05.11.2009 – Dans un nuage poupre

Das Café Poésie betrete ich nicht ohne mich vorher aufzubrezeln: Haare kämmen, Pferdeschwanz, Schminke – fertig. Ich bin eitel und mit dem Ergebnis mehr als zufrieden. In Anbetracht dessen, dass ich meine Habe in Taschen mit mir herum schleppe, ziemlich gut sogar. Der eisige Wind und der Regen machen den Aufwand zunichte als ich von der Cité wieder in die Innenstadt wandere, zum Café Comédie, in dem das Café Poésie heute Abend stattfindet.

In dem Aushang am Café war von «Gitarristen» die Rede gewesen. Ich hätte Maggie zu gerne mitgenommen, es dann aber doch wieder verworfen. Ich bin noch nicht gut genug.

Die Dame mit den trockenen Lippen und der überdeutlichen Aussprache ist heute Abend nicht dabei. Es sind viele neue Gesichter. Vor allem ältere. Sie sind bereits vor Stunden gekommen, haben sich das «Menu Poésie» schmecken lassen und sitzen nun rechts und links der Bühne an der Wand. Franzosen lieben es, zu essen. Am günstigsten ist meistens ein Menü, meist mit drei Gängen.

Ich nehme an einem Tisch in der Mitte des Raumes Platz: ganz nah an der Bühne, an einem kleinen runden Bistro-Tisch, auf den kaum eine Kaffeetasse Platz hat. Noch rennen überall Kellner umher, tragen Teller und Gläser umher. Ich erkenne den Kellner von gestern Abend. Er ist wieder hier. Ich weiß nicht, ob ich etwas bestellen möchte. Ich bestelle nichts. Niemand fragt mich. Den Blicken der Kellner weiche ich aus, deshalb fragt auch niemand.

Ich hole mein Buch heraus und fange an, zu schreiben, bis das Café Poésie anfängt. Eine alte Dame kommt auf mich zu und spricht mich an. Sie habe mich schon einmal gesehen. Wo? Frage ich sie. Letztes Jahr sei das gewesen, hier in Carcassonne, in diesem Café. Ich hätte mich gerne an sie erinnert, doch ich bin zum ersten Mal in diesem Café, in dieser Stadt.

Die Bühne ist nicht sonderlich groß. Im Grunde genommen existiert sie gar nicht: Ein Mikrophon, zwei Barhocker und am Rand stehen ein paar Gitarren. Eine Frau geht zum Mikrophon: Sie ist klein, untersetzt und in ihrem weißen Zopfpullover herrlich unglamourös für diesen Abend. Das Café Poésie wird bei Radio Marseillette live übertragen und wer im Radio kümmert sich schon darum, wie der Moderator aussieht?

Französische Lyrik hat mit französischer Sprache nichts zu tun. Vielleicht teilen sie sich die Vokabeln. Die Syntax und die Bilder aber erscheinen aufgelöst wie in einem expressionistischen Gemälde. Ich verstehe kaum ein Wort. Ich bemerke nur das große Entsetzen an einer Stelle und erinnere mich, das Wort «putain» – Hure – gehört zu haben. Es hört sich so hübsch an. Ich liebe die französische Sprache: Man kann sich die derbsten Schimpfwörter an den Kopf werfen, es wird nie so klingen. Es wird immer nur wunderschön sein. So wie die Gedichte, die ich nicht verstehe. Ich verstehe aber die Gitarristen, die ihre eigenen Kompositionen vortragen. Den einen nenne ich «Hugh Grant». Er heißt «Erwens» Dabei sprechen die Franzosen den Namen «Eruhäns» aus. An den Namen seines Kollegen erinnere ich mich nicht, obwohl er ein sehr schönes Lied über die Prinzessinnenkatze seiner Tochter, ein Angora, geschrieben hat.

Ich erinnere mich an die Texte. Nicht an deren Inhalt, aber an die Texte. Französische Poesie versteht sich eher schlecht, aber sie klingt. Sie klingt nach einem Rausch, nach eine Sprachwolke aus Rosarot. Wie soll ich es anders beschreiben? In einem Gedicht fällt plötzlich das Wort «putain». «Uff!» macht es überall um mich herum und «uiuiui!». «Putain» heißt «Hure», «Schlampe», «Prostituierte».

Sind die Südfranzosen jetzt so unglaublich freundlich, dass sie so empört auf dieses Wort antworten, das zu den schlimmsten Fluchwörtern in der Sprache zählt? Oder wollen sie einfach keine Prostituierten in ihrer Mitte haben, und stoßen das Wort deshalb mit einem lauten «ohlala!» von sich?

Berauscht von den Gedichten und der Musik der Sprache, dem Klang der Gitarren, vergesse ich die Zeit. Längst sind alle Gedichte gelesen. Niemand will mehr etwas vortragen. Nur Hugh Grant und sein Kollege begleiten sich gegenseitig improvisierend auf ihren Gitarren zu den Liedern des anderen. Morgen fahre ich weiter, nach Castres. Mein Zug fährt früh und ich muss früh aufstehen, um auszuchecken. Also will ich nicht so lange bleiben und bleibe dann doch bis Hugh und sein Freund die Instrumente einpacken und der letzte Gast sich noch am Thresen mit dem Kellner von gestern Abend unterhält. Ich bleibe bis zum Schluss.

05.11.2009 – Vive la Démocracie!

Habe ich nicht schon einmal geschrieben, dass ich die Franzosen liebe? Das habe ich zweifellos bereits getan. Ich liebe sie dafür, direkt auf einen Menschen zuzugehen, wenn sie dich sympathisch finden. Sie finden Menschen sympathisch, die ihre Sprache sprechen. Sie antworten grundsätzlich jedem, der sie anspricht. Selbst ein Bettler fragt mich nach einem «Bonjour Mademoiselle» höflich nach etwas Kleingeld, worauf ich ihn ansehe und mit einem bedauernden Gesicht antworte «J’suis désolée.» In Deutschland wäre ich angehauen worden, auf die rabiate Art. Ich hätte es entweder ignoriert oder hätte mit einem «Nein Danke» abgeschmettert. Hier unterhält man sich auch mit dem Punk auf der Straße und gibt, wenn man nicht wenigstens eine Zigarette für das Herrchen hat, seinem Hund ein Leckerli.

In Carcassonne suche ich die Rue Verdun. Dort, am Fuße der Cité hat einst Joë Bousquet gewohnt, sagt mein Reiseführer. Er war Schriftsteller und seit seiner Verwundung im Ersten Weltkrieg am Rückgrat gelähmt. Welche Ironie, dass er ausgerechnet in der Rue Verdun gelebt hat. Direkt nebenan ist das Katharer-Museum. Die Katharer lassen mich seit Narbonne nicht mehr los. Ich will wissen, was es mit ihnen auf sich hatte.

Auf dem Weg zur Rue Verdun überquere ich den Place d’Aude. «Ma-dö-moa-sellö!» Ich erkenne diesen Akzent, diese Art, jede einzelne Silbe so übertrieben deutlich auszusprechen, dass es nicht mal mehr grotesk ist. Es ist die Mademoiselle mit der Körperlotion für die «lèvres sèches». Ich entdecke sie in einem der Cafés mit denen der Platz gesäumt ist. In einem von ihnen habe ich heute Vormittag ein zweites Frühstück gegessen. Sie fragt mich, wie es mir geht. Gut sage ich. «Et vous?» Das Wetter sei ja so schön heute, da habe sie sich in ein Café gesetzt, um die Sonne zu genießen. Der Akzent bricht niemals ab, wird niemals flüssiger. Ihr französisch bleibt eine bizarre Verballhornung dieser Sprache.

Ich erzähle ihr, ich sei auf der Suche nach der Rue Verdun und könne sie nicht finden. Ja, das Katharer-Museum wolle ich besuchen. Die Ma-dö-moa-sellö kennt die Straße. Sie ist nur zwei Straßen weiter vom Place d’Aude. Ich verabschiede mich von ihr und gehe in die Richtung, in die sie gezeigt hat. Wenige Minuten später biege ich in die Rue Verdun ein und finde den Eingang zum Museum. Es ist kurz vor Mittag. Ich habe schon festgestellt, dass die Mittagspause von zwei bis drei Stunden Länge heilig sind. Deshalb gehe ich erst gar nicht hinein, sondern beschließe, am Nachmittag wiederzukommen.

Statt das Museum zu besuchen, besorge ich Briefmarken für die Postkarten, die ich von jeder Station aus verschicke. Meine Eltern bekommen eine, Benjamin und die WG. Sie bekommen eine Karte von jeder meiner Stationen. So ausgerüstet setze ich mich in ein Café und bestelle grünen Tee mit Jasmin (dieses Café ist eines der wenigen mit Teeauswahl). Der Kellner bringt den Tee. Ich packe meine Postkarten, Briefmarken und Füller aus und beginne zu schreiben. Um eins breche ich auf. Ich bin fertig mit meinen zehn Postkarten, also bezahle ich und ziehe weiter. Ich möchte noch etwas sehen, bevor ich morgen wieder abreise. Ich suche eine Kirche, die ich besuchen kann, obwohl ich mittlerweile von Kirchen die Nase voll habe, mögen sie auch noch so schön und prachtvoll sein.

War es an diesem Tag, als mich der junge Mann ansprach? Ich bin mir nicht mehr sicher. Ich habe die drei Tage in Carcassonne hauptsächlich auf den Straßen der Stadt verbracht. Trotzdem erinnere ich mich nicht mehr an den Namen der Straße. Nein, es ist nicht sonderlich wichtig, weil der junge Mann in dieser Geschichte nicht weiter wichtig ist. Ich habe ihn nur bemerkt. Er steht auf der anderen Straßenseite, doch ich wüsste den Namen der Straße selbst dann nicht, wenn die Straßen, die übrigens quadratisch angeordnet sind, nach einem Schachbrettmuster benannt wären – mit der Porte des Jacobins als Orientierungspunkt. Es ist westlich der Porte, in Höhe der Place de l’Aude in einer Parallelstraße der Rue Georges-Clémenceau.

Den restlichen Nachmittag verbringe ich abwechselnd im Katharer-Museum, in dem eine Schulklasse gerade dabei ist, neues über ihre Vorfahren zu lernen, und dem Museum über Joë Bousquet, in dem Handschriften, Fotos und sogar sein altes Arbeits- und Schlafzimmer ausgestellt werden. Die ganze Wohnung ist so belassen, wie zu Lebzeiten des Schriftstellers: Wo Stufen sind, führen Rampen entlang, damit Bousquet sich mit dem Rollstuhl frei bewegen konnte. Vor allem das Zimmer sieht so aus, als könnte er noch in dem Bett liegen.

04.11.2009 La Philo c'est chouette

Ich schlafe nicht alleine in der Jugendherberge. Meine Zimmergenossin kommt aus Paris. Sie besucht ihre Mutter hier für einige Zeit. Am Vormittag verlässt sie die Cité und geht hinunter in die Stadt, wo ihre Mutter wohnt. Sie heißt Hélène. Ich habe mich mit ihr heute früh unterhalten nachdem ich vom Frühstück zurück gekommen war, um meine Sachen für den Tag zu packen. Sie geht durch die Stadt mit einer Aufmerksamkeit, die mir bisher fehlt. Heute Abend gäbe es ein Café Philosophie im Café «La Comédie»; morgen gäbe es ein Konzert im Châpeau Rouge.

An diesem Abend kehre ich nicht mehr zurück in die Cité. Ich besuche eine Buchhandlung. Ja, ich habe den Fehler bereits in Montpellier begangen, kann mich aber nicht beherrschen. Ich weiß nicht mehr, welches Buch ich dort kaufe. Ich suche «L’Amant» von Marguerite Duras. Es ist mein Lieblingsbuch. Mein literarisches Vorbild. Der Buchladen hat es nicht. Ich glaube fast, ich kaufe kein Buch hier und doch bin ich mir sicher, dass ich den Buchladen mit einem neuen Buch verlasse. Es ist «L’Amour». Weil es noch früh am Nachmittag ist, gehe ich in ein Café, das mir gefällt. Es ist nicht «La Comédie». Ich bestelle Tee und Kuchen und vertiefe mich in das Buch, in dem ich jedes zweite Wort in dem kleinen Wörterbuch heraussuchen muss, um den Text zu verstehen.

Am Abend gehe ich ins Café «La Comédie». Hier wird an den nächsten Abenden meine Heimat sein, beschließe ich. Um viertel vor sechs ist das Café fast leer. Ein Monsieur unterhält sich angeregt mit zwei Gästen und sieht mich erwartungsvoll an, als ich à la française mit schwarzem Barett den Raum betrete. Ich erwidere seinen Gruß und setze mich an einen Tisch. Eine Frau betritt das Café. Sie sieht etwas verwirrt aus. Ich schätze sie in ihren sechzigern. Ich bestelle einen grünen Tee mit Minze. Wer immer den erfunden hat, sollte an die Wand gestellt werden, gemeinsam mit demjenigen, der die Unart erfunden hat, jeglichen charakteristischen Geschmack in Vanillearoma ertränken zu müssen. Die Frau hat inzwischen am Nebentisch Platz genommen und wühlt in einer billig aussehenden Handtasche. Sie scheint gefunden zu haben, wonach sie suchte und holt eine Plastikflasche hervor. Es ist Körperlotion. Aber sie legt sie nicht beiseite, um etwas anderes in ihrer Handtasche zu suchen, nein, sie hebt die Flasche hoch an ihr Gesicht, zu ihrem Mund. Sie lässt einen Klecks Körperlotion heraus spritzen und verreibt die Lotion über ihrem geschlossenen Mund und zwar so, dass ein Rest der Lotion noch zwei Stunden später an ihrer Oberlippe zu sehen sein wird. Sie scheint meinen irritierten Blick bemerkt zu haben. Sie fühlt sich bewegt, sich mir zu erklären: «J’ai des lèvres sèches» – Ich habe trockene Lippen.

Sie spricht das Französisch sehr langsam. Beinahe überdeutlich. Wenn ich sie nicht für eine Französisn halten würde, könnte ich glauben, sie habe es soeben erst gelernt. Sie spricht alle Endungen und Vokale aus, die sonst verschluckt werden, die nicht ausgesprochen werden. Vielleicht bemüht sie sich um eine deutliche Aussprache. Ihre Vokale sind aber von derartiger Klarheit, wie man sie sonst nur von französischen Muttersprachlern hört. Ebenso verhält es sich mit ihrer Sprechmelodie. Es könnte eine wahre Freude sein, denke ich, ihr beim Sprechen zuzuhören, würde sie es nicht so langsam und betont tun. Erst jetzt fällt mir auf, dass ihre Füße nackt sind. Sie stecken nackt in Sandalen. Sie sind gepflegt, die Nägel mit neon-gelbem Nagellack bemalt. Draußen aber ist es herbstlich kühl, kein Wetter für Sandalen.

Der Professor ist sehr interessiert. Er kennt seine Schäfchen, seine Schüler. Jeden einzelnen. Mich kennt er noch nicht. Er kommt zu mir und spricht mit mir, fragt mich, woher ich komme, wer ich sei. Ich antworte ihm auf seine Fragen. Ich verstehe ihn gut. Ich sage, ich spreche nicht so gut französisch, aber ich verstehe schon sehr gut und ich sei gespannt, was ich hier heute Abend erfahren würde.

Das Café Philo, das lerne ich sehr schnell, ist keinesfalls eine lockere Plauderstunde am Stammtisch. Nein! Sie nimmt sich wichtig wie ein Seminar an der Universität. Es gibt Hausaufgaben. Meine habe ich nicht gemacht. Ich bin neu. Das Thema heißt «La philosophie n’est rien sans langage». Der Professor wird die meiste Zeit sprechen an diesem Abend. Seine Zuhörer sind seine Studenten, seine Schäfchen, die ihm aufmerksam zuhören, Fragen stellen und manchmal auch widersprechen.

Die Frau mit den Neonnägeln gehört auch zu seiner Entourage. Das habe ich schnell begriffen. Eine weitere Frau und ich stellen uns als Débutantes vor. Er erklärt die Regeln: Jede Woche bekommen die Teilnehmer Texte zu lesen auf, über die in der nächsten Sitzung gesprochen werden soll. Anders funktioniert Philosophie nicht. Das ist klar. Der Rest ist ein Uni-Seminar, nur dass dabei Café, Tee, Perrier und etwas zu Essen bestellt wird.

Das Thema scheint mir einleuchtend: «La philosophie n’est rien sans langage» Ohne Sprache ist die Philosophie nichts. Meine Laienhafte Übersetzung macht aus der «Philosophie» wahlweise «Weisheit der Sprache» oder «Weisheitsfreundlich». Doch anstatt über das Thema zu sprechen – auch das ist ganz wie an der Uni – darüber, was Philosophie und die Sprache verbindet und welche Rolle Sprache spielt, behandeln wir Themen der Philosophie. Ich mische mich nicht in das Gespräch ein. Das traue ich mich dann doch noch nicht zu. Ich höre nur zu.

04.11.2009 Die Liebe auf leeren Magen

Es ist schwer, hier ein Mittagessen zu finden, das essbar ist und gleichzeitig in mein Reisebudget passt. Denn hier besteht der Mittagstisch nicht einfach aus einem Gericht und einem Getränk. Es sind ganze Mittagsmenüs mit mindestens drei Gängen: Entrée, Plat, Fromage ou Dessert und Café. Der Preis, den man bereit zu zahlen ist, bestimmt den Inhalt des Menüs.

Das Essen in zwei Gängen habe ich ja schon bei Georges und Morgane kennen gelernt, wobei das Dessert auch einfach aus einem Joghurt oder einem Apfelkompott bestehen kann. Große Augen gibt es allerdings, wenn Crème Brûlée, Crème Caramel oder Mousse au Chocolat angeboten werden. Bei Morgane gab es meistens noch einen Aperitif: au choix aber gerne Muscat, wenn der schonmal aus Rivesaltes kommt. Einen unförmlichen Entrée aus Käse, Baguette und Pâté gab es auch noch – wer auch immer Pâté erfunden hat, sei heilig.

Denn wenn es sich auch nicht großartig von Leberwurst unterscheidet – was es im Fall von Pâté Foie auch nicht ist – so ist die Blockform, in der dargeboten wird, doch um einiges ansehnlicher als die Wurst aus einem Schweinedarm zu quetschen. Im Gegenteil dazu bleibt die Pâté in ihrer Blockform und die Esser betätigen sich künstlerisch wie Bildhauer an einer Skulptur, wenn sie die Masse auf ihr Baguette streichen.

Auf der Suche nach einem Regenschirm und einem Mittagessen mache ich mich an den Abstieg. Ich nehme den direkten Weg. Den, den ich gestern auf dem Rückweg von der Stadt in die Cité gefunden habe. Es dauert nur zwanzig Minuten. Die Mittagspausen sind hier heilig, stelle ich fest: Das Museum schließt für zwei, drei Stunden. Auch die Kirchen haben geschlossen. Ich will zurückkehren sobald auch das Schloss wieder geöffnet hat und meinen Rundgang fortsetzen. Ich werde nicht zurückkehren bevor es schließt. Ich lasse mein Ticket verfallen und gehe in die Stadt.

In dem Trubel aus trüben Wolken, Wind und Nieselregen suche ich einen Ort, an dem ich mich etwas ausruhen kann. Ich bin rastlos. In meiner Rastlosigkeit fällt mir ein junger Mann auf. Er steht auf der anderen Straßenseite. Er fällt mir nicht auf, weil er besonders auffällig gekleidet ist oder besonders schön ist. Es ist sein Blick, der mir ins Auge sticht. Er ist unbeirrbar auf mich gerichtet. Ich sehe zweimal hin. Sein Blick haftet auf meiner Person. Hier sagt man «Il est scotché.» Ich bin mir sicher, dass er den Blick nicht von mir abwenden wird, egal, was ich tue.

Ich wechsle die Straßenseite mit einigem Abstand zu ihm. Er kommt auf mich zu, spricht mich an. Er will die Uhrzeit wissen. Sicherlich hat er sich die ganze Zeit, in der er mich angestarrt hat, gefragt, ob ich sie ihm wohl sagen würde. Es ist halb zwei am Nachmittag. Ich sage ihm die Uhrzeit, will mich schon abwenden, weitergehen, da höre ich ihn wieder reden. Er bietet mir ein Glas an. Ich verstehe ihn nicht. Er ist aufgeregt. Seine Stimme ist leise und brüchig. Er hat die Kontrolle über sie verloren. Er fragt mich noch einmal, ob er mir ein Glas anbieten könne. Diesmal verstehe ich, was er meint. Ich lehne das Angebot freundlich ab. Ich entschuldige mich, sage ihm, dass ich noch einiges zu erledigen hätte an diesem Nachmittag. Ich denke an Daniel. Das ist einer seiner typischen Reflexe: Ein Fremder spricht ihn an. Er wahrt mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mittel seine Distanz, lässt niemanden an sich heran. So auch ich an diesem frühen Nachmittag. Ich will mich schon von ihm abwenden, da sieht er mich an und sagt, er wolle mich wissen lassen, dass ich sehr schön sei. Ich lächle. Er wiederholt, ich sei sehr schön. Ich fühle mich geschmeichelt. Mir schmeichelte schon sein zaghafter Versuch, mich anzusprechen. Ich wende mich um, ein Lächeln auf den Lippen. Ich gehe um die nächste Ecke nach rechts, zurück in den Trubel der Stadt.

Es wird nicht lange Zeit später sein, ich frage mich bereits als ich mich abwende, was ich zu verlieren hätte, etwas mit ihm zu trinken. Ich habe nichts bestimmtes vor an diesem Nachmittag. Ich kenne niemanden in dieser Stadt. Wieso also eigentlich nicht? Ich kehre nicht um. Ich bleibe auf meinem Weg.

04.11.2009 The Writings on the Wall

Der erste Eindruck hat mich nicht getrügt: Die Cité erweckt einen geradezu zu gut erhaltenen Eindruck. Ich bin schon sehr früh unterwegs. Noch bevor die Mittelalterstadt zum Leben erwacht erkunde ich sie. Das Schlossmuseum ist noch geschlossen, also gehe ich andere Wege. In einer der Kathedralen erlebe ich, wie es draußen hell wird. In einer Ecke steht Frankreichs Heilige: Johanna von Orleans. Man erkennt sie kaum. Sie steht in einer dunklen Nische und ist nur von einer Kerze erleuchtet. Von den Säulen stürzen sich Wasserspeier zu mir hinunter. Die Fenster sind beeindruckend. An einer Säule entdecke ich einen Ring, der in den Stein eingehauen ist.

Mein Schlossführer wird mir später erklären, dass Kirchen zur Zeit ihrer Erbauung im Mittelalter Orte der Begegnung waren: Hier wurden Märkte abgehalten, Geschäfte getätigt und Abkommen geschlossen. Der neueste Tratsch wurde verbreitet, während Kinder zwischen den Bänken und Seitenschiffen umher tobten und spielten. Zur Zeit der französischen Revolution wurden sogar die Pferde hier geparkt. Davon erzählt der Ring in der steinernen Säule.

Die Kirchenbesucher heute geben kaum einen Mucks von sich. Sie bleiben still, erstarren in andächtiger Haltung, den Blick in den unfassbaren Raum des Kirchengewölbes gerichtet. Sie verstummen in Ehrfurcht, wenn sie daran denken, mit wieviel Blut, Schweiß und Tränen diese Mauern errichtet wurden, wie viele Seelen unter diesem Fundament ruhen. Sie wissen genau, dass es eine solche Kirche nie wieder geben wird, wenn sie zerstört werden sollte. Man könnte sie zwar genauso wieder aufbauen, wie sie heute hier steht. Sie wäre aber keinesfalls dieselbe. Sie wäre nachgeahmt, kopiert. Ein verzerrtes Abbild ihrer selbst.

Die Cité selbst ist ein Beispiel hierfür, obwohl ihr das nicht gerecht wird. Im 19. Jahrhundert fragte sich die französische Regierung, ob sie die Ruine, die die Cité damals war, abreißen sollte, oder viel lieber restaurieren. Die Entscheidung fiel auf eine Restauration nach dem Vorbild des Schlosses der Familie Trencavel, die in Carcassonne die einflussreichste Familie jener Zeit war. Die Cité blieb. Sie wurde restauriert nach Plänen oder nach einem Bild, das von ihr oder einer anderen Mittelalterfestung existierte.

Man restaurierte die alte Cité, um sie den Touristenströmen urbar zu machen, die man sich dadurch in Carcassonne versprach. Den Horden der Touristen anheim gegeben. Ecke an Ecke, Seite an Seite reihen sich die Souvenirläden, Restaurants und Imbissbuden aneinander. Alle werben sie mit «Cassoulet» in großen Lettern von dem Eintopf, der in dieser Region Tradition hat. Ein Eintopf aus Bohnen und Fleisch, der seinen Ursprung im nahen Ort «Castelnaudary» hat. Sie versuchen, den hungrigen Besucher anzulocken mit mittelalterlichem Charme, sei es in der Einrichtung oder mit den langen Tafeln an denen sie ihr Mittelalterbankett abhalten.

Ich gehe ins Schloss. Ich besorge mir eine Eintrittskarte und buche eine Führung. Es gebe auch Führungen auf Deutsch, klärt mich die Ticketverkäuferin auf, aber ich bleibe bei meiner französischen Führung. Der Führer ist ein kleiner, rundlicher Mann mit Halbglatze. Außer mir gehört noch eine junge Frau zu der Gruppe. Er spricht schnell; so schnell, dass ich von allem, was er uns erzählt, vielleicht die Hälfte verstehe.

Wir stehen im Innenhof des Schlosses und wie ein Vater kleinen Kindern aus einem Buch vorliest, liest uns unser Guide aus den Mauern und Gebäuden, die das Schloss umgeben. Erst jetzt beginne ich zu begreifen, wo ich mich eigentlich befinde: Die Geschichte der Cité ist die Geschichte der Stadt. Der Ursprung geht zurück auf die römische Carcasso, die hier im ersten Jahrhundert vor Christus gegründet wurde. Der kleine Fluss, der unter der Pont Neuf und anderen Brücken hindurch fließt, ist der Canal du Midi. Sie war einst Teil einer Handelsstraße zwischen Atlantik und Mittelmeer.

Das Schloss geht zurück auf eine römische Festung aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus. Seit dieser Zeit wurde die Festung unzählige Male angegriffen, verteidigt oder eingenommen. Sie wurde niedergebrannt, wieder aufgebaut und wenn dem jeweiligen Burgherren danach war, wurde ein neuer Schlossflügel angebaut. Ihre Mauern wurden geflickt mit Geröll aus anderen Mauern oder eingestürzten Türmen.

Unser Guide lehrt uns, in den Mauern zu lesen: Knapp über dem Boden sind kleine Steinbogen zu erkennen. An einer Stelle der Mauer hört die Struktur abrupt auf und geht über in ein heilloses Durcheinander von Geröll und Steinen. Ich stelle mir vor, wie eine Kanonenkugel das einst intakte Muster der Mauersteine zerfetzt. Es ist ein lauter Knall, der einige Soldaten unter sich begräbt. Auf der rechten Seite deutet der Guide auf einige Balken. Kurz davor stehen einige Blöcke treppenförmig hervor. Der Eindruck täuscht nicht. Hier befand sich einst ein Bohlengang, zu dem eine Treppe heraufführte. Wie muss es damals ausgesehen haben, frage ich mich. Ich kann die zugemauerten Fenster, die Brüche in der Mauerstruktur, die andere Bauweise eines Flügels: All das kann ich erkennen. Ich kann nur nicht deuten, wann was entstanden ist.

Ein Turm speichert sich besonders in meinem Gedächtnis. Es ist das Inquisitionszimmer. Als die Katharer sich von Rom abwandten, schickte der Papst die Inquisition in das Languedoc. Der Katholizismus musste schließlich beschützt, die Seelen der abtrünnigen Schafe vor der Hölle bewahrt werden. Wenn das auch bedeutete, ihre abtrünnigen Körper zu foltern und sie die Hölle auf Erden durchleben zu lassen. Aber was ist das irdische Leben gegen die unendlichen Qualen der Hölle. Bis heute ist diese Logik für mich pervers. Bis heute gibt es Menschen, die dieser Logik anhängen und blind einem Konzept folgen, das sie «Gott» nennen – ein Konzept, das ihr Leben bestimmt, das sie daran hindert, ihren Verstand zu benutzen, ein Konzept, das in sich widersprüchlich ist. Denn: Wenn das Konzept «Gott» einen Baum der Erkenntnis in den Garten Eden pflanzt, den Menschen nach dem eigenen Bild schafft, will er dann nicht auch, dass sich diese seine Schöpfung selbstverantwortlich, die eigene Vernunft gebrauchend verhält? Ist es dann nicht unsinnig zu sagen, ein Individuum – und das ist jeder, der nach seinem Verstand handelt – handele nicht nach dem Glauben? Hat dieses Individuum denn mit seinem Verstand denn nicht auch die Möglichkeit zu entscheiden, ob es einem Konzept «Gott» folgt oder nicht? Und sind nicht dadurch die fundamentalen Anhänger eines Konzepts «Gott» nicht diejenigen, die sich der Bestimmung dieses Konzepts widersetzen und sich damit selbst widersprechen?

All das geht mir durch den Kopf, als ich in diesem Turm stehe. Der Guide zeigt auf die Sandsteine: Hier hat der Inquisitor minutiös die Vergehen, die Verhöre und die Strafen seiner Opfer in den Stein geritzt. Glücklich sehen diese Figuren alle nicht aus, wie man sich vorstellen kann. Mich schauert bei dem Gedanken daran, dass in einer anderen zeitlichen Dimension hier an diesem Ort Menschen ihr grausiges Ende fanden. Bilder an «Der Name der Rose» tauchen in meinem Kopf auf. Wer hätte denn nicht gestanden und sich freiwillig ermorden lassen. Gegen die Perversität der Kirche und die Verblendetheit der Gläubigen dürfte der Tod eine Erlösung gewesen sein.

04.11.2009 Ab durch die Mitte!

«Diamond ring – wear it on your hand! It’s gonna show the world I’m your only man …» Der Song geht mir seit gestern nicht mehr aus dem Kopf. Bevor ich in Rivesaltes aufgebrochen bin, habe ich mir das beste aller Bon Jovi-Alben auf den MP3-Player geladen: «These Days». Seitdem befinde ich mich in einem Zustand gewisser Melancholie. Ob ich an Daniel denke? Nein, ganz sicher nicht. Ich denke an einen anderen. Ich schreibe Briefe. Ich habe ihnen ein eigenes Notizbuch gewidmet. In dieses Buch schreibe ich die Briefe wie ich in ein anderes Gedichte schreibe. Ich fülle das Buch mit den Briefen an ihn. Ich fülle es mit schwarzer Tinte aus einem Schönschreibfüller, wie ich sonst meine Gedichte schreibe.

Er wird keinen einzigen davon jemals erhalten. Er wird sie niemals lesen. Diese Briefe versende ich nicht. Das erinnert mich an Marcelle Sauvageaut: Ein hoffnungsloser Fall und das stürzt mich noch tiefer in die Melancholie. Ich bade darin, ertränke mich in ihr. Diese Melancholie: ich koste dieses Gefühl vollkommen aus mit einer Wonne. Diese Melancholie ist es, die mich diese Briefe schreiben lässt, diese Gedichte, diese Geschichte. Das ist es, was meine Feder führt.

Daniel fehlt mir. Das Gegenteil möchte ich nicht behaupten. Es wäre nicht wahr. Nach zwei Wochen des Unterwegsseins fange ich an, meine Familie und meine Freunde zu vermissen. Zu der Melancholie gesellt sich ein gewisses Heimweh. Und doch, und das ist das seltsame: Wann immer ich mir vorstelle, wieder zuhause zu sein, schwindet der Wunsch dorthin zurückzukehren immer mehr.

Auf der einen Seite habe ich das Reisen satt. Auf der anderen Seite will ich aber nicht rasten. Die Freiheit, die mir das Reisen gibt, ist das Größte, was mir je widerfahren ist. Vielleicht will ich auch erstmal an einem Ort ankommen, wo ich etwas bleiben, meine Reisetasche auspacken und meine Kleider in einem Schrank verstauen kann. Einem Ort, wo ich nicht jeden Morgen in einer großen Tasche nach frischer Unterwäsche wühlen muss. Das ist wohl das Schicksal des Steins, wenn er erst einmal ins Rollen gekommen ist.

Um fünf Uhr am Morgen werfe ich mein Handy aus dem Bett. Ich habe mir den Wecker dort gestellt, damit ich das Frühstück nicht verschlafe und rechtzeitig aus dem Zimmer bin, denn es ist hier wie in jeder Jugendherberge: Tagsüber hat man in den Zimmern nichts zu suchen. Damit ich den Wecker nachher schneller ausstellen kann, wenn er klingelt, werde ich wach, stehe auf und krieche unter das Bett. Unterwegs begegne ich ein paar freundlich grüßenden Wollmäusen. Zum Glück bin ich schon lange genug in Frankreich, um auch die französischen Wollmäuse zu verstehen. Ich erkläre ihnen, dass alles in Ordnung sei und ich nur an mein Telefon will. Maggie, die ich in ihrem Bettchen unter das Bett gelegt hat, bestätigt das und bürgt für meine guten Absichten. Als ich endlich wieder unter dem Bett hervor komme, habe ich das Handy und meine Zimmergenossin schläft glücklicherweise immer noch.

Einschlafen kann ich nicht mehr. Wieder dieses Lied «Diamond ring …». Es muss sich irgendwann zwischen den Wollmäusen und meiner Rückkehr unter die viel zu kurze Decke ganz unbemerkt eingeschaltet haben. Jetzt, wo alle Aufregung vorbei ist, dröhnt es umso lauter. Dazu plätschert es draußen, als würde schon jemand duschen, inklusive der Ablüftung des Waschbereichs. Es könnte der Regen draußen sein, mutmaße ich. Weil meine Zimmergenossin aber die Vorhänge zugezogen hat, sehe ich nichts.

Stattdessen schalte ich meine Klemmleuchte ein und klemme sie an mein Buch: Ich versuche mich an Aristoteles’ Nikomachischer Ethik. Für alle, die es lesen müssen: Nehmt Euch was zu lesen mit! Für alle, die es lesen mussten und gelesen haben: Mein Beileid. Für alle, die interessiert, was drin steht hier die Kurzzusammenfassung: Es gibt für alles zwei extreme Ausprägungen. Der Mittelweg ist immer der beste. Ende.

Meine Zehen stoßen an das Bettende an. Ist das nicht der Fall, stößt mein Kopf am Kopfende an. Eine Partie sinnloser Handyspiele hilft da auch nicht beim Einschlafen. Also liege ich die nächsten Stunden mit einem Griechen im Bett, der nicht aufhören kann, mich mit dem Wesen des Glücks, Haltungen und Wesenszügen zuzutexten. Als es Zeit wird, aufzustehen und mein Wecker klingelt, habe ich das zweite Buch der Nikomachischen Ethik fast durch.

Im Dunkel des frühen Morgens schäle ich mich aus dem Bett. Irgendwo plätschert die Dusche. Im Hintergrund dröhnt die Entlüftung. Gibt es noch Autoren, die über Jugendherbergen schreiben? Ich meine, abgesehen von Kinder- und Jugendbuchliteratur ist dieses Thema bestimmt nicht breit gestreut. Ich kann es nachvollziehen. Wäre ich nicht alleine unterwegs, hätte ich die fünf Euro pro Nacht mehr für ein richtiges Bett, ein richtiges Bad mit Dusche sicherlich ausgeben können.

Die Dusche ist ein Raum mit einem Kleiderhaken, einem Abfluss, einer Duschstange samt Brause und einer kleinen Ablage für das Duschzeug. Die Dusche liegt nicht im Zimmer. Wie in Jugendherbergen üblich, ist es ein kleiner Raum über den Gang und weil dies so ist und ich nicht in ein Handtuch gewickelt durch die Gegend laufen will, nehme ich meine Kleider und Schuhe mit in diesen Raum, der keinerlei Möglichkeiten bietet, die Kleider nach dem Duschen trocken anzuziehen. Ich brauche eine bestimmte Technik zum Duschen, wenn ich meine Kleider trocken anziehen will und drunter passe ich auch nicht ganz.

Im Frühstücksraum folgt das geniale Jugendherbergsfrühstück. Der Kaffee ist nahezu ungenießbar und meine Vorfreude auf eine Schüssel Cornflakes mit Kakao schlägt mienenverzerrt um, als sich die bittere braune Masse meinen Zungengrund entlang in Richtung Speiseröhre robbt. Der Kakao ist nicht gezuckert. Das Frühstück artet plötzlich in hektisches Zuckertütchensuchenaufreißenunddrüberstreuen um – Ich liebe die deutsche Sprache für die Möglichkeit, wahllos Wörter aneinanderzuhängen ohne, dass das daraus entstehende Wortungetüm an Sinn verliert, was man von diesem Satz nicht behaupten kann. Aber was will man denn erwarten nach zwei Stunden griechischer Philosophie.

03.11.2009 Hunger, müde, kalt – Was mach ich nur in Carcassonne?

Carcassonne wird nicht meine Lieblingsstadt werden. Ich erinnere mich immer noch an Montpellier. Das waren Tage! Die Straßen in Carcassonne sind nicht gerade die saubersten. Ihre Glanzzeiten sind auch schon länger her. Genauso steht es um die Häuser. Dieser Zustand wundert mich nicht. Seit ich in Frankreich unterwegs bin haben sich schöne Häuser in Grenzen gehalten. In Montpellier und Narbonne fand ich das noch ganz charmant. Es hatte schon etwas: Dieser Charme des Verfalls.

Hier in Carcassonne aber stößt mich der Zustand der Häuser ab, ebenso wie der Zustand der Straßen, ja der ganzen Stadt. Ich finde es ekelhaft. Liegt es daran, dass der Himmel von grauen Wolken verhangen ist und das gestreute Licht glanzlos auf die Fassaden fällt? In Montpellier und Carcassonne hat immer die Sonne geschienen. Es waren herrliche Tage, fast noch Sommertage, und das Ende Oktober. Hier aber will ich gerade wieder sofort raus.

Der Bus fährt durch die Stadt, der Cité entgegen. An jeder Haltestelle rechne ich damit, dass ich aussteigen muss. Hatte Georges nicht gesagt, Carcassonne sei schön? Der Bus biegt nach rechts um eine Ecke. Vor meinen Augen öffnet sich die Mauer aus Häuserfassaden und im Licht der in der Abenddämmerung begriffenen Sonne erstrahlen hoch oben auf einem Hügel Türme, Erker hinter einer steinernen Mauer: Die Cité von Carcassonne.

Sie sieht ein bisschen aus wie das Dornröschenschloss aus Disneyland. Nicht ganz, aber etwas – als gehöre diese Stadt nicht hierher. Angeblich war Walt Disney tatsächlich von der Cité de Carcassonne inspiriert als er das Schloss zeichnete. Sie ist die älteste erhaltene Mittelalterstadt der Welt und ich werde die nächsten drei Tage dort wohnen.

Der Bus hält direkt vor dem Eingangstor der Cité. Von einem Stadtplan weiß ich etwa wie ich zur Jugendherberge laufen muss: Immer geradeaus und irgendwann nach links. Ich habe Glück: Trotz meiner Verspätung komme ich immer noch rechtzeitig zum Einchecken. Ich teile das Zimmer mit jemand anderem. Ihre Sachen hängen um ihr Bett. Die Flurfenster bieten einen tollen Ausblick über die Dächer von Carcassonne und wieder meldet sich mein Magen.

Ich ziehe los und stelle schnell fest, dass ein billiges Abendessen aus dem Supermarkt nicht drin ist: In der Cité gibt es keinen. Es gibt Restaurants, in denen man teure Menüs bestellen kann und es gibt Imbissbuden, die schon geschlossen haben, weil es ja Abend ist.

Die Cité im Rücken suche ich mir einen Weg in die Stadt. Irgendwo unterwegs wird es schon soetwas wie einen Supermarkt geben. Den ersten lasse ich erst einmal beiseite. Ich will in die Stadt. Schilder gibt es hier nur für Autos und so folge ich ihnen. Hinter mir geht die Sonne über der Stadt unter. Ich habe meinen Herbstmantel angezogen und die schwarze Baskenmütze tief ins Gesicht gezogen.

Diese Häuserfassaden gehen mir nicht aus dem Kopf: Wie gesagt, sie waren bisher alle nicht sonderlich schön, aber so? Etwas ist anders. Ich weiß nicht, ob es diese Stadt ist, die ich nicht leiden kann, ob es an meinem Blutzuckerspiegel liegt, der momentan im Keller liegt und mir nur ein saftiges Steak als Schönheit erscheinen lässt, oder ob mir nach zwei Wochen in Frankreich dieser Stil des Heruntergekommenen auf die Nerven geht. Wahrscheinlich ist es eine Kombination aus allem: Der Verkehr brüllt, es ist laut und von den Abgasen sehen die Häuser noch schlimmer aus. Charme hat diese Stadt keinen.

Ich merke es wieder: Mit Supermärkten ist es in Frankreich ziemlich schlecht bestellt: In den Städten und Dörfern gibt es eher Läden, die nach der Größe, eher an Tante-Emma-Läden erinnern. Sie sind klein, haben ein paar kleine Regale mit Lebensmitteln, eine Kühltruhe, vielleicht eine Tiefkühltruhe und einen Stand mit Obst und Gemüse. Wirklich viel Auswahl gibt es zwar nicht. Hungrig bleibt hier aber niemand. Die größeren Supermärkte oder sogar Hypermärkte liegen außerhalb der Städte und sind nur mit dem Auto zu erreichen.

Dass ich nicht gleich den ersten dieser Tante-Emma-Läden aufgesucht habe, der mir auf dem Weg lag, stellt sich gleich als Fehler heraus. In der Dunkelheit (mittlerweile wird es sehr früh dunkel und das schnell) kommt es mir in den verlassenen Straßen vor, als sei es mitten in der Nacht. Dabei ist es nicht einmal sieben Uhr am Abend. Je länger ich gehe, desto stärker überlege ich, nicht doch bei einem Imbiss zu halten und mir eine Portion Pommes Frites zu genehmigen (Ich gebe zu, die Speisekarte des Rucksackreisenden ist stark begrenzt vor allem durch die begrenzte Reisekasse).

Zu meinem Hunger hat sich jetzt noch Trotz gesellt: Ich habe keine Lust, etwas mitzunehmen und unterwegs zu essen und zum hinsetzen ist es in diesen Imbissbuden auch nicht gemütlich genug. Außerdem will ich jetzt keine ungesunden Fritten, sondern lieber ein Baguette, etwas Käse und etwas Obst. Der Laden dafür ist weit und breit nicht zu sehen und so laufe ich weiter, immer der Route hinterher, von der ich annehme, dass sie der Bus vorhin gefahren ist.

Langsam verliere ich die Geduld. Hinter jeder Biegung versprechen neue bunte Bilder die Erfüllung meiner kulinarischen Wünsche und jedes Mal zerplatzen die Hoffnungen wie Seifenblasen. Es scheint fast so, als lebte man hier nicht an großen Straßen – ein Habitus, den ich durchaus nachvollziehen kann. Wo in Deutschland die Supermärkte aber meist dort zu finden sind, scheinen sich die Lebensmittelläden in Frankreich in kleinen verwinkelten Straßen zu verstecken. Die findet man kaum, wenn man nicht weiß wo sie sind oder zufällig über ein Hinweisschild stolpert.

Ich habe auch keine Lust, nach ihnen zu suchen, und mich in den Gassen zu verlaufen. Zu alldem ist es kalt und der Wind pfeift. Trotzdem laufe ich weiter. Ich befinde mich wieder in diesem Zustand, der mich ein Bein vor das andere setzen lässt, ohne darüber nachzudenken. Ich sehe plötzlich Schienen. Hier muss bald der Bahnhof sein und tatsächlich: Schräg vor mir zeigt er sich plötzlich, mitten aus dem Dunkel. Ich höre die Ansage auf dem Bahnsteig. Hinter einer Unterführung erkenne ich, wo ich vor ein paar Stunden aus dem Zug gestiegen bin und finde die Innenstadt.

Ohne länger zu suchen steuere ich dann aber doch ein Restaurant einer weltweiten Kette an. Ich schreibe das deshalb, weil mir an diesem Restaurant etwas interessant vorkommt. Gleich am Eingang empfängt mich eine junge Frau in der für die Kette typischen Uniform. Sie fragt mich was ich essen möchte. Ich suche mir ein Menü aus und bestelle es bei ihr. Sie nennt eine Zahl. Aha! Ich warte also, bis ich aufgerufen werde. Also setze ich mich an einen Tisch. Das Restaurant ist fast leer. Nach einer Weile habe ich vom Warten genug. Ich gehe an die Theke. Die junge Frau dahinter fragt mich nach meiner Nummer. Ich sage sie ihr, gebe ihr den Bon, den ich für meine Bestellung bekommen habe und habe kurz danach mein Tablett in der Hand.

03.11.2009 Aus Blau wird Grau

Am Horizont zeigt sich noch ein Zug. Meine Tasche und mein Rucksack hängen immer noch an mir. Ich habe sie nach dem letzten TGV nicht abgelegt. Die Zugmaschine zieht wieder an mir vorbei. Der Zug auch: Es ist ein Güterzug. Erst zwei Züge später hält einer. Es ist mein Zug nach Narbonne.

Unterwegs verabschiede ich mich von dem Meer. Ich weiß noch nicht, dass ich es hier zum letzten Mal sehe. Ich tausche das Meer gegen die Berge und als ich den ersten Schritt aus dem Zug auf den Bahnhof von Carcassonne mache, verfluche ich mich für diesen Tausch. Ich habe mich dafür schon gestern verflucht, nachdem ich auf dem Stadtplan gesehen habe, wohin ich mit meinen fünf Taschen vom Bahnhof aus muss – natürlich erst nachdem ich die Jugendherberge gebucht hatte.

Die überaus freundliche Demoiselle am Fahrkartenschalter der SNCF weiß nichts von einem Bus zur Cité oder einer Jugendherberge. Das Rondell, zu dem sie mich schickt und das sich «Office de Tourisme» nennt, hat natürlich geschlossen. Dazu ist heute nicht gerade der wärmste Tag.

Die Bushaltestelle liegt direkt dahinter, also praktisch vor der Nase der Demoiselle von der SNCF. Auch mein Bus fährt hier ab und es ist nicht die 2, wie auf der Webseite der Jugendherberge angegeben, sondern die 4. Teuer ist das Busfahren hier, wundere ich mich, als mir der Busfahrer den Preis für die Fahrt zur Cité nennt. Ich lege das Geld passend in den Münzteller, worauf er mich ungläubig ansieht und mir unerwartet mein Wechselgeld in die Hand drückt. Sein Akzent hatte nur € 5,20 aus € 1,20 gemacht. Ich verstaue Maggie und die Taschen auf einem der Sitze und setze mich daneben. Der Bus fährt los, mein Magen knurrt. Höchste Zeit anzukommen und etwas zu essen zu suchen, denke ich während draußen eine graue Stadt an mir vorbeizieht.

03.11.2009 Wieder unterwegs

Ich stelle fest, dass ich mich langsam hier heimisch fühle. Mit «hier» meine ich Rivesaltes. Ich stelle auch fest, dass mir das immer dann passiert, wenn ich ein paar Tage am gleichen Ort zugebracht habe. Das Gefühl, das mich nach dieser Zeit erfasst, ist eine Mischung aus Trägheit und Rastlosigkeit. Hier bin ich schon einen Tag länger geblieben als in den anderen beiden Städten und länger als eigentlich gedacht war. Aber so ist das mit Plänen Reisender: Sie wechseln wie der Wind die Richtung. Mein Wind bläst aber konstant von den Bergen. Er ist kalt.

Als Nicolette gestern Abend zu mir in Morganes Büro gekommen war, um sich zu verabschieden, lief alles ganz schnell: Plötzlich konnte ich es nicht mehr erwarten, in diesen Zug zu steigen und in die nächste Stadt zu fahren. Ich habe für dieses Mal keine Couch gefunden und werde in einer Jugendherberge übernachten müssen. Besser als unter der Brücke ist das allemal, wenn es auch die Reisekasse ein wenig stärker strapaziert. Dafür ist sie aber auch sicherer. Zudem liegt die Herberge mitten in der mittelalterlichen Cité de Carcassonne, der Hauptattraktion der Stadt und der Grund, weshalb ich dort hin fahre. Und was die Reisekasse angeht, besteht ja noch die Möglichkeit, es Rod Steward gleichzutun und Straßenmusiker zu werden.

Ehe ich mich versehe, ist die Reise geplant: Ich buche ein Bett mit Frühstück und bin einmal mehr froh, mir für diese Reise etwas Plastikgeld eingepackt zu haben. Ein Frühstück zur Übernachtung ist hier übrigens nicht üblich, wie es zuhause der Fall ist, obwohl das Frühstück sicher die günstigste Mahlzeit ist, die man hier einnehmen kann: ein Café und ein Croissant oder Milchbrötchen, fertig. Allerdings ist der Café hier, in der Nähe der spanischen Grenze, ein wenig enttäuschend klein. Es ist schon eher ein Espresso. In der Jugendherberge gibt es glücklicherweise ein Frühstück. Wie viel Glück das ist, soll ich aber erst später erfahren. Ich suche mir den Weg vom Bahnhof zur Jugendherberge heraus und der Trip ist geplant. Jetzt stehe ich hier, an diesem verlassenen Bahnsteig, an dem alle zwei Stunden ein Zug hält, wenn man Glück hat, und warte auf meinen.

Ich hätte vielleicht auch noch da bleiben können, Morgane und die anderen weiter bekochen können. Aber irgendwann wird es Zeit, zu gehen. Spätestens wenn die Koffer gepackt sind und alles wieder so hinein gepasst hat, wie noch vor zwei Wochen, will ich los. Weiter ziehen. Ich fühle den kalten Wind aus den Bergen in meinem Nacken und höre dazu wieder einmal Keith Richard an der Gitarre und Bob Dylan an der Mundharmonika und zwischendurch singt er: «How does it feel? How does it feel to be on your own with no direction home. Just like a rolling stone.»

03.11.2009 "La Essaie Haine CF"

Das Funkeln am Horizont wird größer. «Il y a un train là!» freuen sich die Fahrgäste, die wie ich auf dem Bahnsteig den Zug nach Narbonne erwarten. Auch ich sehne mich danach, endlich in den Zug steigen und dem Meer auf Wiedersehen sagen zu können. Der Wind pfeift von den Bergen «Il souffle.» Ich möchte an dieser Stelle spöttisch bemerken, dass Rivesaltes tatsächlich ein Hauptknotenpunkt im französischen Schienenfernverkehrsnetz ist. Mittlerweile ist es 13.45 Uhr. Der Zug hat 15 Minuten Verspätung und mein Anschlusszug wird nicht lange warten. Der nächste Zug in die gleiche Richtung fährt um 15.56 Uhr. Es ist nicht nur der nächste Zug nach Narbonne. Es ist der nächste Zug, der überhaupt an diesem Bahnhof ankommen wird.

An der Tatsache, dass sich das Funkeln zu schnell in einen Zug verwandelt hat, schließe ich, dass dieser Zug nicht hier halten wird. Er kommt sehr schnell näher und knallt die wartenden Fahrgäste von ihren Plätzen auf die andere Seite des Bahnsteigs. Es ist ein TGV sehe ich, als er vorbeifährt. Das erklärt die Geschwindigkeit. Eine Lautsprecheransage gibt es nicht: Kein «Attention TGV passant» oder ähnliches.

Einige Minuten später erscheint wieder dieses verheißungsvolle Funkeln am Horizont. Es wird größer, bis ich einen Zug ausmachen kann. Ich gehe zu meinen Taschen, die auf dem Bahnsteig aufgebaut habe, und nehme eine der vier in die Hand (ich habe sie um eine reduziert) – wenn der Zug hielt, würde es schnell gehen müssen – und bepacke mich wieder wie einen Esel oder ein Kamel auf der eigenen Expedition. Wenn ich mich manchmal von außen betrachte, komme ich mir manchmal wie einer dieser Menschen in China vor, die ihre Last in Bergen aufgetürmt zum nächsten Dorf schleppen. Wenn diese Tasche doch nur Rollen hätte!

Die Zugmaschine rollt wieder an mir vorbei und der Luftstoß, den sie verursacht, drückt mich abermals in Richtung der anderen Bahnsteigseite. Dazu pfeift mir der Wind aus den Pyrenäen um die Ohren. Etwas stimmt nicht mit diesem Zug. Er gibt sich nicht einmal die Mühe, zu versuchen, zu bremsen. Die Aufkleber an den Seiten verraten mir auch warum: Noch ein TGV! Ich warte auf den Ter.

Meine Mitfahrer werden verständlicherweise ungeduldig; jetzt, nach 15 Minuten Verspätung! Eine Durchsage oder eine Hinweistafel gibt es natürlich nicht. Von den Bergen hinter mir bläst der Wind. Er ist stark. Ich muss aufpassen, dass Maggie nicht umgeweht wird. Es sind die orientalischen Pyrenäen, die sich dort hinten auftafeln und daneben die Corbièren.

Das Paar neben mir regt sich auf – nein, die Frau regt sich auf. Sie findet das alles skandalös. Wohlgemerkt: Nach 15 Minuten warten. In Deutschland hätte ich das auch unmöglich gefunden, aber hier geht es. Ich habe ja keine Eile. Das einzige Problem, dass ich bekommen könnte, wäre zu spät oder gar nicht in Carcassonne anzukommen. Ansonsten ist das alles ein großes Abenteuer. Während sich das Paar über die Verspätung aufregt kommt auf der anderen Seite der Gleise eine Dame aus dem Bahnhofshäuschen herausgelaufen «Cinquants minutes en retard» ruft sie zu uns herüber. Praktischerweise erreicht man diese Seite der Gleise von meinem – Gleis 2 – nur über eine Brücke. Nach der Vorstellung, aus dem Bahnhofsgebäude herauszulaufen, mit meinen vier Taschen über die Brücke zu hechten und dann den Zug doch noch zu verpassen, habe ich diese Option für mich verworfen.

Fast eine Stunde Verspätung – Meinen Anschlusszug in Narbonne werde ich wohl verpassen. Hoffentlich fährt nachher noch einer rüber. Vor allem weil ich noch einmal umsteigen muss, einmal hinter Castelnaudary glaube ich. Der Mann des Paares bleibt übrigens ganz gelassen und ich finde es zumindest skandalös, dass die Verspätung nirgends angezeigt wird.