13.11.2009 – Aux Larmes Après la Bataille

Die Stille, die sich bei dem Frühstück zwischen uns breit gemacht hat, verschwindet, als die Tür zu Felix’ Wohnung hinter uns ins Schloss fällt. Wir sind beide noch sehr verschlafen von der letzten Nacht. Ich will nur ins Bett und schlafen, so müde bin ich.

«He!» ich komme nur ein zwei Schritte weit in Richtung Schlafzimmer, bevor Sébastien mich am Arm packt und festhält. Weiterlesen

06.11.2009 – Il fait froid, je veux des crèpes

In meinen Armen klingt Maggies «Hallelujah» von Jeff Buckley – ja, er hat es von Leonard Cohen gecovert und gezeigt, dass ein Cover auch besser sein kann als das Original – tröstend und wärmend. Weiterlesen

04.11.2009 La Philo c'est chouette

Ich schlafe nicht alleine in der Jugendherberge. Meine Zimmergenossin kommt aus Paris. Sie besucht ihre Mutter hier für einige Zeit. Am Vormittag verlässt sie die Cité und geht hinunter in die Stadt, wo ihre Mutter wohnt. Sie heißt Hélène. Ich habe mich mit ihr heute früh unterhalten nachdem ich vom Frühstück zurück gekommen war, um meine Sachen für den Tag zu packen. Sie geht durch die Stadt mit einer Aufmerksamkeit, die mir bisher fehlt. Heute Abend gäbe es ein Café Philosophie im Café «La Comédie»; morgen gäbe es ein Konzert im Châpeau Rouge.

An diesem Abend kehre ich nicht mehr zurück in die Cité. Ich besuche eine Buchhandlung. Ja, ich habe den Fehler bereits in Montpellier begangen, kann mich aber nicht beherrschen. Ich weiß nicht mehr, welches Buch ich dort kaufe. Ich suche «L’Amant» von Marguerite Duras. Es ist mein Lieblingsbuch. Mein literarisches Vorbild. Der Buchladen hat es nicht. Ich glaube fast, ich kaufe kein Buch hier und doch bin ich mir sicher, dass ich den Buchladen mit einem neuen Buch verlasse. Es ist «L’Amour». Weil es noch früh am Nachmittag ist, gehe ich in ein Café, das mir gefällt. Es ist nicht «La Comédie». Ich bestelle Tee und Kuchen und vertiefe mich in das Buch, in dem ich jedes zweite Wort in dem kleinen Wörterbuch heraussuchen muss, um den Text zu verstehen.

Am Abend gehe ich ins Café «La Comédie». Hier wird an den nächsten Abenden meine Heimat sein, beschließe ich. Um viertel vor sechs ist das Café fast leer. Ein Monsieur unterhält sich angeregt mit zwei Gästen und sieht mich erwartungsvoll an, als ich à la française mit schwarzem Barett den Raum betrete. Ich erwidere seinen Gruß und setze mich an einen Tisch. Eine Frau betritt das Café. Sie sieht etwas verwirrt aus. Ich schätze sie in ihren sechzigern. Ich bestelle einen grünen Tee mit Minze. Wer immer den erfunden hat, sollte an die Wand gestellt werden, gemeinsam mit demjenigen, der die Unart erfunden hat, jeglichen charakteristischen Geschmack in Vanillearoma ertränken zu müssen. Die Frau hat inzwischen am Nebentisch Platz genommen und wühlt in einer billig aussehenden Handtasche. Sie scheint gefunden zu haben, wonach sie suchte und holt eine Plastikflasche hervor. Es ist Körperlotion. Aber sie legt sie nicht beiseite, um etwas anderes in ihrer Handtasche zu suchen, nein, sie hebt die Flasche hoch an ihr Gesicht, zu ihrem Mund. Sie lässt einen Klecks Körperlotion heraus spritzen und verreibt die Lotion über ihrem geschlossenen Mund und zwar so, dass ein Rest der Lotion noch zwei Stunden später an ihrer Oberlippe zu sehen sein wird. Sie scheint meinen irritierten Blick bemerkt zu haben. Sie fühlt sich bewegt, sich mir zu erklären: «J’ai des lèvres sèches» – Ich habe trockene Lippen.

Sie spricht das Französisch sehr langsam. Beinahe überdeutlich. Wenn ich sie nicht für eine Französisn halten würde, könnte ich glauben, sie habe es soeben erst gelernt. Sie spricht alle Endungen und Vokale aus, die sonst verschluckt werden, die nicht ausgesprochen werden. Vielleicht bemüht sie sich um eine deutliche Aussprache. Ihre Vokale sind aber von derartiger Klarheit, wie man sie sonst nur von französischen Muttersprachlern hört. Ebenso verhält es sich mit ihrer Sprechmelodie. Es könnte eine wahre Freude sein, denke ich, ihr beim Sprechen zuzuhören, würde sie es nicht so langsam und betont tun. Erst jetzt fällt mir auf, dass ihre Füße nackt sind. Sie stecken nackt in Sandalen. Sie sind gepflegt, die Nägel mit neon-gelbem Nagellack bemalt. Draußen aber ist es herbstlich kühl, kein Wetter für Sandalen.

Der Professor ist sehr interessiert. Er kennt seine Schäfchen, seine Schüler. Jeden einzelnen. Mich kennt er noch nicht. Er kommt zu mir und spricht mit mir, fragt mich, woher ich komme, wer ich sei. Ich antworte ihm auf seine Fragen. Ich verstehe ihn gut. Ich sage, ich spreche nicht so gut französisch, aber ich verstehe schon sehr gut und ich sei gespannt, was ich hier heute Abend erfahren würde.

Das Café Philo, das lerne ich sehr schnell, ist keinesfalls eine lockere Plauderstunde am Stammtisch. Nein! Sie nimmt sich wichtig wie ein Seminar an der Universität. Es gibt Hausaufgaben. Meine habe ich nicht gemacht. Ich bin neu. Das Thema heißt «La philosophie n’est rien sans langage». Der Professor wird die meiste Zeit sprechen an diesem Abend. Seine Zuhörer sind seine Studenten, seine Schäfchen, die ihm aufmerksam zuhören, Fragen stellen und manchmal auch widersprechen.

Die Frau mit den Neonnägeln gehört auch zu seiner Entourage. Das habe ich schnell begriffen. Eine weitere Frau und ich stellen uns als Débutantes vor. Er erklärt die Regeln: Jede Woche bekommen die Teilnehmer Texte zu lesen auf, über die in der nächsten Sitzung gesprochen werden soll. Anders funktioniert Philosophie nicht. Das ist klar. Der Rest ist ein Uni-Seminar, nur dass dabei Café, Tee, Perrier und etwas zu Essen bestellt wird.

Das Thema scheint mir einleuchtend: «La philosophie n’est rien sans langage» Ohne Sprache ist die Philosophie nichts. Meine Laienhafte Übersetzung macht aus der «Philosophie» wahlweise «Weisheit der Sprache» oder «Weisheitsfreundlich». Doch anstatt über das Thema zu sprechen – auch das ist ganz wie an der Uni – darüber, was Philosophie und die Sprache verbindet und welche Rolle Sprache spielt, behandeln wir Themen der Philosophie. Ich mische mich nicht in das Gespräch ein. Das traue ich mich dann doch noch nicht zu. Ich höre nur zu.

22.10.2009 Was zum Geier hab ich hier eigentlich zu suchen? VIII

Ich sollte an dieser Stelle bemerken, dass es mindestens zwei Arten von Männern gibt: eine ist einfach nur abstoßend. Ich will diesen Typus nicht näher erläutern.

Ein anderer Typus Mann ist süß wie ein neugeborener Hundewelpe. Mit ihm kann man sich gut unterhalten und man trifft ihn gerne auf einen Kaffee, auf der Straße oder hilft ihm dabei, eine Freundin zu finden. Hin und wieder verliebt man sich auch in einen dieser Welpen, was spätestens dann zum Problem wird, wenn man der dritten Gattung Mann begegnet.

Der Körper dieser Männer ist genau richtig. Er ist vor allem selbstbewusst. Er weiß, warum ihn die Frauen ansehen. In meinem Fall hat er entweder strahlend blaue oder warme braune Augen. Diese Kombination schließlich ist das fatale. Ich bin gleichzeitig angezogen und abgestoßen von diesen Männern. Ich lasse kein Begehren durchscheinen. Ich gebe mich kühl; bin es nicht gewohnt, auf diese Weise zu flirten.

Kumar ist ein Vertreter des letzten Typs. Wenn er sich in meinem Beisein in seinem Zimmer umzieht, sehe ich dezent weg. Hin und wieder aber sehe ich doch hin. Bei dem Anblick seines nackten Oberkörpers fallen mir die Worte ein, mit denen Marguerite Duras den Körper ihres Liebhabers beschreibt: «Seine Haut ist von prachtvoller Zartheit. Der Körper. Der Körper ist mager, kraftlos, ohne Muskeln, er könnte krank gewesen sein, nun auf dem Wege der Genesung, er ist unbehaart, ohne ein Zeichen von Männlichkeit (...), er ist sehr schwach, er scheint der Willkür von Kränkungen ausgeliefert worden zu sein, leidend.»