04.11.2009 The Writings on the Wall

Der erste Eindruck hat mich nicht getrügt: Die Cité erweckt einen geradezu zu gut erhaltenen Eindruck. Ich bin schon sehr früh unterwegs. Noch bevor die Mittelalterstadt zum Leben erwacht erkunde ich sie. Das Schlossmuseum ist noch geschlossen, also gehe ich andere Wege. In einer der Kathedralen erlebe ich, wie es draußen hell wird. In einer Ecke steht Frankreichs Heilige: Johanna von Orleans. Man erkennt sie kaum. Sie steht in einer dunklen Nische und ist nur von einer Kerze erleuchtet. Von den Säulen stürzen sich Wasserspeier zu mir hinunter. Die Fenster sind beeindruckend. An einer Säule entdecke ich einen Ring, der in den Stein eingehauen ist.

Mein Schlossführer wird mir später erklären, dass Kirchen zur Zeit ihrer Erbauung im Mittelalter Orte der Begegnung waren: Hier wurden Märkte abgehalten, Geschäfte getätigt und Abkommen geschlossen. Der neueste Tratsch wurde verbreitet, während Kinder zwischen den Bänken und Seitenschiffen umher tobten und spielten. Zur Zeit der französischen Revolution wurden sogar die Pferde hier geparkt. Davon erzählt der Ring in der steinernen Säule.

Die Kirchenbesucher heute geben kaum einen Mucks von sich. Sie bleiben still, erstarren in andächtiger Haltung, den Blick in den unfassbaren Raum des Kirchengewölbes gerichtet. Sie verstummen in Ehrfurcht, wenn sie daran denken, mit wieviel Blut, Schweiß und Tränen diese Mauern errichtet wurden, wie viele Seelen unter diesem Fundament ruhen. Sie wissen genau, dass es eine solche Kirche nie wieder geben wird, wenn sie zerstört werden sollte. Man könnte sie zwar genauso wieder aufbauen, wie sie heute hier steht. Sie wäre aber keinesfalls dieselbe. Sie wäre nachgeahmt, kopiert. Ein verzerrtes Abbild ihrer selbst.

Die Cité selbst ist ein Beispiel hierfür, obwohl ihr das nicht gerecht wird. Im 19. Jahrhundert fragte sich die französische Regierung, ob sie die Ruine, die die Cité damals war, abreißen sollte, oder viel lieber restaurieren. Die Entscheidung fiel auf eine Restauration nach dem Vorbild des Schlosses der Familie Trencavel, die in Carcassonne die einflussreichste Familie jener Zeit war. Die Cité blieb. Sie wurde restauriert nach Plänen oder nach einem Bild, das von ihr oder einer anderen Mittelalterfestung existierte.

Man restaurierte die alte Cité, um sie den Touristenströmen urbar zu machen, die man sich dadurch in Carcassonne versprach. Den Horden der Touristen anheim gegeben. Ecke an Ecke, Seite an Seite reihen sich die Souvenirläden, Restaurants und Imbissbuden aneinander. Alle werben sie mit «Cassoulet» in großen Lettern von dem Eintopf, der in dieser Region Tradition hat. Ein Eintopf aus Bohnen und Fleisch, der seinen Ursprung im nahen Ort «Castelnaudary» hat. Sie versuchen, den hungrigen Besucher anzulocken mit mittelalterlichem Charme, sei es in der Einrichtung oder mit den langen Tafeln an denen sie ihr Mittelalterbankett abhalten.

Ich gehe ins Schloss. Ich besorge mir eine Eintrittskarte und buche eine Führung. Es gebe auch Führungen auf Deutsch, klärt mich die Ticketverkäuferin auf, aber ich bleibe bei meiner französischen Führung. Der Führer ist ein kleiner, rundlicher Mann mit Halbglatze. Außer mir gehört noch eine junge Frau zu der Gruppe. Er spricht schnell; so schnell, dass ich von allem, was er uns erzählt, vielleicht die Hälfte verstehe.

Wir stehen im Innenhof des Schlosses und wie ein Vater kleinen Kindern aus einem Buch vorliest, liest uns unser Guide aus den Mauern und Gebäuden, die das Schloss umgeben. Erst jetzt beginne ich zu begreifen, wo ich mich eigentlich befinde: Die Geschichte der Cité ist die Geschichte der Stadt. Der Ursprung geht zurück auf die römische Carcasso, die hier im ersten Jahrhundert vor Christus gegründet wurde. Der kleine Fluss, der unter der Pont Neuf und anderen Brücken hindurch fließt, ist der Canal du Midi. Sie war einst Teil einer Handelsstraße zwischen Atlantik und Mittelmeer.

Das Schloss geht zurück auf eine römische Festung aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus. Seit dieser Zeit wurde die Festung unzählige Male angegriffen, verteidigt oder eingenommen. Sie wurde niedergebrannt, wieder aufgebaut und wenn dem jeweiligen Burgherren danach war, wurde ein neuer Schlossflügel angebaut. Ihre Mauern wurden geflickt mit Geröll aus anderen Mauern oder eingestürzten Türmen.

Unser Guide lehrt uns, in den Mauern zu lesen: Knapp über dem Boden sind kleine Steinbogen zu erkennen. An einer Stelle der Mauer hört die Struktur abrupt auf und geht über in ein heilloses Durcheinander von Geröll und Steinen. Ich stelle mir vor, wie eine Kanonenkugel das einst intakte Muster der Mauersteine zerfetzt. Es ist ein lauter Knall, der einige Soldaten unter sich begräbt. Auf der rechten Seite deutet der Guide auf einige Balken. Kurz davor stehen einige Blöcke treppenförmig hervor. Der Eindruck täuscht nicht. Hier befand sich einst ein Bohlengang, zu dem eine Treppe heraufführte. Wie muss es damals ausgesehen haben, frage ich mich. Ich kann die zugemauerten Fenster, die Brüche in der Mauerstruktur, die andere Bauweise eines Flügels: All das kann ich erkennen. Ich kann nur nicht deuten, wann was entstanden ist.

Ein Turm speichert sich besonders in meinem Gedächtnis. Es ist das Inquisitionszimmer. Als die Katharer sich von Rom abwandten, schickte der Papst die Inquisition in das Languedoc. Der Katholizismus musste schließlich beschützt, die Seelen der abtrünnigen Schafe vor der Hölle bewahrt werden. Wenn das auch bedeutete, ihre abtrünnigen Körper zu foltern und sie die Hölle auf Erden durchleben zu lassen. Aber was ist das irdische Leben gegen die unendlichen Qualen der Hölle. Bis heute ist diese Logik für mich pervers. Bis heute gibt es Menschen, die dieser Logik anhängen und blind einem Konzept folgen, das sie «Gott» nennen – ein Konzept, das ihr Leben bestimmt, das sie daran hindert, ihren Verstand zu benutzen, ein Konzept, das in sich widersprüchlich ist. Denn: Wenn das Konzept «Gott» einen Baum der Erkenntnis in den Garten Eden pflanzt, den Menschen nach dem eigenen Bild schafft, will er dann nicht auch, dass sich diese seine Schöpfung selbstverantwortlich, die eigene Vernunft gebrauchend verhält? Ist es dann nicht unsinnig zu sagen, ein Individuum – und das ist jeder, der nach seinem Verstand handelt – handele nicht nach dem Glauben? Hat dieses Individuum denn mit seinem Verstand denn nicht auch die Möglichkeit zu entscheiden, ob es einem Konzept «Gott» folgt oder nicht? Und sind nicht dadurch die fundamentalen Anhänger eines Konzepts «Gott» nicht diejenigen, die sich der Bestimmung dieses Konzepts widersetzen und sich damit selbst widersprechen?

All das geht mir durch den Kopf, als ich in diesem Turm stehe. Der Guide zeigt auf die Sandsteine: Hier hat der Inquisitor minutiös die Vergehen, die Verhöre und die Strafen seiner Opfer in den Stein geritzt. Glücklich sehen diese Figuren alle nicht aus, wie man sich vorstellen kann. Mich schauert bei dem Gedanken daran, dass in einer anderen zeitlichen Dimension hier an diesem Ort Menschen ihr grausiges Ende fanden. Bilder an «Der Name der Rose» tauchen in meinem Kopf auf. Wer hätte denn nicht gestanden und sich freiwillig ermorden lassen. Gegen die Perversität der Kirche und die Verblendetheit der Gläubigen dürfte der Tod eine Erlösung gewesen sein.