13.11.2009 – Nur weg!

Wir wollen nicht nach hause. Ich will nicht nach hause. Ich will nicht dahin zurück, wo meine Taschen stehen. Ich würde nur dasitzen können, die Uhr anstarren, die Taschen, Sébastien und darauf warten, dass die Zeit ablaufen würde, und ich in zum Bahnhof gehen und in den Zug nach Bordeaux steigen kann. Weiterlesen

13.11.2009 – Alles bleibt gleich

«Ich werde morgen Abend nicht mehr bei dir sein.»

«Du willst nach Bordeaux fahren.»

«Und von da zurück nach Hause, nach Mannheim.»

«Ja, das hast du beschlossen.»

«Ich werde dich nicht mehr wiedersehen können.» Weiterlesen

09.11.2009 – Un coup de téléphone

Es ist früher Nachmittag. Eigentlich habe ich keine Lust, aufzustehen und nach draußen zu gehen, aber irgendetwas muss ich tun. Ich schreibe Couchsurfer an, mich aufzunehmen in Toulouse: Keine Antwort bisher. Das Wetter draußen ist ungemütlich kalt. Es regnet. Ein Wetter, um sich drinnen in seine Decken zu kuscheln und zu lesen. Eine Tasse Tee neben sich. Weiterlesen

09.11.2009 – «C’est une vieille maison»

Dass es draußen schon lange Tag ist, merke ich nicht. Das Haus ist alt, die Fenster dünn und unter meinen Gästebettdecken ist es wunderbar gemütlich. Vor den Fenstern gibt es Stores, die ich abends schließe, wenn es kalt wird. Denn Wärme kommt hier keine mehr rein, wenn die Sonne einmal untergegangen ist. Im Gegenteil. Sie entweicht wie ein Gefangener, dessen Zellentür versehentlich offen stehen gelassen wurde. Weiterlesen

07.11.2009 Napoleons Hut im Chaos der Granitfelder

Wir verlassen den Buchladen nicht ohne drei Bücher zu kaufen: Eine Französisch-Grammatik, «L’amant» von Marguerite Duras und «No et Moi» von Delphine de Vigan. Die Grammatik ist reine Zeit- und Geldverschwendung, wie ich später feststellen soll, habe ich das meiste hier ohnehin schon beim Reden mit den Menschen gelernt und reicht mir die Zeit ohnehin nicht, um umständlich in ihr zu blättern und die richtige Formulierung nachzusehen. Weiterlesen

03.11.2009 Hunger, müde, kalt – Was mach ich nur in Carcassonne?

Carcassonne wird nicht meine Lieblingsstadt werden. Ich erinnere mich immer noch an Montpellier. Das waren Tage! Die Straßen in Carcassonne sind nicht gerade die saubersten. Ihre Glanzzeiten sind auch schon länger her. Genauso steht es um die Häuser. Dieser Zustand wundert mich nicht. Seit ich in Frankreich unterwegs bin haben sich schöne Häuser in Grenzen gehalten. In Montpellier und Narbonne fand ich das noch ganz charmant. Es hatte schon etwas: Dieser Charme des Verfalls.

Hier in Carcassonne aber stößt mich der Zustand der Häuser ab, ebenso wie der Zustand der Straßen, ja der ganzen Stadt. Ich finde es ekelhaft. Liegt es daran, dass der Himmel von grauen Wolken verhangen ist und das gestreute Licht glanzlos auf die Fassaden fällt? In Montpellier und Carcassonne hat immer die Sonne geschienen. Es waren herrliche Tage, fast noch Sommertage, und das Ende Oktober. Hier aber will ich gerade wieder sofort raus.

Der Bus fährt durch die Stadt, der Cité entgegen. An jeder Haltestelle rechne ich damit, dass ich aussteigen muss. Hatte Georges nicht gesagt, Carcassonne sei schön? Der Bus biegt nach rechts um eine Ecke. Vor meinen Augen öffnet sich die Mauer aus Häuserfassaden und im Licht der in der Abenddämmerung begriffenen Sonne erstrahlen hoch oben auf einem Hügel Türme, Erker hinter einer steinernen Mauer: Die Cité von Carcassonne.

Sie sieht ein bisschen aus wie das Dornröschenschloss aus Disneyland. Nicht ganz, aber etwas – als gehöre diese Stadt nicht hierher. Angeblich war Walt Disney tatsächlich von der Cité de Carcassonne inspiriert als er das Schloss zeichnete. Sie ist die älteste erhaltene Mittelalterstadt der Welt und ich werde die nächsten drei Tage dort wohnen.

Der Bus hält direkt vor dem Eingangstor der Cité. Von einem Stadtplan weiß ich etwa wie ich zur Jugendherberge laufen muss: Immer geradeaus und irgendwann nach links. Ich habe Glück: Trotz meiner Verspätung komme ich immer noch rechtzeitig zum Einchecken. Ich teile das Zimmer mit jemand anderem. Ihre Sachen hängen um ihr Bett. Die Flurfenster bieten einen tollen Ausblick über die Dächer von Carcassonne und wieder meldet sich mein Magen.

Ich ziehe los und stelle schnell fest, dass ein billiges Abendessen aus dem Supermarkt nicht drin ist: In der Cité gibt es keinen. Es gibt Restaurants, in denen man teure Menüs bestellen kann und es gibt Imbissbuden, die schon geschlossen haben, weil es ja Abend ist.

Die Cité im Rücken suche ich mir einen Weg in die Stadt. Irgendwo unterwegs wird es schon soetwas wie einen Supermarkt geben. Den ersten lasse ich erst einmal beiseite. Ich will in die Stadt. Schilder gibt es hier nur für Autos und so folge ich ihnen. Hinter mir geht die Sonne über der Stadt unter. Ich habe meinen Herbstmantel angezogen und die schwarze Baskenmütze tief ins Gesicht gezogen.

Diese Häuserfassaden gehen mir nicht aus dem Kopf: Wie gesagt, sie waren bisher alle nicht sonderlich schön, aber so? Etwas ist anders. Ich weiß nicht, ob es diese Stadt ist, die ich nicht leiden kann, ob es an meinem Blutzuckerspiegel liegt, der momentan im Keller liegt und mir nur ein saftiges Steak als Schönheit erscheinen lässt, oder ob mir nach zwei Wochen in Frankreich dieser Stil des Heruntergekommenen auf die Nerven geht. Wahrscheinlich ist es eine Kombination aus allem: Der Verkehr brüllt, es ist laut und von den Abgasen sehen die Häuser noch schlimmer aus. Charme hat diese Stadt keinen.

Ich merke es wieder: Mit Supermärkten ist es in Frankreich ziemlich schlecht bestellt: In den Städten und Dörfern gibt es eher Läden, die nach der Größe, eher an Tante-Emma-Läden erinnern. Sie sind klein, haben ein paar kleine Regale mit Lebensmitteln, eine Kühltruhe, vielleicht eine Tiefkühltruhe und einen Stand mit Obst und Gemüse. Wirklich viel Auswahl gibt es zwar nicht. Hungrig bleibt hier aber niemand. Die größeren Supermärkte oder sogar Hypermärkte liegen außerhalb der Städte und sind nur mit dem Auto zu erreichen.

Dass ich nicht gleich den ersten dieser Tante-Emma-Läden aufgesucht habe, der mir auf dem Weg lag, stellt sich gleich als Fehler heraus. In der Dunkelheit (mittlerweile wird es sehr früh dunkel und das schnell) kommt es mir in den verlassenen Straßen vor, als sei es mitten in der Nacht. Dabei ist es nicht einmal sieben Uhr am Abend. Je länger ich gehe, desto stärker überlege ich, nicht doch bei einem Imbiss zu halten und mir eine Portion Pommes Frites zu genehmigen (Ich gebe zu, die Speisekarte des Rucksackreisenden ist stark begrenzt vor allem durch die begrenzte Reisekasse).

Zu meinem Hunger hat sich jetzt noch Trotz gesellt: Ich habe keine Lust, etwas mitzunehmen und unterwegs zu essen und zum hinsetzen ist es in diesen Imbissbuden auch nicht gemütlich genug. Außerdem will ich jetzt keine ungesunden Fritten, sondern lieber ein Baguette, etwas Käse und etwas Obst. Der Laden dafür ist weit und breit nicht zu sehen und so laufe ich weiter, immer der Route hinterher, von der ich annehme, dass sie der Bus vorhin gefahren ist.

Langsam verliere ich die Geduld. Hinter jeder Biegung versprechen neue bunte Bilder die Erfüllung meiner kulinarischen Wünsche und jedes Mal zerplatzen die Hoffnungen wie Seifenblasen. Es scheint fast so, als lebte man hier nicht an großen Straßen – ein Habitus, den ich durchaus nachvollziehen kann. Wo in Deutschland die Supermärkte aber meist dort zu finden sind, scheinen sich die Lebensmittelläden in Frankreich in kleinen verwinkelten Straßen zu verstecken. Die findet man kaum, wenn man nicht weiß wo sie sind oder zufällig über ein Hinweisschild stolpert.

Ich habe auch keine Lust, nach ihnen zu suchen, und mich in den Gassen zu verlaufen. Zu alldem ist es kalt und der Wind pfeift. Trotzdem laufe ich weiter. Ich befinde mich wieder in diesem Zustand, der mich ein Bein vor das andere setzen lässt, ohne darüber nachzudenken. Ich sehe plötzlich Schienen. Hier muss bald der Bahnhof sein und tatsächlich: Schräg vor mir zeigt er sich plötzlich, mitten aus dem Dunkel. Ich höre die Ansage auf dem Bahnsteig. Hinter einer Unterführung erkenne ich, wo ich vor ein paar Stunden aus dem Zug gestiegen bin und finde die Innenstadt.

Ohne länger zu suchen steuere ich dann aber doch ein Restaurant einer weltweiten Kette an. Ich schreibe das deshalb, weil mir an diesem Restaurant etwas interessant vorkommt. Gleich am Eingang empfängt mich eine junge Frau in der für die Kette typischen Uniform. Sie fragt mich was ich essen möchte. Ich suche mir ein Menü aus und bestelle es bei ihr. Sie nennt eine Zahl. Aha! Ich warte also, bis ich aufgerufen werde. Also setze ich mich an einen Tisch. Das Restaurant ist fast leer. Nach einer Weile habe ich vom Warten genug. Ich gehe an die Theke. Die junge Frau dahinter fragt mich nach meiner Nummer. Ich sage sie ihr, gebe ihr den Bon, den ich für meine Bestellung bekommen habe und habe kurz danach mein Tablett in der Hand.

25.10.2009 Drei Katzen und ein Hallelujah V

Wie schon in Montpellier bin ich etwas eingeschüchtert. Ich bin noch keine schnellen Ortswechsel gewöhnt. Ich nehme langsam Kontakt zu meiner neuen Umwelt auf, atme die Atmosphäre der Stadt ein, nehme sie in mir auf und bewege mich in einer Welt zwischen Besucher und Eingeborenem. Ich bin wie ein Beobachter, der sich alles ganz genau merkt, dem Details auffallen, der aber gleichzeitig immer bei sich bleibt. Die Eindrücke erreichen mich mit einer überwältigenden Intensität.

Ich kann mich zuerst nur in meinem Zimmer aufhalten. Von draußen dringen die Geräusche des Fernsehers herein. Ich höre George umhergehen. Ich bewege mich aber nicht vom Bett weg. Ich nehme die Eindrücke in mich auf und bin von ihnen gelähmt.

Ich kann nicht einmal zum Fernseher gehen. George lässt ihn für die Katzen laufen. Sie sollen menschliche Gesellschaft haben. Ich bin dermaßen überwältigt, dass ich mich zunächst auch nicht einen Zentimeter bewegen kann. Ja, ich traue mich kaum, zu atmen.

Plötzlich öffnet sich ein Fenster in diesem Gefühl. Ich stehe auf und mache das Licht an: Erst die eine Lampe auf dem Nachttisch. Dann die andere auf der Kommode neben dem Fenster. Die Tür steht etwas offen. Aus der Küche höre ich ihn kochen.

Ich weiß, dass es unhöflich ist, ihm nicht meine Hilfe anzubieten. Im Rausch dieses Gefühls tue ich es dennoch nicht. Stattdessen stelle ich mir einmal mehr die Frage, was ich hier eigentlich tue und ob ich nicht zurück nach Hause fahren sollte; dorthin, wo ich die Menschen komplett verstehe, und wo ich mich auskenne, Freunde habe. Ich beantworte die Frage nicht. Ich schiebe sie beiseite. Morgen wird die Welt gleich ganz anders aussehen, wie es auch in Montpellier der Fall war. Morgen werde ich angekommen sein.

George ruft mich. Er fragt, ob ich etwas essen möchte. Ich möchte und ergreife die Türklinke. In der Küche stehen schon die Teller, die Katzen sitzen um uns herum. Es gibt Putencurry mit Reis und Champignons.

Wir unterhalten uns. Ich erzähle ihm von mir, meiner Familie und meinem Kater. Er erzählt von seinen Katzen. George ist auf Tahiti geboren und lebt momentan abwechselnd hier und auf der Insel. In diesem Winter aber bleibt er da.

Ich erinnere mich an eine Szene, die sich heute Nachmittag auf der Straße abgespielt hat, als er mich durch die Stadt geführt hat. Ein Bettler hatte uns angesprochen. Er hatte auf der Straße an einer Hauswand gesessen und um ein «Pièce» gebeten. In Deutschland wären die meisten Passanten ohne Reaktion an ihm vorbei gelaufen. Vielleicht hätte er noch etwas gemurmelt. Auch ich verspüre den Reflex, die Frage zu ignorieren.

George antwortet. Er antwortet nicht nur. Er spricht richtig mit ihm: Es tue ihm Leid, er habe aber nichts bei sich. Eine Zigarette, vielleicht? Fragt der Bettler. Aber auch Zigaretten hat George keine.

Wir gehen weiter. Der Bettler ist von diesem Ergebnis des Gesprächs nicht sonderlich erbaut. Er ruft uns etwas hinterher. Ich verstehe es nicht, aber George antwortet ihm. Es klingt nicht nett, was er ruft. Das merke ich. Daran erinnere ich mich noch, als wir miteinander sprechen.

Nach dem Essen geht er Telefonieren. Ich setze mich in sein Wohnzimmer zu den Katzen. Es läuft «Les Pirades de Caraibes». Ich verstehe nicht viel, denn das Französisch im Fernsehen ist zu schnell, zu leise und man kann es nicht zurück spulen und noch einmal anhören. Es ist aber trotzdem immer wieder lustig, wenn Piraten miteinander Französisch sprechen. Irgendwie klingt das immer sehr putzig und melodiös; aber gar nicht nach Piraten.

25.10.2009 Drei Katzen und ein Hallelujah I

Der Abschied von Kumar fällt mir nicht sehr schwer. Ich bin froh, nach dieser besagten Nacht, von hier weg zu kommen; wenn es sich auch nicht wiederholt hat. Nachdem meine Sachen gepackt sind, unterhalten wir uns noch über das Leben, über Politik. Ich erfahre, dass er sehr an Kricket interessiert ist; wie wohl alle Inder. Es handelt sich dabei um jene Sportart, die die Briten während ihrer Kolonialzeit auf den Halbkontinent gebracht hatten. Das sage ich ihm aber nicht. Er ist alt genug, das selbst zu wissen.

Dann ist es Zeit. Ich nehme meine Taschen. Sie sind schwer – schwerer als noch bei meiner Ankunft. Kumar trägt meine Gitarre zur Bushaltestelle. Wir werden zu spät ankommen, noch vor der Haltestelleüberholt uns fast der Bus. Er hält, ich steige ein, oder besser gesagt, springe auf. Kumar reicht mir die Gitarre. Die Tür schließt, der Bus fährt los. Ich bin weg.

Meine zweite Station ist Narbonne. Schon vor Tagen habe ich bei der Couchsurfing-Homepage meinen zweiten Gastgeber gesucht. Es hat niemand geantwortet – bis auf George. Ich habe ihm gesagt, wann ich ankomme. Er wird mich abholen. Er wohnt in der Nähe des Bahnhofes. Ich werde ein eigenes Zimmer bei ihm haben.

Obwohl er anders aussieht als auf dem Foto im Internet, erkenne ich ihn sofort. Trotz meiner Erfahrungen mit Kumar bin ich immer noch aufgeregt, was mich erwarten wird. Auf dem Weg vom Bahnsteig zur Bahnhofshalle halte ich Ausschau nach ihm.

George ist braun gebrannt, hat kein Gramm Fett auf den Rippen und sieht mit seinen leicht ergrauten Haaren ziemlich gut aus. Er erzählt mir, er sei Sportlehrer und arbeite als Rettungsschwimmer im Saisongeschäft. Seine Wohnung liegt keine fünf Minuten vom Bahnhof entfernt. Später werde ich feststellen, dass in Narbonne alles in der Nähe des Bahnhofs liegt. Das Städtchen hat nur 50.000 Einwohner, was es für George umso wunderlicher macht, dass jemand nach Narbonne kommt.

Nachdem ich mein Gepäck in mein Zimmer gebracht habe, machen wir eine Tour durch die Stadt. Er erzählt mir alles, was es über Narbonne wissenswertes zu erfahren gibt: Hier gibt es ein Katharer-Kloster, einen Teil einer römischen Handelsstraße dessen Teil Narbonne einst gewesen war und Charles Trenet hat hier gelebt. Als ich die Cathédrale St. Pierre besuchen will, wartet er draußen auf mich. Mit seinen kurzen Hosen will er die Kirche nicht betreten.

23.10.2009 Könnten nicht alle Männer Franzosen sein? III

Ich liebe auch die Französinnen. Überhaupt sind sie sehr viel hübscher als die Frauen, die das Bild der deutschen Straßen prägen. Nicht, dass deutsche Frauen hässlich seien, aber die Französinnen, so scheint es mir, achten mehr auf ihr Äußeres, oder um es treffender zu formulieren: Die Zahl derer, die sehr auf sich achten, ist bedeutend größer als ich es von zuhause gewohnt bin.

Die Französinnen brauchen dazu nicht einmal Schminke: Ein paar schwarzer Nylonstrümpfe, ein Rock oder gar ein Kleid, einen passenden Pullover und ein paar schmückende Accessoires; fertig. Nicht zu vergessen die hohen Schuhe. Das Ergebnis lässt sich mit dem französischen Wort «Nonchalant» wohl am besten beschreiben. Es ist cool, aber nicht unterkühlt, sondern einfach elegant. Dazu strahlen sie ein Gefühl der Selbstsicherheit aus, ohne Arrogant zu wirken. Das ist es, was sie schön macht; das und roter Lippenstift.

Ich denke an Mannheim. Wieviele Frauen laufen dort tagtäglich durch die Straßen in der schrägen Überzeugung, schön zu sein. So viele Trainingsanzughosen wie dort werde ich auch auf meiner weiteren Reise nicht sehen, sonst könnte ich meine Eindrücke für reines Glück halten. In Mannheim prägen vor allem Frauen das Straßenbild, die mehr ein trauriges Abbild eines Posters sind. Sie wollen aussehen, wie jemand anderes. Sie können nicht sie selbst sein und dadurch werden sie einer Karikatur ihrer Selbst.

Die Französinnen zwängen sich nicht in zu enge Kleider. Aus irgendeinem Grund wissen sie genau, was ihnen steht und was nicht. Diese Frauen sehe ich auch in Mannheim, keine Frage; aber sehr viel seltener.

Es hängt aber nicht nur an der Kleidung, dass ich die Französinnen so schön finde. Sie haben auch eine positivere Haltung. Während deutsche Frauen vornehmlich mit dem Versuch beschäftigt sind, mit ihren Mundwinkeln Zwei-Kilo-Hanteln zu stemmen, geht man in Frankreich mit einem Lächeln und ohne Sorgen durch das Leben. Nicht, dass sie keine hätten. Nur machen sie sich viel mehr Sorgen über Dinge, die sie ändern können.

Ich nehme mir vor, mich diesem Stil anzupassen. Ich werde die Anzahl schwarzer Strümpfe, Kleider, Röcke und hoher Schuhe in meinem Kleiderschrank erhöhen und mir noch ein paar «abgefahrene» Accessoires leisten. Mein Vorsatz für meine Rückkehr. Aber noch hat die Reise gerade erst begonnen.

23.10.2009 Könnten nicht alle Männer Franzosen sein? II

Kumar und ich gehen in einen Club. Wir sind dort mit Freunden von ihm verabredet. Ich trinke ein Bier, sehe den Leuten beim Tanzen zu und der Band beim Spielen. Ich kann den Stil nicht zuordnen: Ein E-Bass und eine E-Gitarre, kaum Variation der Akkorde. Trotzdem reißt mich die Musik mit. Ich beobachte die beiden Musiker, wie sie spielen, ihre Bewegungen, ihre Hingabe.

In diesem Club passiert mir etwas, was mir in deutschen Clubs nur selten passiert. Ich werde von Männern angesprochen. Sie wollen mit mir tanzen, fangen an, mit mir zu reden.

Ich weiß nicht, ob es an meiner Größe liegt, aber das passiert mir sonst selten. Angesehen werde ich, oh ja! Aber niemals angesprochen. Ich habe keinen Zweifel daran, weshalb sie es tun. Es ist mir egal. Die Einladungen und das Interesse mit mir zu tanzen schmeicheln mir und ich genieße es in vollen Zügen. Allerdings bin ich noch zu deutsch, um einfach «Oui» zu sagen und mit ihnen zu tanzen.

Ich liebe die französischen Männer: Anstatt lange zu fackeln und sich philosophisch mit der Frage zu beschäftigen, ob und wie die Schöne nun anzusprechen sei, um es am Ende ganz bleiben zu lassen – denn sie könnte ja «Nein» sagen – gehen die Franzosen gleich in die Vollen und sind sich auch nicht für die abgenutzteste Anmache zu schade; vielleicht ist es auch die Sprache, dass ich trotzdem darauf eingehe.

«Tu es très belle. Tu joue au basketball?» fragt mich der erste, der mit mir tanzen will. Ein zweiter fragt einfach «Bonsoir, ça va?» Ich denke mir, ich muss nur einmal ja sagen.

Während sich die deutschen Männer noch mit dem ob und wie des Ansprechens beschäftigen, haben französische Männer ihre Frau schon im Bett. So einfach ist es. Und wenn sie «Nein» sagt? Dann gibt es andere schöne Frauen, die zumindest tanzen wollen.

Es gibt ein paar Männer, die auch mit mir tanzen, oder sich auch einfach nur mit mir unterhalten wollen. Ich lehne mich zurück und krame alles Französisch aus meinen Hirnwindungen, das meine Lehrer mir in der Schule und später in der Uni beigebracht haben. Ich lehne mich mit meinem französischen Bier zurück und betrachte das Geschehen. Ich höre der Band zu. Ich beobachte die Menschen auf der Tanzfläche.