

Ein Stück weiter sieht die Umgebung wieder ganz anders aus: Landstraßen und Weinberge. Wir halten an und schlagen uns in den Weinberg. Das ist der Muscat, erklärt Morganes Vater, Christophe. Ich nehme eine Rebe ab und probiere die prallen Trauben. Das also ist der berühmte Muscat, den ich vorhin als Aperitif getrunken habe. Sie sind wirklich sehr süß, lecker und klebrig.

Das Wetter ist nicht besonders heute. Letzte Nacht hat sich der Himmel zugezogen und steht nun ganz grau über uns. Das gedämpfte Licht und die Sonntagsstimmung, bei scheinbar niemand hier auf der Straße ist, tauchen die Szene in ein geisterhaftes Licht. Langsam scheint die Sonne untergehen zu wollen. Wenn wir noch zum Schloss kommen wollen, müssen wir uns beeilen.

Wir kommen nicht ans Schloss. Wir kommen bis zur nächsten Ortschaft, Espira de l’Agly heißt sie. Morganes Vater kennt sie noch aus Kindertagen. Er führt uns auf den Rädern herum; zeigt uns alles: Sein Geburtshaus, die alte Kirche «l’eglise Sainte Marie». Sie ist schon Jahrhunderte alt. Im Mittelalter gebaut.

Die Kirche der heiligen Maria von Espira de l’Agly. Gebaut zwischen 1086 und 1134. Die Bauart ist romanisch. Das menschliche Leben hier ist über 60.000 Jahre alt. Damals begruben die Menschen ihre Toten in Höhlen. Die Kirche ist wie viele der Gebäude ihres Alters, die bis ins Jetzt übderauert haben aus verschiedenen Epochen zusammengewürfelt: Sie wurde erbaut und zerstört, wiederaufgebaut, etwas wurde angebaut. Sie wurde erweitert. Einmal teilten sich ein Mönchs- und ein Nonnenkloster das Gebäude mit dem spätromanischen Eingangsportal.

Espira de l’Agly ist nicht groß, obwohl es so alt ist. Manchmal bin ich über diesen Umstand verwundert. Ja, es gibt Zeiten, an denen ich nicht verstehen kann, wie Städte zu riesigen Metropolen wachsen konnten, die um einiges jünger sind. Mich fasziniert die Tatsache, dass andere Städte – jüngere und ältere – längst untergegangen sind. Aber vor allem sind es kleine Städte wie Espira de l’Agly, die sich nie entwickelt zu haben scheinen. Es hat nur knapp 3000 Einwohner. Es gibt Städte wie diese, die niemals größer werden und niemals verschwinden.

Wir verlassen Espira de l’Agly. Wir kommen wieder in einen dieser Dschungelwege. Von den süßen Trauben habe ich großen Durst. Wir fahren in den Garten von Morganes Vater, Christophe. Es ist kein wirklich schöner Schrebergarten. Es ist ein Garten, der den französischen Häusern und der südfranzösischen Nonchalance bis ins kleinste Detail entspricht: Anstatt von ordentlich, rechteckig angelegten Beeten gibt es Beete, auf denen Christophe etwas Gemüse und Salat anbaut. Es gibt ein Gartenhaus, das aber eher ein Schuppen ist und es gibt eine Mülltonne.

Christophe hebt den Deckel an und der deutsche Frankreichkenner, der noch nie zuvor hier war, könnte in dem Moment annehmen, Christophe züchte hier seinen Delikatessenvorrat für schlechte Zeiten: In der Mülltonne steht das Wasser bis knapp unter den Rand und drinnen tummeln sich etwa ein halbes Dutzend Frösche. Einige versuchen wegzuschwimmen, doch in ihrer Wassertonne kommen sie nicht weit. Andere schaffen es, etwas Halt unter den Füßen zu bekommen und springen in hohem Bogen über den Tonnenrand in die Freiheit. Wenn die wüssten …

Es wird immer dunkler um uns herum und wir schlagen den Heimweg ein. Christophe bleibt an einem Haus stehen und deutet mit einem gewichtigen Blick auf dessen Fenster: «C’est la maison de la famille Joffre et de Joseph Joffre. C’est sa maison de naissance.» erklärt er in seinem südfranzösischen Akzent, in dem der Nasallaut mehr wie ein ng ausgesprochen wird. Das nimmt der Sprache seine ganze Eleganz finde ich.

Joseph Joffre ist der Held von Rivesaltes. Hoch zu Ross steht er auf dem Grand Place vor dem Rathaus, gleich hinter dem Bahnhof. Er ist das große Kind der Stadt. Ein Marschall im zweiten Weltkrieg. Es gibt ein Museum über Maréchal Joseph Joffre hier. Und tatsächlich war er ein hohes militärisches Tier seiner Zeit, denn immer wieder auf meiner Reise stoße ich auf diesen Namen: In Parks, Straßennamen und Häusern.

Man merkt, dass die Franzosen stolz sind auf den ersten Weltkrieg und dessen Ausgang. Auf den zweiten scheinen sie nicht ganz so stolz zu sein, denn wie sonst könnte man erklären, dass ich nichts sehe, nichts erfahre – erst später, nachdem ich lange wieder zuhause bin und die Reise aufarbeite – vom Camp Rivesaltes oder dem Camp Joffre, wie es auch genannt wird? Von den Greueltaten des Vichyregimes an diesem Ort? Ich erfahre zumindest nichts von Morgane oder ihrer Familie, obwohl es mir scheint als seien alle waschechte Rivesaltais, wie man die Menschen nennt, die hier leben.

Es gibt ein Museum über das Camp Rivesaltes. Das Museum ist das Camp. Es wurde 1938 errichtet und diente seit 1939 als Internierungs- und Konzentrationslager. Vor allem Juden aus Baden und der Pfalz waren dort eingesperrt. Im Jahr 1942 wurden 2251 Juden von hier ins KZ-Auschwitz deportiert, um dort ermordet zu werden. Menschen, die geflohen waren, sich in Frankreich sicher glaubten – bis die Nazis kamen. Unter diesen Menschen waren 110 Kinder.

Eingestellt wurde der Betrieb des Lagers nach dem Krieg aber keinesfalls. 1939 wurden hier zusätzlich Anhänger der Retirada untergebracht, die nach dem Sieg Francos nach Frankreich geflüchtet waren. In den 1960er Jahren waren es dann die Harkis – jene Algerier, die den französischen Truppen während des Algerienkriegs geholfen hatten und sich zur französischen Republik bekannt hatten. Bis ins Jahr 2007 sollen hier noch Flüchtlinge aus Algerien leben; in Baracken, die längst verfallen sind. Heute ist das Lager eine Gedenkstätte.

25.10.2009 Drei Katzen und ein Hallelujah IV

Minette stellt sich mitten ins Zimmer und beschnuppert erst einmal die Einrichtung, mein Gepäck, die Gitarre, mich. Alles ist neu.

«Sie darf hier rein.» sagt George.

«Sie verliert keine Haare, wenn man sie streichelt.»

Man sieht ihr deutlich an, dass sie sich hier wohl fühlt, denn nachdem auch ich ausgiebig beschnuppert und zum streicheln angestiftet worden bin, lässt sie sich auf das Bett fallen und fängt an, sich zu putzen.

Ein paar Minuten später ist schon die zweite Katze im Zimmer. Coco Chabite miaut mich an, besieht sich alles und verschwindet dann unter dem Bett. Der Kater ist nicht ganz so zutraulich wie der andere. Er lässt sich von mir nicht streicheln. Ich reiche ihm meine Hand entgegen, Coco zuckt zusammen und verschwindet. Kurz darauf geht er lautlos aus dem Zimmer um zehn Minuten später wieder zu kommen. Als er es sich im Wäschekorb gemütlich machen will, verjage ich ihn. Obwohl ich auch einen Kater zuhause habe, kann ich verstehen, wenn man keine Katzenhaare in seinen Klamotten haben will. Vielleicht auch gerade weil ich eine Katze habe.

Es strengt mich an, französisch zu sprechen. Außerdem ist es mir peinlich Fehler zu machen und ich bin mir unsicher ob alles, was ich sage richtig ist. Also halte ich mich erst noch zurück. Da ich in den letzten Tagen allerdings fast nur englisch gesprochen habe, halte ich es nur für eine Frage der Gewöhnung. In ein paar Tagen werde ich ganz selbstverständlich französisch sprechen, wie jeder andere hier auch.

George führt mich durch die Stadt. Er habe nicht gedacht, dass überhaupt jemand nach Narbonne kommt. Für ihn sei ich der erste Couchsurfing-Gast. Ich erkläre ihm, dass es auch für mich das erste Mal sei, dass ich auf diese Weise reise. Ich erzähle ihm von zuhause, meiner Familie, meinen Freunden.

Narbonne ist wirklich überschaubar. Inmitten der Stadt steht eine gothische Kirche. Ich möchte hineingehen. Er könne eine Kirche nicht in Shorts betreten, sagt er. Ich finde das sehr respektvoll und gehe hinein. Sie ist überwältigend. Ich habe zwar schon schönere Kirchenfenster gesehen, aber noch keine so prachtvolle Einrichtung.

25.10.2009 Drei Katzen und ein Hallelujah I

Der Abschied von Kumar fällt mir nicht sehr schwer. Ich bin froh, nach dieser besagten Nacht, von hier weg zu kommen; wenn es sich auch nicht wiederholt hat. Nachdem meine Sachen gepackt sind, unterhalten wir uns noch über das Leben, über Politik. Ich erfahre, dass er sehr an Kricket interessiert ist; wie wohl alle Inder. Es handelt sich dabei um jene Sportart, die die Briten während ihrer Kolonialzeit auf den Halbkontinent gebracht hatten. Das sage ich ihm aber nicht. Er ist alt genug, das selbst zu wissen.

Dann ist es Zeit. Ich nehme meine Taschen. Sie sind schwer – schwerer als noch bei meiner Ankunft. Kumar trägt meine Gitarre zur Bushaltestelle. Wir werden zu spät ankommen, noch vor der Haltestelleüberholt uns fast der Bus. Er hält, ich steige ein, oder besser gesagt, springe auf. Kumar reicht mir die Gitarre. Die Tür schließt, der Bus fährt los. Ich bin weg.

Meine zweite Station ist Narbonne. Schon vor Tagen habe ich bei der Couchsurfing-Homepage meinen zweiten Gastgeber gesucht. Es hat niemand geantwortet – bis auf George. Ich habe ihm gesagt, wann ich ankomme. Er wird mich abholen. Er wohnt in der Nähe des Bahnhofes. Ich werde ein eigenes Zimmer bei ihm haben.

Obwohl er anders aussieht als auf dem Foto im Internet, erkenne ich ihn sofort. Trotz meiner Erfahrungen mit Kumar bin ich immer noch aufgeregt, was mich erwarten wird. Auf dem Weg vom Bahnsteig zur Bahnhofshalle halte ich Ausschau nach ihm.

George ist braun gebrannt, hat kein Gramm Fett auf den Rippen und sieht mit seinen leicht ergrauten Haaren ziemlich gut aus. Er erzählt mir, er sei Sportlehrer und arbeite als Rettungsschwimmer im Saisongeschäft. Seine Wohnung liegt keine fünf Minuten vom Bahnhof entfernt. Später werde ich feststellen, dass in Narbonne alles in der Nähe des Bahnhofs liegt. Das Städtchen hat nur 50.000 Einwohner, was es für George umso wunderlicher macht, dass jemand nach Narbonne kommt.

Nachdem ich mein Gepäck in mein Zimmer gebracht habe, machen wir eine Tour durch die Stadt. Er erzählt mir alles, was es über Narbonne wissenswertes zu erfahren gibt: Hier gibt es ein Katharer-Kloster, einen Teil einer römischen Handelsstraße dessen Teil Narbonne einst gewesen war und Charles Trenet hat hier gelebt. Als ich die Cathédrale St. Pierre besuchen will, wartet er draußen auf mich. Mit seinen kurzen Hosen will er die Kirche nicht betreten.