03.11.2009 Aus Blau wird Grau

Am Horizont zeigt sich noch ein Zug. Meine Tasche und mein Rucksack hängen immer noch an mir. Ich habe sie nach dem letzten TGV nicht abgelegt. Die Zugmaschine zieht wieder an mir vorbei. Der Zug auch: Es ist ein Güterzug. Erst zwei Züge später hält einer. Es ist mein Zug nach Narbonne.

Unterwegs verabschiede ich mich von dem Meer. Ich weiß noch nicht, dass ich es hier zum letzten Mal sehe. Ich tausche das Meer gegen die Berge und als ich den ersten Schritt aus dem Zug auf den Bahnhof von Carcassonne mache, verfluche ich mich für diesen Tausch. Ich habe mich dafür schon gestern verflucht, nachdem ich auf dem Stadtplan gesehen habe, wohin ich mit meinen fünf Taschen vom Bahnhof aus muss – natürlich erst nachdem ich die Jugendherberge gebucht hatte.

Die überaus freundliche Demoiselle am Fahrkartenschalter der SNCF weiß nichts von einem Bus zur Cité oder einer Jugendherberge. Das Rondell, zu dem sie mich schickt und das sich «Office de Tourisme» nennt, hat natürlich geschlossen. Dazu ist heute nicht gerade der wärmste Tag.

Die Bushaltestelle liegt direkt dahinter, also praktisch vor der Nase der Demoiselle von der SNCF. Auch mein Bus fährt hier ab und es ist nicht die 2, wie auf der Webseite der Jugendherberge angegeben, sondern die 4. Teuer ist das Busfahren hier, wundere ich mich, als mir der Busfahrer den Preis für die Fahrt zur Cité nennt. Ich lege das Geld passend in den Münzteller, worauf er mich ungläubig ansieht und mir unerwartet mein Wechselgeld in die Hand drückt. Sein Akzent hatte nur € 5,20 aus € 1,20 gemacht. Ich verstaue Maggie und die Taschen auf einem der Sitze und setze mich daneben. Der Bus fährt los, mein Magen knurrt. Höchste Zeit anzukommen und etwas zu essen zu suchen, denke ich während draußen eine graue Stadt an mir vorbeizieht.

29.10.2009 Les Tambours du Bronx II

Umso glücklicher über meine Wahl mit George bin ich über meine Wahl mit Morgane. Morgane lebt zwar nicht in Perpignan, aber dafür in einem kleinen Nest ganz in der Nähe. Es heißt «Rivesaltes» und liegt ganz in der Nähe von Perpignan. Allein deshalb erinnert es mich an den Ort, an dem auch ich lebe: Altrip.

Die Parallelen liegen auf der Hand: Beide liegen an einem Fluss, beide sind klein und in der Nähe einer großen Stadt und ihre Namen sind verwandt. So verbirgt sich hinter Alta Ripa, wie der Ort in der römischen Zeit hieß, das hohe (oder tiefe) Flussufer und Rivus Altus der hohe (oder tiefe) Bach.

Ich habe gerade gesagt, ich hätte Morgane nicht über das Couchsurfing gefunden, sondern über Kumar. So war es. Er hat mir ihre Telefonnummer geschickt, ich habe sie angerufen. Ich weiß noch, dass ich es nicht in Georges Wohnung getan habe. Das musste nicht jeder mitbekommen. Also habe ich sie von der Straße aus angerufen, von einem verlassenen Platz, der dann doch nicht verlassen genug war. Immer wieder tosten Autos vorbei, was es mir nicht gerade leichter machte, sie zu verstehen. Irgendwann klappte es dann doch.

Ich stehe am Bahnhof von Rivesaltes und warte mit meiner Gitarre und den schweren Taschen auf sie. Der Bahnhof ist nicht groß: Es sind gerade mal zwei Gleise, der Fahrkartenschalter ist unbesetzt. Vor dem Bahnhofshäuschen steht niemand.

Ich erkenne Morgane sofort an ihrem Fahrrad. Fragt mich nicht wieso, ich habe sie noch nie zuvor gesehen. Ich mag sie vom ersten Augenblick an. Wir haben uns gesucht und über irre, wirre Zufälle gefunden. Sie lädt meine Sachen auf ihr Rad und führt mich durch den Ort.

«Il faut que tu tourne pour souvenir le chemin.» sagt sie immer wieder. Also halten wir vor und nach jeder Abzweigung an, damit ich mir den Weg merken kann.

Sie spricht französisch fast ohne Akzent. Der ihrer Großmutter dagegen und deren Nachbarin ist so stark ausgeprägt, dass ich sie beide kaum verstehe. Wir gehen zuerst zu ihrer Großmutter, weil sie uns vorstellen will. Die Großmutter bietet mir Orangensaft an. Das Haus ist wunderschön. Es ist im Stil des Südens gebaut, mit einem Innenhof, der voller Pflanzen steht, einer großen Glasfront, so dass man direkt hinter der Tür zum eigentlichen Haus sich wie auf einer Terrasse oder in einem Wintergarten vorkommt.

Wenn ich mich so umsehe, stelle ich fest, dass Französinnen nicht nur großen Wert auf elegante Kleidung legen, die selbst dann noch elegant ist, wenn sie ein bisschen nachlässig wirkt. Sie legen auch sehr viel Wert auf Dekoration, oder das, was in Deutschland Kitsch wäre. Aus einem Schrank erschlägt mich ein rosa Dekor. In einem sonst leeren Vogelkäfig sitzt ein Plüschpapagei auf einer Stange und überall lächeln unterschiedlich große Püppchen in Häkelkleidern. Ich beherrsche mich, nicht zu lachen, oder eine Bemerkung darüber zu machen. Ich finde es bemerkenswert.

Morgane erzählt von ihrer Großmutter und sie ergänzt hin und wieder ein paar Angaben. Ich mache ihre Komplimente über das Haus. Ich sage es nicht nur so. Ich bin wirklich beeindruckt. Sie sagt, das seien die Häuser des Südens, mit diesen Innenhöfen, in denen das Leben tobt und tatsächlich erinnert mich dieses Haus an die Häuser, in denen Penelope Cruz’ Mutter, alte Tante und ihre Freundin in «Volver» wohnen.

Die Nachbarin hat eine Krankheit, soviel verstehe ich. Ich verstehe schon mehr als in Montpellier aber noch nicht alles. Der Akzent ist zu stark. In dieser Gegend hier verzichtet man auf Nasallaute. Sie werden nicht gebildet, sondern einfach durch den ng-Laut ersetzt. So wir aus einem pain ein peng, aus der main die meng und aus der pont ein pong. Da ich zwar schon mehr verstehe, aber nunmal immer noch nicht genug, und der Akzent hinzu kommt, kommt es zu einem Missverständnis: Ich verstehe, ich solle bei Morganes Großmutter schlafen. Die Vorstellung daran bereitet mir ein wenig Kopfschmerzen. Doch dem ist nicht so. Morgane erklärt mir, dass ihre Oma nicht mehr so gut sehen und laufen kann und deshalb im Erdgeschoss vor der großen Glasfront schläft. Es klingt zwar komisch, aber plötzlich fühlte ich mich nicht mehr vom Plüschpapagei bedroht.

Morgane bewohnt einen großen Raum, den sie «studio» nennt. Es befindet sich hinter einem verwachsenen Garten, der in seiner Verwilderung und augenscheinlichen Verwahrlosung schöner nicht sein könnte. Er sieht ein bisschen so aus, wie das Schloss von Dornröschen. Es gibt hier Zitronenbäume und eine Feuerstelle und das Eingangstor ist dermaßen mit Pflanzen bewachsen, dass man es auf den ersten Blick gar nicht wahrnehmen und daran vorbei gehen würde. Das Studio ist im Erdgeschoss des Hauses. Im ersten Geschoss wohnen ihre Schwester und ihr Mann. Im Erdgeschoss lebt und arbeitet Morgane. Sie lebt in ihrem Studio mit zwei Katzen und deren Besuchern, die aber meistens im Garten herumtollen.

Man gibt sich hier unten plötzlich nur noch zwei Bises. Ich weiß nicht warum, aber diese Art der Begrüßung gefällt mir: Sie bricht die Barriere zwischen den Menschen ein bisschen, wenn sie sich zum ersten Mal begegnen. Zwar bringt es nichts, wenn man sich ohnehin nicht ausstehen kann, aber man findet eher den Draht zu einem anderen.

Ich gehöre sofort zu Morganes «Clique». Wir fahren nach Perpignan. Mir fällt auf, dass man hier zwei Sprachen spricht: Französisch und Katalanisch, das dem Spanischen nicht unähnlich ist. Die Ortsnamen sind doppelt ausgezeichnet. Perpignan heißt auf Katalanisch «Perpinya». Ich merke wie nah ich an der spanischen Grenze bin: Nicht nur die Sprache ist gleich, auch das Essen ist hier schon spanisch angehaucht. Es gibt Churros.

Das Auto, mit dem wir fahren, gehört Marions Schwager. Einen Bus kann man hier vergessen, denn auch hier ähneln sich Rives Altus und Alta Ripa: Er fährt alle paar Stunden und man ist auch einen fahrbaren Untersatz angewiesen. Das Auto von Morganes Schwager wäre in Deutschland nur schwerlich durch den TÜV gekommen. Ich bezweifle, dass es soetwas hier überhaupt gibt. Immerhin fährt es, bremst es und fällt nicht auseinander.

29.10.2009 Les Tambours du Bronx I

Wenn man nicht miteinander redet, kann das Leben sehr schwer sein; vor allem wenn man sich in der gleichen Wohnung aufhält. Vergessen wir George! Ich hätte ihn wahrscheinlich gemocht. Aber mal ehrlich: Wenn er nicht den Mund aufkriegt ….

Heute morgen reise ich ab. Eher diesen Mittag. Ich bin früh aufgestanden, habe mich zurecht gemacht, einen Kaffee getrunken und mich im Internetcafé von Narbonne noch einmal vergewissert, dass ich auf meine Frage nach einem Zimmer in Carcassonne noch keine Antwort bekommen habe. Wenigstens habe ich eine Couch in Perpignan gefunden, oder eher bei Perpignan, nämlich in Rivesaltes. Es ist eine Freundin von Kumar, an einem der letzten Tage haben wir telefoniert und Emails ausgetauscht.

Ich treffe letzte Vorkehrungen: Kaufe ein paar Dinge zum Naschen ein, für die Fahrt, wie üblich Käse und Baguette. Wenn ich noch einmal eine solche Reise mache, nehme ich weniger Gepäck mit. Davon habe ich entschieden zu viel und wenn ich auch weder Souvenirs oder ähnliches kaufe, so werden meine Taschen doch von Station zu Station schwerer zu packen und zu tragen.

Weil ich diese Stille in Georges Wohnung nicht länger ertrage, gehe ich so früh als möglich: Früh genug, um nicht unhöflich zu erscheinen und früh genug um nicht lange warten zu müssen. Am Bahnhof mache ich eine neue Entdeckung: Eine Horde von Kindern mit der gleichen Mütze und Schildern, die ihnen um ihre Hälse baumeln. Weil in Frankreich alles nach Paris strebt, wollen auch die Kinder am Wochenende nach Paris um ihre Großeltern zu besuchen, ein anderes Elternteil oder sie leben in Paris und haben das Wochenende hier unten verbracht.

Damit sie nicht alleine reisen müssen, vertrauen ihre Eltern sie liebevoll, dafür eigens geschultem, Personal der SNCF an. Dieses verteilt dann Mützen und klebt Namensschilder auf jedes Kind. Kaum ist der Zug da, geht die Fahrt los. Diese Dienstleistung sehe ich hier zum ersten Mal. Möglicherweise halte ich mich in Deutschland zu selten an Bahnhöfen auf, als dass ich soetwas hätte bemerken können. Vielmehr tendiere ich aber zu der Überzeugung, dass es das einfach nicht gibt. Es ist ein großes Chaos, als die Rasselbande in Richtung Zug zieht. Endlich steht auch mein Gleis fest und ich ziehe mit meinem ganzen Gepäck los.

Als ich in den Zug einsteige, mit Mühe mein Gepäck in dem überfüllten Wagon verstaue und zusehe, dass die Steiff-Franzosen (ja auch diese gibt es hier, meist sind sie Teenager, denen sowieso alles scheißegal ist), auch ja nicht über meine Tasche und über Maggie stolpern, die nunmal, weil nicht anders möglich, mitten im Weg stehen, sehe ich bei einem Blick nach draußen immer mal wieder das Mittelmeer. Es sind kleine Etangs, manchmal fahren wir fast durch einen hindurch. Im warmen Glitzern der Sonne stehen Flamingos: Sie sind nicht rosarot, wie die in der Werbung, eher blassrosa, fast weiß. Es sind die ersten wild lebenden Flamingos, die ich sehe. Während ich fahre und das Meer betrachte, weiß ich noch nicht, dass es das letzte Mal gewesen sein wird, dass ich das Meer auf dieser Reise sehe.

26.10.2009 Dingle ist ein Ort im Süden Irlands VII

Maureen kommt dazu und bringt Käse, Wurst und Brot. Sie habe angefangen Tin Pipe zu spielen als es ihr Enkel in der Schule lernen musste aber nicht wollte. (Ich erinnere mich an meine Schulzeit und den Blockflötenunterricht.) Sie habe ihn damit anspornen wollen, indem sie ihm sagte, sie wolle es selbst lernen. An Weihnachten lag eine Blechflöte unter dem Weihnachtsbaum, dazu habe sie fünf Unterrichtsstunden bekommen. Über zwei Jahre ist das her und sie spielt immer noch.

Maureen und Noel erzählen von Irland. Sie erzählen von den irischen Pubs, in denen es immer Live-Musik gibt. Man geht in einen Pub um ein Bier zu trinken oder um Musik zu machen. Jeder kann mitspielen.

Wir sitzen auf ihrer Terrasse in der Sonne. Nach dem langen Marsch bin ich mir sicher, dass ich am Ende dieses Tages ein verbranntes Gesicht haben werde. Ich mache mir nichts daraus. Dann sei es eben so.

In Irland lebt ein Delfin. Dingle heißt der Ort, der dank dieses Delfins eine Touristenattraktion geworden ist. Noel erzählt die Geschichte: Der Delfin heißt «Fungi» und ist wohl der berühmteste Einwohner der Stadt. Wie auch die Stadt, weiß niemand, woher er kam, und warum. Eines Tages im Jahr 1984 war er dann da und lebt seitdem vor der Küste. Fischer unternehmen regelmäßig Ausflüge zu Fungi und am Hafen ist sogar ein Denkmal errichtet worden. Ich lache. Die Geschichte ist tatsächlich drollig. Sollte ich nach Frankreich vielleicht einfach nach Irland gehen?

Ich verspreche, ihnen zu schreiben, wie es mir weiter ergangen ist auf meiner Reise. Ich verspreche, mich zu melden, wenn ich jemals nach Dublin komme – ein Versprechen, dass ich vorhabe einzuhalten (ob ist ja keine Frage, und ich zweifle daran, dass es noch lange dauern wird, bis ich nach Irland fahre und mir Dublin ansehe). Wir können uns treffen und einen Tee trinken. Ich freue mich schon jetzt darauf. Wir trinken noch Tee und machen Fotos von uns. Dann verabschiede ich mich von Noel. Maureen führt mich noch an den Strand und zeigt mir die Bushaltestelle, von der ich zwei Stunden den letzten Bus nehmen werde, zurück nach Narbonne.

«Should you miss it, please don’t mind to come back to our house and you can stay for the night.»

Vor dem Strand verabschiede ich mich auch von Maureen. Sie geht, die Sonne im Rücken, zurück in ihr Ferienhaus. Ich gehe an den Strand.

Draußen fährt ein Boot mit einem großen weißen Segel. Die Menschen spielen, gehen spazieren und amüsieren sich. Mitten auf dem Sand steht ein Fahnenmast, der auf einem Betonsockel aufgepflanzt ist. Das ist nun mein Platz.

Ich lege die Tasche mit Maggie in den Sand, hole Maggie heraus und stimme sie. Maggie auf dem Schoß blicke ich aufs Meer: Irgendwo da hinten ist Afrika, denke ich mir, dem weißen Segel hinterhersehend und greife in die Saiten. Ich spiele Afrika ein Hallelujah von Jeff Buckley und die Schwingungen des Nylons pflanzen sich in meinen Bauch fort.

Mir fällt auf, dass ich kaum an meinen Freund denke, dass ich seit meiner Abreise kaum mehr an ihn gedacht habe, es aber trotzdem schön finde, wenn er anruft. Ich denke an einen anderen, spiele gen Afrika und wünsche mir im rosanen Abendhimmel, er sei hier. Wäre er ein Zimmermann und ich eine Dame, ich würde ihn heiraten. Ich würde meine bunten Blusen und die Schuhpolitur vermissen, wenn er ein Müller wäre. Es tut mir weh, an ihn zu denken, aber ich tue es trotzdem um zu sehen, ob ich überhaupt noch etwas fühle. Wahrscheinlich war das auch der Grund für meine Reise. Ich denke an diesen Mann, der nicht mein Freund ist. Ich bin verliebt. Ich spiele Hallelujah bis die Sonne untergeht.

26.10.2009 Dingle ist ein Ort im Süden Irlands VI

Maureen und Noel haben ein Ferienhaus in Narbonne Plage. Fünf Wochen haben sie jetzt hier verbracht. Seit sie in Rente sind, verbringen sie im Jahr mehrere Monate hier. Übermorgen geht es zurück nach Dublin. Während Maureen in der kleinen Küche etwas zu essen vorbereitet sitze ich mit Noel auf der Terrasse und höre ihm zu. Er erzählt von Irland. Ich war noch nie da, will aber unbedingt bald auf die grüne Insel. Noel pflichtet mir bei, dass ich das unbedingt bald machen sollte.

Ich erzähle ihm, dass ich aus Mannheim komme. Er kennt Mannheim von seiner Arbeit her. Er war dort früher häufiger auf Geschäftsreise. Mir fällt natürlich ein, mit welcher Mannheimer Firma er da zu tun gehabt haben könnte. So viele Ölfirmen gibt es in Mannheim ja nicht. Auch Heidelberg ist ihm ein Begriff. (Ehrlich gesagt wundert es mich, dass er etwas mit Mannheim anfangen kann, denn meistens erkläre ich Mannheim immer als Nachbarstadt zu Mannheim.) Sie beide waren erst vor Kurzem dort gewesen, von hier aus.

Wir unterhalten uns über die Gitarre. Noel hat auch angefangen zu spielen, aber er sei ein schlechter Schüler versichert er mir. Sein Enkel spiele sehr viel besser als er. Ich erzähle ihm, wie ich erst vor Kurzem zu Maggie gekommen war, denn ich spiele erst seit ein paar Monaten.

Es war während meiner Abschlussprüfungen. Meine beste Freundin war für einige Zeit unterwegs und hatte mich gebeten, mich um ihre Hamster zu kümmern. Ich wohnte während der Zeit in ihrem Zimmer in einer WG in Mannheim. Ich saß meistens in der Küche um zu lesen und zu lernen.

Ich bewunderte insgeheim ihren Mitbewohner. Er spielte Gitarre. Ein Prachtexemplar von Western Halbakustik. Eine Höfner. Wenn er abends in seinem Zimmer spielte, hörte ich ihm von meinem Zimmer aus zu. Er spielte auch einfach so, aus Spaß. Ich sang dann meistens dazu.

Eines Tages dann hing sie plötzlich vor meiner Nase. Ich glaube, ich hatte sie damals schon «Pauley» benannt. Ich hatte irgendetwas in der Küche gewerkelt. Ich erinnere mich nicht mehr daran. Nur, dass plötzlich René im Zimmer stand und spielte, nach einer bestimmten Zeit auf die Uhr sah, feststellte, es sei Zeit für ihn zu gehen.

«Hier.»

Ich war schon versucht, die kleine wieder in ihren Koffer zu legen, als mir die Absurdität dieser Idee auffiel.

«Was soll ich damit?»

«Spielen!»

Ich muss ihn angesehen haben wie ein Auto, zumindest gab ich mir Mühe, ihn so anzusehen.

«Ich kann nicht spielen.»

Eine halbe Stunde später hatte ich von der anderen Mitbewohnerin ein Songbook bekommen und mühte mich damit ab, «Sailing» von Rod Steward zu spielen, besser gesagt, mit dem F-Dur Akkord. Eine Viertel Stunde später hatte ich es auf Renés Anraten aufgegeben und übte mich nun an “Knocking on Heaven’s Door” von Bob Dylan, und wer dieses Lied alles gecovert hat.

Der Rest ist Geschichte: Abend für Abend saß ich nach dem Lernen in der Küche und übte. Ich lernte Akkorde. Griff sie selbst noch im Halbschlaf, was zur Folge hatte, dass sie besser wurden. Ich suchte mir andere Lieder zum Spielen. Lernte, dass man unterschiedliche Saiten schlagen kann und ich lernte, was Bryan Adams meinte als er in «Summer of Sixty-Nine» sang «played until my fingers bled.» Einige Wochen später sah ich Maggie in einer Anzeige und gab schließlich ein zehntel meiner Reiseersparnisse für sie aus. Voilà! Seitdem mag ich sie nicht mehr aus der Hand legen.

26.10.2009 Dingle ist ein Ort im Süden Irlands V

Ich finde einen Weg aus der Senke des Weinberges zurück auf die Straße. Er will und will nicht enden, aber ich gehe weiter. Die Sonne im Nacken und Maggie auf dem Rücken. Die Autos fahren an mir vorbei.

Ich denke gerade an Jack Kerouac und «On the Road» als ich das herannahende Motorengeräusch hinter mir bemerke. Es rast nicht mit einem Doppler-Effekt an mir vorbei, wie die anderen. Nein. Es tuckert plötzlich fröhlich neben mir her. Das Seitenfenster öffnet sich. Ein älterer Mann um die sechzig kommt zum Vorschein, zumindest sein Kopf. Hinter ihm lehnt sich eine ebenfalls ältere Frau aus dem Fenster:

«Can we take you somewhere? »

Ich sehe mir das Auto an. Ich sehe mir das Paar an. Sie sehen nicht aus wie Entführer, sondern mehr wie Urlauber. (Ehrlich gesagt, weiß ich nicht wie Entführer aussehen. Ich glaube einfach nicht daran, dass sie irgendeine Aufschrift oder ein Namensschild haben. Genausowenig glaube ich, dass auf ihren Visitenkarten «Martin Mustermann – Entführungen aller Art, Abwicklung von Erpresserschreiben und Lösegeld-Verkehr» steht.) Trotzdem. Die beiden sehen vertrauensvoll aus.

«Yes, I’m going to Narbonne Plage.» antworte ich, mache die Tür auf, und verfrachte Maggie und mich auf den Rücksitz.

Die Tür geht zu und der Wagen setzt sich wieder in Bewegung. Ich bin froh über diese Begegnung, aber die letzten paar Meter hätte ich auch ohne Mitfahrgelegenheit überstanden, denke ich.

Die Frau auf der linken Seite schaut immer noch zu mir nach hinten. Das kommt mir seltsam vor. Sie sollte mal auf die Straße sehen, denke ich mir, während ich noch nach einer weiteren Erklärung für diese Blindfahrt suche. Der Mann auf der rechten Seite hat noch gar nicht viel gesagt. Er fährt.

«Are you French?» fragt mich die Frau, die ich jetzt als Britin identifiziere.

«No, I’m German.»

«We’ve just been shopping in Narbonne. We’ve already seen you and your guitar on our way to the mall.» erzählt sie.

Es sind keine Briten, es sind Iren. Maureen und Noel aus Dublin. Wir unterhalten uns die ganze Fahrt über.

«You’ve been lucky that we stopped. It’s still a long way to Narbonne Plage.»

Es ist wirklich eine ganze Strecke. Wir sind bestimmt zwanzig Minuten unterwegs bis nach Narbonne. Draußen zieht der Berg, oder das Gebirge an mir vorbei. Plötzlich ergreift ein gleißendes Licht Besitz von meinen Augen: Das Mittelmeer. Aber wir sind noch nicht da. Die Serpentinen schlängeln sich die Montagne de la Clape herunter. Ich vermute nach jeder Biegung Narbonne Plage.

Ich erkläre Maureen und Noel, dass ich gerade meinen Uni-Abschluss gemacht habe und mich jetzt mit dieser Reise belohne. Ich sage, ich habe soetwas schon immer machen wollen, mich bisher aber entweder nicht getraut, oder mir waren andere Dinge dazwischen gekommen.

«You should have gone on the other side of the street for hitch-hiking.» empfiehlt Noel vor mir.

Nun ja, trampen war ja eigentlich nicht meine Absicht. Die beiden sind mir sympathisch, und anscheinend auch ich ihnen. Als wir nach Narbonne Plage kommen und ich schon aussteigen und zum Meer gehen will, fragt mich Maureen, ob ich nicht zum Essen bleiben wolle. Es gebe nicht viel, etwas Brot und Käse. Keine Frage, ich nehme die Einladung gerne an.

26.10.2009 Dingle ist ein Ort im Süden Irlands IV

Ich beobachte die Autos, die an mir vorbei fahren. Die einen schneller, die anderen langsam. Aber keines hält an, niemand fragt nach. Offenbar sind große Frauen mit einer Gitarre auf dem Rücken etwas alltägliches hier. Es scheint, als käme das jeden Tag vor. Ich sitze hier vielleicht eine halbe Stunde, vielleicht fünfundvierzig Minuten oder auch nur zwanzig. Als mir kalt wird, gehe ich weiter.

Langsam wird es mir doch mulmig, auf diesem schmalen Streifen zu gehen, der mehr ein Grat ist als ein Streifen. Ich schätze zehn Zentimeter breit. Weil es Landstraße ist, rasen die Autos an mir vorbei. Rechts wachsen Disteln, links ist Asphalt.

Ein paar hundert Meter vor mir beginnt ein Waldstück. Ich sehe einen Mann heraus laufen, einen Jogger. Er scheint von dem Berg zu kommen.

Der Pfad führt tatsächlich den Berg hoch. Heute Abend werde ich feststellen, dass er «La Clape» heißt und ein ganzes, wenn auch nicht hohes, Kalksteingebirge ist. Ich habe die Hoffnung, dass ich so ein wenig abseits der Straße laufen kann.

Der Weg ist steil und steinig, um mich herum ist Wald und Gestrüpp. Das rote Schild fällt mir wieder ein und ein Hinweis in meinem Reiseführer: Man solle sich auffallend kleiden und für alle Fälle ein Lied pfeifen oder singen. Ich glaube zwar nicht, dass schon jemand ein Ein-Meter-neunzig großes rotes Wildschwein mit Pferdeschwanz und Gitarre auf dem Rücken gesehen hat, aber um auf Nummer sicher zu gehen, singe ich das einzige französische Lied, das mir gerade in den Sinn kommt, und das ich abgesehen von «Le Coque est mort» kenne: «Allons enfants de la patrihi-ä, le jour de gloire est arrivé.» Ein singendes Wildschwein mit Gitarre kommt wohl auch selten vor.

Ich wandere den Berg hinauf, schieße einige Bilder. Oben fällt mir eine eingestürzte Mauer auf. Sie ist kreideweiß. Vielleicht hat sie einmal zu einem Winzerhaus hier oben gehört. Irgendwo unter mir höre ich die Straße. Ich hoffe, es ist immer noch die selbe und sie führt nach Narbonne Plage.

Als ich über einen anderen Pfad wieder am Fuß des Berges bin, stelle ich fest, dass ich doch um einiges abgekommen bin. Ich kann die Straße zwar noch hören, aber sehen kann ich sie nicht mehr. Vor mir breitet sich ein rotes Meer aus, durchsetzt von gelben und orangefarbenen Punkten. Über ihm kreisen ein paar große Vögel – Raubvögel, so viel kann ich erkennen, aber weiter reicht meine Ornithologie nicht.

Im Weinfeld werde ich plötzlich wieder an das rotes Schild von vorhin erinnert. Im Matsch sind frische Wildschwein spuren. Da muss sich eines gesult haben. Ist vielleicht doch ein Jäger unterwegs auf der Jagd nach Wildschwein? Und plötzlich denke ich an Asterix und Obelix. Fragt mich nicht, warum.

21.10.2009 – Die Reise beginnt IV

Couchsurfing ist eine interessante Sportart. Man trägt zwar nicht seine Couch zum Meer, in der Hoffnung auf eine gute Welle, sondern bietet anderen Leuten im Internet an, auf dieser zu übernachten bzw. nimmt dieses Angebot an. Meine Reise sollte daraus bestehen, dass ich zum letzten Teil dieser Internetgemeinde gehöre. Das erste Bild, das bei dieser Beschreibung entsteht ist besonders für Deutsche, nehme ich mal an, ein Schreckgespenst: Da übernachtet man einfach bei wildfremden Menschen in der Wohnung oder lässt wildfremde Menschen bei sich übernachten. Doch so schlimm ist es nicht. Man kann sich durchaus aussuchen, wo man übernachten möchte und sich umgekehrt auch seine Gäste aussuchen.

Als ich Kumars Foto im Internet sehe, hoffe ich, dass er nicht der einzige sein wird, der mir einen Platz zum Schlafen anbietet, später stelle ich fest, dass ich mir kaum einen besseren habe aussuchen können. Am Bahnhof erkenne ich ihn gleich, aber er mich nicht. Irgendwie haben wir es dann aber doch hinbekommen und ich surfe auf seiner Couch. Diese Couch ist eigentlich eine französische (also breite) Matraze, die wir in seinem kleinen Zimmer auf den Boden legen. Er hat eine Decke für mich und ein Kopfkissen. Super! Dass wir in einem Zimmer schlafen, stört mich nicht. Zum Schlafen ist jetzt ohnehin noch nicht die Zeit.

Kumar kommt aus Indien, macht gerade seinen dritten Abschluss im Weinhandel und sein Profil sieht durchaus interessant aus. (Wie ich auf meiner Reise feststellen werde, machen sich nicht viele Mitglieder die Mühe, ein Profil komplett auszufüllen.) Kumar lebt seit Jahren in Frankreich, hat seinen zweiten Abschluss mit einem Stipendium der EU in Belgien gemacht und macht nun den dritten in Frankreich. Für seine Diplomarbeit arbeitet er bei einem Weinhändler (keiner um die Ecke, sondern einem Unternehmen, dass Weine aus Südfrankreich ins Ausland exportiert.) und bringt nach Arbeitsschluss die Weine mit, die vom Verkosten übrig geblieben sind.

Kumars Zimmer ist spartanisch eingerichtet. Wie in Frankreich wohl üblich sind die Decken hoch. Die Wände sind weiß gestrichen, aber schmucklos. Nur unter einem Fenster liegt eine lange hübsch bunt bemalte Holzplatte. Sie macht den Charme des ganzen Zimmers aus. Am Fenster hängen grüne leichte Vorhänge, wohl eher billige Schals, wie man sie zumindest in Deutschland in jedem Baumarkt finden kann. Ein Schreibtisch und eine Couch stehen noch darin, an der Wand neben der Tür steht ein Regal, aber keine Bücher. Unsere kurzen Lebensgeschichten fassen wir auf der Busfahrt zusammen. Als wir in seiner Wohnung ankommen, bin ich ihm dankbar, mich vom Bahnhof abgeholt zu haben, denn diese kleine Seitenstraße hätte ich nun wirklich nicht gefunden.

« I’m seeing some friends later. Do you want to come with me? » fragt mich Kumar und dann finde ich mich wieder bei seinen Freunden: ein paar wundervolle junge Frauen (das klingt entweder ziemlich altväterlich oder als sei ich eine alte Frau. Nun, wie soll ichs sonst sagen?). Es gibt einen fürchterlichen, aber durchaus essbaren Gemüseeintopf mit Glasnudeln und Crème Fraiche und dazu Kumars wunderbaren Rotwein. Noch während ich mich mit meinem Französisch abmühe, stelle ich fest das Beverly (kurz Bev), der die Wohnung gehört und Lindsay, die später dazu kommt, aus England kommen und ein Jahr in Montpellier sind um den Kindern hier Englischunterricht zu geben. Miriam und ihre Freundin kommen aus den USA. Nur Peyou, die mit ihrem wirklich schönen Hund Sanguard da ist, und Lisette sind zumindest aus Frankreich. Ob sie aus Montpellier kommen weiß ich nicht.

Ist das nicht die Ironie schlechthin? Ich möchte einige Zeit in Frankreich verbringen um mal woanders zu leben und französisch zu lernen, also einfach mal wieder zu sprechen und zu hören. Und hier bin ich, frisch aus dem kalten Deutschland in Montpellier, wohne bei einem Inder und treffe gleich am ersten Abend ganz tolle Leute, mit denen ich allen Englisch spreche. Ich war jedenfalls froh, gleich am ersten Abend jemanden gefunden hatte, mit dem ich mich anfreunden konnte.

Eine Anmerkung möchte ich noch zur französischen Einstellung zu Häusern und dergleichen äußern. Ich weiß nicht, ob es Nachlässigkeit ist oder einfach die Lebenseinstellung. Aber sowohl das Haus, in dem Kumar sein Zimmer hatte wie auch das von Bev sind alt. Sehr charmant, übrigens. Bei Kumar habe ich immer Angst, ich könnte die Klinke der Zimmertüren zu fest anfassen. Sie hängen sehr locker und ich befürchte, sie plötzlich in der Hand zu haben, während ich mich auf der Toilette einschließen will. Also bin ich vorsichtig, mit dem Erfolg, dass ich mich eines Morgens nicht richtig eingeschlossen habe, sondern gerade auf der Schüssel sitze als mein Couchsurf-Gastgeber mit Genuss die Tür aufreißt und gleich danach mit einem gemurmelten Oh wieder zuschlägt. Na macht ja nix. Ist trotzdem peinlich.

Bei Bev sieht das Alter so aus, dass in diesem riesengroßen Haus, dessen Flur wie eine große hohe Halle oder wie ein Hof wirkt und das sehr verwinkelt ist, das Dach nicht ganz dicht zu sein scheint. Bei den zwei Regentagen im Monat, vielleicht nicht schlimm, führt aber regelmäßig zu Kurzschlüssen, wenn das Wasser zu den Schaltern und Steckdosen herunter rinnt. Aber wozu Dachziegel wenn es doch Handtücher gibt? Diese hat Bev schließlich mit Tesafilm an den Wänden über den kritischen Stellen angebracht. Und somit: Vive la France!