23.10.2009 Könnten nicht alle Männer Franzosen sein? I

Wenn ich als Deutsche durch Frankreich reise, genieße ich eine Spezialität sehr: Die Franzosen selbst; vor allem die französischen Männer. Sie sind sehr offen und freundlich. Irgendwie anders, als man sie sich zu hause vorstellt.

Den Tag verbringe ich damit, Montpellier weiter per pedes zu erkunden. Ich gehe zum Bahnhof und kaufe mir eine Fahrkarte nach Narbonne. Georges wird mich morgen dort vom Bahnhof abholen. Auf dem Place de Comédie setze ich mich in eines der vielen Straßencafés. Fehti – seinen Namen erfahre ich erst später – sitzt mitten auf dem Platz und spielt Gitarre. Er spielt ausgezeichnet. Er ist der Grund, weswegen ich mich hierher setze, um Postkarten an Freunde und die Familie zu schreiben. Als Fehti fertig gespielt hat, gehe ich weiter: Ich laufe durch «Antigone», einem durch und durch designten Stadtteil mit, laut Reiseführer, Sozialwohnungen, in denen ich auch gerne wohnen würde, so wie sie aussehen.

Ich besuche das «Musée Fabre», das die größte Kunstsammlung Frankreichs außerhalb von Paris beherbergt. Ich schaffe es nicht, mir alles anzusehen. Drei Stunden reichen nicht aus, um diesen Kunstreichtum zu verstehen und anders kann ich mir ein Kunstmuseum nicht ansehen. Ich muss das Besondere dieser Bilder erkennen können. Das braucht Zeit.

Als ich das Museum verlasse sehe ich, dass Kumar mir eine Nachricht geschickt hat. Ich soll sofort nach hause kommen. Sein Ton ist harsch, denke ich und frage, was los sei. Er antwortet, er habe Hunger. Ich mache mich auf den Rückweg.

Wir beginnen den Abend bei einer Freundin von Bev. Ihre Wohnung ist klein und trotzdem hat sie die «Arche de Noël»: einen großen schwarzen, sehr süßen Hund, eine Katze und einen Fisch. Kumar ist eigentlich bei einer anderen Freundin von ihm eingeladen und wir werden uns verspäten. Doch wir trinken erst einmal Wein und Bev improvisiert arme Ritter aus Eiern und Weißbrot, die sie im Kühlschrank findet. Die andere Freundin nimmt es uns nicht übel, dass wir zu spät sind. Sie holt uns von der Straßenbahnhaltestelle ab und wir machen eine «Pierrade», was wohl das Pendant zum heißen Stein ist und sich nach «Piraterie» anhört.

22.10.2009 Was zum Geier hab ich hier eigentlich zu suchen? VIII

Ich sollte an dieser Stelle bemerken, dass es mindestens zwei Arten von Männern gibt: eine ist einfach nur abstoßend. Ich will diesen Typus nicht näher erläutern.

Ein anderer Typus Mann ist süß wie ein neugeborener Hundewelpe. Mit ihm kann man sich gut unterhalten und man trifft ihn gerne auf einen Kaffee, auf der Straße oder hilft ihm dabei, eine Freundin zu finden. Hin und wieder verliebt man sich auch in einen dieser Welpen, was spätestens dann zum Problem wird, wenn man der dritten Gattung Mann begegnet.

Der Körper dieser Männer ist genau richtig. Er ist vor allem selbstbewusst. Er weiß, warum ihn die Frauen ansehen. In meinem Fall hat er entweder strahlend blaue oder warme braune Augen. Diese Kombination schließlich ist das fatale. Ich bin gleichzeitig angezogen und abgestoßen von diesen Männern. Ich lasse kein Begehren durchscheinen. Ich gebe mich kühl; bin es nicht gewohnt, auf diese Weise zu flirten.

Kumar ist ein Vertreter des letzten Typs. Wenn er sich in meinem Beisein in seinem Zimmer umzieht, sehe ich dezent weg. Hin und wieder aber sehe ich doch hin. Bei dem Anblick seines nackten Oberkörpers fallen mir die Worte ein, mit denen Marguerite Duras den Körper ihres Liebhabers beschreibt: «Seine Haut ist von prachtvoller Zartheit. Der Körper. Der Körper ist mager, kraftlos, ohne Muskeln, er könnte krank gewesen sein, nun auf dem Wege der Genesung, er ist unbehaart, ohne ein Zeichen von Männlichkeit (...), er ist sehr schwach, er scheint der Willkür von Kränkungen ausgeliefert worden zu sein, leidend.»

22.10.2009 Was zum Geier hab ich hier eigentlich zu suchen? VII

Couchsurfing ist eine wirklich geniale Sache: Man kommt in eine neue Stadt, aber anstatt wie ein normaler Tourist nach dem Vorbild der drei Affen außen vor zu bleiben, finde ich hier sofort neue Freunde und tauche in das Leben der Stadt ein. Gleichzeitig aber stehe ich außerhalb und beobachte die Menschen, wie sie leben, wie sie denken und wie sie dem Leben gegenüber eingestellt sind.

Couchsurfing verlangt aber auch einiges an Vertrauen in Menschen – vor allem in das Gute in ihnen. Mein Vertrauen in Kumar ist durch die letzte Nacht stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Es ist eine Sache, mit einem wildfremden Menschen Kaffee trinken zu gehen. Es ist eine andere Sache, in der Wohnung eines wildfremden Menschen zu schlafen und es verlangt eine Menge mehr Vertrauen, mit einem unbekannten Menschen im selben Zimmer zu schlafen. Auch wenn hierdurch ein paar Klischees erfüllt werden, aber das ist nunmal eine selbsterfüllende Prophezeiung: Gerade als Frau im Zimmer eines fremden Mannes.

Man sollte jetzt nicht von mir denken, ich sei prüde. Ich habe eine Abneigung gegen Aktionen wie in der letzten Nacht. Er ist nicht der erste Mann, in dessen Zimmer ich schlafe. Wenn ich aber im selben Bett wie mein Sandkastenfreund schlafe, dann weil wir beide wissen, dass da nie etwas laufen wird.

Bei Kumar ist es etwas anders, von der Tatsache einmal abgesehen, dass ich ihn gerade zwei Tage kenne. Ich gebe zu, dass er attraktiv ist: Sein Körper ist schmal und gleichzeitig muskulös. Die Haut hat die Farbe die Darjeeling-Tee beim Ziehen annimmt. Die Augen sind die fermentierten Teeblätter. Würde ich es mir eingestehen und meinen Freund zuhause vergessen: Er wäre zum Dahinschmelzen.

22.10.2009 Was zum Geier hab ich hier eigentlich zu suchen? VI

Ich wache auf als sein Wecker klingelt. Ich muss wohl doch eingeschlafen sein. Nachdem er von meiner Matratze aufgestanden und in sein eigenes Bett gegangen war, habe ich noch wach gelegen und darauf geachtet, was als nächstes passieren würde.

Sein Wecker klingelt. «Na endlich!», denke ich. Jetzt geht er endlich arbeiten und ich kann entspannt weiter schlafen. Es tut sich nichts. Nichts regt sich, abgesehen davon, dass er den Wecker ausstellt. Zu früh gefreut. Er schläft weiter. Draußen ist es schon hell. Irgendwann will ich einfach aufstehen, duschen und frühstücken gehen.

Als er endlich aufsteht, ist es halb elf. Ich stehe auf, sammle meine Sachen zusammen und will mich auf den Weg machen, mein Frühstück von gestern zum täglichen Ritual werden zu lassen, zumindest hier in Montpellier.

Die Tür geht auf. Es ist Kumar, mit Kaffee und Nutella. Hatte er seinen nächtlichen Ausflug auf meine Matratze mitbekommen? Ich spreche es nicht an, aber ich bin mir sicher, dass das kein Nachtwandel war. Hat er bemerkt, dass ich wach war?

Ich bin wütend. Die Situation ist mir unangenehm. Meine Überlegungen nach Strategien, was in diesem Fall zu unternehmen sei, führen ins Leere. Am Ende unternehme ich nichts. Ich sehe mir den Rest der Stadt an und verbringe eine weitere Nacht in seinem Zimmer.

22.10.2009 Was zum Geier hab ich hier eigentlich zu suchen? V

Es ist Nacht. Ich wache auf. Normalerweise ist mein Schlaf sehr tief, allerdings nicht wenn ich getrunken habe und das tue ich seit ein paar Tagen, genauer gesagt seit ich bei Kumar bin und er jeden Abend Wein von der Arbeit mitbringt. Ich bin nicht ganz wach. Es ist eher ein Dämmerschlaf. Aber irgendetwas stimmt nicht. Etwas ist seltsam.

Neben mir bewegt sich etwas auf der Matraze. Ich höre Kumar atmen. Mit einem Mal bin ich hellwach – und sauer. Ich jage ihn aber nicht weg. Ich mache ihn nicht darauf aufmerksam, dass ich wach bin. Nein, ich bleibe still liegen. Ich weiß nicht warum. Ich will kein Fass aufmachen.

Ich kralle mich fester in die Decke und rücke von ihm weg, an die Kante der Matraze. Ich höre in das Schwarz der Nacht. Ich höre ihn noch immer atmen. Ich ziehe die Enden der Bettdecke zu mir, umklammere sie als wolle ich sagen: «Das ist meine, und du kannst da von mir aus frieren.»

Es scheint zu wirken. Ich merke die Bewegungen der Matraze. Er steht auf. Der Parkett-Boden knackt unter dem Gewicht seiner Bewegungen. Irgendwo aus der Ecke des Zimmers, in dem sein Bett steht, höre ich ihn fluchen. Ja, fluch du nur!

22.10.2009 Was zum Geier hab ich hier eigentlich zu suchen? IV

Kumar ist ein interessanter Gastgeber. Er nimmt mich mit zu seinen Freunden, kocht leckeres indisches Essen und wenn er von seiner Arbeit kommt, hat er immer ein paar Flaschen guten Rotwein dabei.

Es ist spät. Bestimmt elf Uhr oder später. Er sagt mir, dass er letzte Nacht gefroren hat. Ich sage ihm, er könne die dickere Decke haben, die er mir gegeben hat, und ich nehme die Wolldecke. Mir mache die Kälte nichts aus. Er lehnt ab und schlägt etwas anderes vor:

«Do you mind me sleeping on the mattress too?»

Ich antworte, ja, es störe mich. Die Matratze ist breit genug für zwei. Ich schlafe in dem gleichen Zimmer wie er. Das ist kein Problem. Aber auf der selben Matratze? Ich kenne ihn gerade mal den zweiten Tag.

Ich erinnere mich siedend heiß an seine beiden negativen Referenzen in seinem Profil: Zwei junge Frauen hatten sich darüber beschwert, dass er nicht aufgehört hatte, ihnen Avancen (nennen wir es einmal so) zu machen, nachdem sie ihn mehrmals abgewiesen hatten. So etwas macht das Couchsurfen durchaus unangenehm.

Langsam schält sich der Pudel, denke ich. Er habe letzte Nacht nicht geschlafen, sagt er. Er habe so gefroren. Weil er mir die dickere Decke gegeben hatte, und für sich selbst eine dünne Wolldecke behalten hatte, will er nicht nur auf der selben Matratze schlafen, sondern auch unter der selben Decke. Ich entschuldige mich. Das ist mir zu heiß. Es ginge nicht sage ich.

«Ah, you German girls!»

schnauzt er mich an. So sei es nun einmal, erwidere ich und biete ihm erneut meine Decke an. Er könne nicht zulassen, dass ich friere sagt er und wickelt sich in seine. Soweit ist die Sache gegessen, denke ich zumindest.

22.10.2009 Was zum Geier hab ich hier eigentlich zu suchen? III

In der Rue Foch – hinter dem Triumphbogen, der nicht wirklich hierher passt, aber in jeder größeren französischen Stadt anzutreffen ist – gibt es nichts außer Designerläden. Ich streife durch die kleinen Gassen links und rechts der Straße. Ich schaue hinein und wenn sie mir gefällt, gehe ich hinein. Ich liebe sie, besonders die Rue de l’Ancien Courrier, in deren Häuser noch die Halteringe für die Pferde befestigt sind. Ich finde keinen einzigen Supermarkt.

In den Galeries de Lafayette werde ich schließlich fündig. Es hat den Anschein als sei es in Frankreich anders um Supermärkte bestellt als in Deutschland. Wenigstens habe ich einen gefunden. Mein Mittagessen besteht aus einem Baguette von Paul, einem Stück jungen Roqueforts sowie Milch und einer Zeitung.

Ich sitze vor dem Einkaufszentrum mit meinem Roquefortsandwich. Die Leute sitzen alle hier auf den Treppenstufen oder auf dem Boden oder den wenigen Bänken und nehmen eine Auszeit. Als ich weiter in Richtung Le Corum am Jardin de Champ de Mars vorbei gehe, sehe ich, dass einige sogar ihre Gitarren mitgenommen haben und im Gras sitzen und «klampfen».

Das Wetter wird langsam ungemütlich. Hatte Benjamin nicht mal was von Sonne gesagt? Es zieht zu, will anfangen zu regnen. Also setze ich mich in ein Café und nehme einen Kaffee, nein, Tee, Earl Grey. Ich sollte besser bei Kaffee bleiben, denn mit Tee hat man in Frankreich noch weniger zu tun als in Deutschland: Ich bekomme ein Kännchen mit einem Teebeutel, was höchstens für Kräutertees – oder Infusionen, wie sie hier genannt werden – in Frage kommt.

Nach meiner Pause begehe ich einen großen Fehler. Kumar hat für mich einen günstigen Prepaid-Tarif herausgefunden. Ich will nicht teuer von meinem Vertragshandy telefonieren und besorge mir eine französische Telefonnummer. Also gehe ich in den Virgin Store, der direkt gegenüber von dem Café ist. Von nun an werde ich per Handy vorgeben, Jungfrau zu sein. Dabei bin ich im Dezember geboren.

Ich sehe mir den Laden genauer an und fahre in das erste Obergeschoss. Das ist der Fehler. Im ersten Stock befindet sich die Librairie. Ich komme nicht vorbei an den Büchern – es sind alles Taschenbücher – ohne drei Romane von Marguerite Duras mitzunehmen, natürlich auf französisch. An dieser Stelle möchte ich Ihnen, lieber Leser, ins Gedächtnis rufen, dass mein roter Rucksack nichts außer Büchern beinhaltet, die ich lesen will sowie Notizbücher und natürlich mein Notebook. Eine portable Bibliothek also. Ich überlasse es nun Ihnen darüber zu schmunzeln, lauthals zu lachen, oder auch einfach mit den Augen zu rollen, wenn ich Ihnen sage, dass ich in einer französischen Buchhandlung noch mehr Bücher gekauft habe. Allerdings reicht mein Bargeld nicht aus, um alle Bücher mitzunehmen, also lasse ich eines an der Kasse zurück.

Als ich den Laden verlasse, geschieht ein Wunder: Es fängt zu regnen an. Zumindest für diese Gegend ist das ein Wunder, denn angeblich hat es hier über 300 Sonnentage im Jahr. Dies war ein Grund für mich gewesen, auf einen Schirm in meinem Gepäck zu verzichten und lieber Bücher mitzunehmen. Ich erreiche die Allée Julien völlig durchnässt. Es ist eiskalt.

22.10.2009 Was zum Geier hab ich hier eigentlich zu suchen? I

Der erste Tag in einer fremden Stadt, in einem fremden Land ist so ziemlich das Irrealste, was ich mir vorstellen kann. Ich wache auf als Kumars Wecker klingelt. Als er aus dem Haus geht, schlafe ich weiter. Ich wache auf. Die Sonne scheint durch das Zimmerfenster. Ich kann nicht aufstehen. Ich bin aber nicht mehr müde. Ich kann nicht aufstehen, weil ich Angst habe. Ich habe Angst vor dem, was draußen ist, hinter dem Fenster, im Sonnenlicht. Ich werde mir über meine Absichten hier im Klaren: Job finden, Zimmer finden. Das hilft, ich stehe auf.

Da ich nicht weiß, was ich in der Küche benutzen darf und was nicht, gehe ich auf meiner Suche nach dem Frühstück nach draußen. In dem Haus, in dem Kumar wohnt, habe ich Angst, zu fest an den Türklinken zu ziehen; sie hängen lose aus den Türen. Ich befürchte, mich einsperren zu können. Überhaupt stelle ich fest, dass die Häuser hier zwar sehr schön, aber nicht sonderlich gut in Schuss sind. Das gibt ihnen einen gewissen Charme. Würde es alles neu aussehen, läge ein Hauch von Künstlichkeit über den Häusern und über der Stadt. Doch da man sich hier nicht sonderlich um sein Haus kümmert, hat man auch Probleme. Bei Kumars Freundin, Bev, bei der wir gestern waren, regnet es in die Wohnung herein. Zwar kommt das nicht häufig vor, weil es in Montpellier kaum regnet, weil es hier an den meisten Tagen nicht einmal Wolken am Himmel sind. Gestern Abend aber hat es geregnet. Um ihre Steckdosen und Lichtschalter, also die Elektrik im Haus vor einem Kurzschluss zu bewahren, hatte Bev über den Steckdosen und Lichtschaltern Küchenhandtücher mit Tesafilm befestigt.

« You go this direction, you find a boulangerie. They’re very good. » Hatte Kumar mir gestern Abend noch erklärt und dabei in seinem Zimmer mit dem Arm in eine Richtung gewiesen. Ich kann nichts damit anfangen: Im Zimmer seiend kann ich mich nicht auf Richtungen draußen konzentrieren. Also laufe ich die Avenue d’Assass in der Richtung entlang, in die ich denke, die Kumar gewiesen hatte. Ich treffe auf so ziemlich alles: Verwunschene kleine Häuschen, die über und über mit Pflanzen überwuchert sind, und in denen « Chambres d’Hôtes » angeboten werden. Die Straße ist gesäumt von Platanen und es ist noch ein wenig frisch. Doch langsam wird es wärmer, fast sommerlich. Einen Bäcker finde ich aber nicht.

Ich beschließe umzukehren und verfluche schon fast die Stadt und mich für meine dämliche Idee einen auf Selbstfindungstrip machen zu müssen. Et voilà: Hier bin ich in Montpellier, weit weg von zuhause und finde nichts zu Frühstücken (wer mich näher kennt, wird an dieser Stelle vielleicht in lautes Lachen ausbrechen, ich werde aber nicht erklären, wieso). Am Ausgangspunkt meiner Frühstücksodyssee treffe ich schließlich auf « Paul », eine Bäckereikette in Frankreich. Ich hätte mir den Weg und den Ärger ersparen können. So weiß ich wenigstens, wo ich in den nächsten Tagen mein Frühstück besorgen kann.

Ich stelle fest, dass ich nicht viel brauche, um morgens wach zu werden bzw. um die Evolutionsstufe vom Homo Sapiens zum Homo Sapiens Sapiens zu schaffen. Dazu braucht es vor allem Koffein, Teein und ein Croissant. Ich nehme meinen Kaffee, der hier unten eher nach einem Espresso aussieht und mein Pain au Chocolat (in Deutschland ist das ein Schokocroissant und in den Pyrenäen eine Chocolatine) und setze mich an einen der ausnahmslos verlassenen Tische des Cafés.

Hier, inmitten der Menschen, die kaum etwas anderes als Französisch verstehen, fühle ich mich wie eine Fremde. Das liegt natürlich daran, dass ich hier fremd bin, aber das Gefühl ist ein etwas anderes. Ich bin nicht daran gewohnt, Französisch zu sprechen. Ich habe Angst. Angst davor, Fehler zu machen. Angst davor, man könne mir meine Fremdheit anmerken. Wenn ich reise möchte ich in meine neue Umgebung eintauchen, eine neue Identität annehmen, in sie hineinschlüpfen wie in ein maßgeschneidertes Kleid. Ich möchte wissen wie es ist, Französin zu sein. Wie es sich lebt. Doch ich habe Angst, einen Fehler zu machen und verhaspele mich, ich vergesse alle Höflichkeitsfloskeln und muss ungeheuer ungehobelt wirken.

Angst und Unsicherheit machen sich in mir breit. Ich habe nicht schlecht Lust, mir eine Fahrkarte nach Hause zu kaufen und mich in den nächsten Zug zu setzen. Ich streiche diesen Gedanken aus meinem Kopf. Ich würde nicht nur vor meiner Familie und meinen Freunden als Versagerin dastehen, sondern auch (und das ist das schlimmste) mir selbst Vorwürfe machen, mal wieder den sprichwörtlichen Schwanz eingezogen zu haben. Ich befinde mich in einem Dilemma. Die fremde Welt da draußen kommt mir unheimlich, ja unwirtlich und ungastlich vor.

Ich gehe nicht zurück, zumindest jetzt noch nicht. Ich bleibe auch nicht, das steht bereits jetzt fest. Ich beschließe, zu reisen: Vielleicht eine Woche Montpellier und danach wer weiß? Carcassonne? Ich blättere im Reiseführer und suche mir neue Ziele aus. Es ist schwierig, irgendwo zu bleiben, wenn man keine Mission, keine Bestimmung an diesem Ort hat.

21.10.2009 – Die Reise beginnt IV

Couchsurfing ist eine interessante Sportart. Man trägt zwar nicht seine Couch zum Meer, in der Hoffnung auf eine gute Welle, sondern bietet anderen Leuten im Internet an, auf dieser zu übernachten bzw. nimmt dieses Angebot an. Meine Reise sollte daraus bestehen, dass ich zum letzten Teil dieser Internetgemeinde gehöre. Das erste Bild, das bei dieser Beschreibung entsteht ist besonders für Deutsche, nehme ich mal an, ein Schreckgespenst: Da übernachtet man einfach bei wildfremden Menschen in der Wohnung oder lässt wildfremde Menschen bei sich übernachten. Doch so schlimm ist es nicht. Man kann sich durchaus aussuchen, wo man übernachten möchte und sich umgekehrt auch seine Gäste aussuchen.

Als ich Kumars Foto im Internet sehe, hoffe ich, dass er nicht der einzige sein wird, der mir einen Platz zum Schlafen anbietet, später stelle ich fest, dass ich mir kaum einen besseren habe aussuchen können. Am Bahnhof erkenne ich ihn gleich, aber er mich nicht. Irgendwie haben wir es dann aber doch hinbekommen und ich surfe auf seiner Couch. Diese Couch ist eigentlich eine französische (also breite) Matraze, die wir in seinem kleinen Zimmer auf den Boden legen. Er hat eine Decke für mich und ein Kopfkissen. Super! Dass wir in einem Zimmer schlafen, stört mich nicht. Zum Schlafen ist jetzt ohnehin noch nicht die Zeit.

Kumar kommt aus Indien, macht gerade seinen dritten Abschluss im Weinhandel und sein Profil sieht durchaus interessant aus. (Wie ich auf meiner Reise feststellen werde, machen sich nicht viele Mitglieder die Mühe, ein Profil komplett auszufüllen.) Kumar lebt seit Jahren in Frankreich, hat seinen zweiten Abschluss mit einem Stipendium der EU in Belgien gemacht und macht nun den dritten in Frankreich. Für seine Diplomarbeit arbeitet er bei einem Weinhändler (keiner um die Ecke, sondern einem Unternehmen, dass Weine aus Südfrankreich ins Ausland exportiert.) und bringt nach Arbeitsschluss die Weine mit, die vom Verkosten übrig geblieben sind.

Kumars Zimmer ist spartanisch eingerichtet. Wie in Frankreich wohl üblich sind die Decken hoch. Die Wände sind weiß gestrichen, aber schmucklos. Nur unter einem Fenster liegt eine lange hübsch bunt bemalte Holzplatte. Sie macht den Charme des ganzen Zimmers aus. Am Fenster hängen grüne leichte Vorhänge, wohl eher billige Schals, wie man sie zumindest in Deutschland in jedem Baumarkt finden kann. Ein Schreibtisch und eine Couch stehen noch darin, an der Wand neben der Tür steht ein Regal, aber keine Bücher. Unsere kurzen Lebensgeschichten fassen wir auf der Busfahrt zusammen. Als wir in seiner Wohnung ankommen, bin ich ihm dankbar, mich vom Bahnhof abgeholt zu haben, denn diese kleine Seitenstraße hätte ich nun wirklich nicht gefunden.

« I’m seeing some friends later. Do you want to come with me? » fragt mich Kumar und dann finde ich mich wieder bei seinen Freunden: ein paar wundervolle junge Frauen (das klingt entweder ziemlich altväterlich oder als sei ich eine alte Frau. Nun, wie soll ichs sonst sagen?). Es gibt einen fürchterlichen, aber durchaus essbaren Gemüseeintopf mit Glasnudeln und Crème Fraiche und dazu Kumars wunderbaren Rotwein. Noch während ich mich mit meinem Französisch abmühe, stelle ich fest das Beverly (kurz Bev), der die Wohnung gehört und Lindsay, die später dazu kommt, aus England kommen und ein Jahr in Montpellier sind um den Kindern hier Englischunterricht zu geben. Miriam und ihre Freundin kommen aus den USA. Nur Peyou, die mit ihrem wirklich schönen Hund Sanguard da ist, und Lisette sind zumindest aus Frankreich. Ob sie aus Montpellier kommen weiß ich nicht.

Ist das nicht die Ironie schlechthin? Ich möchte einige Zeit in Frankreich verbringen um mal woanders zu leben und französisch zu lernen, also einfach mal wieder zu sprechen und zu hören. Und hier bin ich, frisch aus dem kalten Deutschland in Montpellier, wohne bei einem Inder und treffe gleich am ersten Abend ganz tolle Leute, mit denen ich allen Englisch spreche. Ich war jedenfalls froh, gleich am ersten Abend jemanden gefunden hatte, mit dem ich mich anfreunden konnte.

Eine Anmerkung möchte ich noch zur französischen Einstellung zu Häusern und dergleichen äußern. Ich weiß nicht, ob es Nachlässigkeit ist oder einfach die Lebenseinstellung. Aber sowohl das Haus, in dem Kumar sein Zimmer hatte wie auch das von Bev sind alt. Sehr charmant, übrigens. Bei Kumar habe ich immer Angst, ich könnte die Klinke der Zimmertüren zu fest anfassen. Sie hängen sehr locker und ich befürchte, sie plötzlich in der Hand zu haben, während ich mich auf der Toilette einschließen will. Also bin ich vorsichtig, mit dem Erfolg, dass ich mich eines Morgens nicht richtig eingeschlossen habe, sondern gerade auf der Schüssel sitze als mein Couchsurf-Gastgeber mit Genuss die Tür aufreißt und gleich danach mit einem gemurmelten Oh wieder zuschlägt. Na macht ja nix. Ist trotzdem peinlich.

Bei Bev sieht das Alter so aus, dass in diesem riesengroßen Haus, dessen Flur wie eine große hohe Halle oder wie ein Hof wirkt und das sehr verwinkelt ist, das Dach nicht ganz dicht zu sein scheint. Bei den zwei Regentagen im Monat, vielleicht nicht schlimm, führt aber regelmäßig zu Kurzschlüssen, wenn das Wasser zu den Schaltern und Steckdosen herunter rinnt. Aber wozu Dachziegel wenn es doch Handtücher gibt? Diese hat Bev schließlich mit Tesafilm an den Wänden über den kritischen Stellen angebracht. Und somit: Vive la France!

21.10.2009 – Die Reise beginnt III

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Als ich in Paris aussteige, regnet es. Ich denke daran, dass es in Montpellier anders sein würde. Der Wetterbericht hatte es so gesagt: Warm und ein bisschen wolkig. Ich suche nach dem Zugang zur Métro und folge den Schildern. Ich gehe vorbei an der großen Halle, in deren Fotofixautomaten schon Amélie nach einem Phantom gesucht hat und in dem noch zwei Tage zuvor Jet Li in « Kiss of the Dragon » einem Auftrag für die chinesische Polizei nachgegangen war. Es sieht natürlich alles so aus, wie im Film.

Meine Metrokarte hatte ich mir schon im Zug gekauft. Trotzdem reihe ich mich in die Schlange am Informationsschalter der Métro ein. Natürlich hatte die Frau am Service-Point (man stelle sich solche Dämlichkeiten nur mal in Frankreich vor: Einen Point de Service in Servicepoint umzubenennen.) die Métrokarte nicht richtig gelesen. Wäre ich mit der Linie 5 durchgefahren, wäre ich nie angekommen.

Ich hieve mein Gepäck durch die Zugangsschranken zur Métro. Als ich meine Karte in den Schlitz stecke, leuchten die Lampen grün auf, ich kann passieren. In der Métro kommt es niemals vor, dass man schwarz fährt und wenn doch, hat man doch viel kriminelle Energie. Zum Glück passe ich durch, denn mit den vielen Taschen kann niemand von mir behaupten, ich sei handlich. Ich haste den Schildern hinterher, die mich zum richtigen Bahnsteig bringen (Richtung Bastille, dort muss ich umsteigen). Endlich habe ich ihn gefunden und kann nur von Glück sagen, dass immer eine Bahn kommt. Und auch die hat es in sich: Kaum angekommen, reißen die Türen auf und entlassen eine Heerschar von Menschen. Es bleibt wenig Zeit, man muss alles Gepäck auf einmal hineinstellen, denn kurz danach heult eine Sirene auf dem Bahnsteig auf, Lichter leuchten und mit einem lauten Getöse schnellen die Türen wieder zu « Rumms! ». Als ich an der Bastille umsteige, muss ich mich auch hier erst wieder in dem Gewusel zurecht finden. Hier kann man sich ganz schnell verlaufen, wenn man nicht aufpasst. Ich finde wieder meinen Bahnsteig, die übernächste Station ist der Gare de Lyon.

Am Gare de Lyon bin ich zunächst einmal froh, hier zu sein. Ich suche mir ein Plätzchen zum Sitzen und setze mich mit meinem ganzen Gepäck auf eine der Bänke, die für die Wartenden aufgestellt ist. Die Gleise haben hier Buchstaben fällt mir auf und ein Blick auf die Anzeigetafel sagt mir, dass sie auch Farben haben. Ein zweiter Blick verrät mir die Bedeutungen der Farben: Blau steht für die Gleise mit Buchstaben, gelb für die Gleise mit Zahlen. Mein Zug kommt auf einem gelben Gleis an (noch so eine Besonderheit: In Frankreich weiß man nicht, auf welchem Gleis die Züge ankommen, erst 20 Minuten vor Abfahrt lüftet sich das Geheimnis. Der Grund? Entweder weiß man es wirklich nicht und stellt das Gleis je nach Verfügbarkeit bereit, oder aber man verhindert so, dass sich ganze Menschentrauben für verschiedene Züge auf dem gleichen Gleis versammeln. Denn das können mitunter so viele sein, dass es indische Ausmaße annimmt.). Nur habe ich keine Ahnung, wo ich diese Gleise befinden, doch zum Glück gibt es ja Hinweisschilder und ich finde mich fünf Minuten später ans andere Ende des Bahnhofs hastend. Wer dieses System nicht versteht, hat entweder Glück, seinen Zug zu erreichen, oder aber er verpasst ihn.

In Deutschland (ich mache Deutschland zum Maßstab meiner Beobachrungen, weil das das einzige Land ist, in dem ich bisher so ausgiebig Zug gefahren bin) weiß man immer schon in der Weihnachtszeit, wann und vor allem auch wo sein Zug abfahren wird. Am Gare de Lyon und in Paris weiß man nur, wie bei Wilhelm Tell « Durch diese hohle Gasse muss er kommen! » Also aus welcher Richtung der Zug kommen wird. In Frankreich hat man mit seinen Zügen also seine liebe Not (Das heißt eigentlich ja nicht, weil ich mal davon ausgehe, dass man in Frankreich weiß, wie die Züge und Bahnhöfe ticken und sich eben darauf schon eingestellt hat.). Wo der Zug genau ankommt, weiß man erst dann, wenn er auch wirklich auf dem Gleis steht und das ist dann der Zeitpunkt, an dem alle Wartenden auf den Bahnsteig strömen. Auch ich: Wagen 15, Sitz 17 steht in Abschnitt X also ganz am anderen Ende des Bahnsteigs. Mit meinen fünf Taschen mache ich mich also auf den Weg. Was solls, hilft ja doch nicht.

Wie auch die Fahrt mit dem ICE ist die Fahrt mit dem TGV trotz aller romantischen Erwartungen an eine Zugfahrt ziemlich unspektakulär, vom Regen mal abgesehen. Der war eher enttäuschend. Denn auch wenn ich mit zunehmender Nähe zum Mittelmeer mit blauem Himmel und Sonnenschein gerechnet habe, bleibt auch diese Erwartung unerfüllt. In Montpellier jedenfalls regnete es dann nicht mehr, nur die Pfützen waren noch da.