13.11.2009 – Nur weg!

Wir wollen nicht nach hause. Ich will nicht nach hause. Ich will nicht dahin zurück, wo meine Taschen stehen. Ich würde nur dasitzen können, die Uhr anstarren, die Taschen, Sébastien und darauf warten, dass die Zeit ablaufen würde, und ich in zum Bahnhof gehen und in den Zug nach Bordeaux steigen kann. Weiterlesen

13.11.2009 – Alles bleibt gleich

«Ich werde morgen Abend nicht mehr bei dir sein.»

«Du willst nach Bordeaux fahren.»

«Und von da zurück nach Hause, nach Mannheim.»

«Ja, das hast du beschlossen.»

«Ich werde dich nicht mehr wiedersehen können.» Weiterlesen

07.11.2009 Napoleons Hut im Chaos der Granitfelder

Wir verlassen den Buchladen nicht ohne drei Bücher zu kaufen: Eine Französisch-Grammatik, «L’amant» von Marguerite Duras und «No et Moi» von Delphine de Vigan. Die Grammatik ist reine Zeit- und Geldverschwendung, wie ich später feststellen soll, habe ich das meiste hier ohnehin schon beim Reden mit den Menschen gelernt und reicht mir die Zeit ohnehin nicht, um umständlich in ihr zu blättern und die richtige Formulierung nachzusehen. Weiterlesen

03.11.2009 Hunger, müde, kalt – Was mach ich nur in Carcassonne?

Carcassonne wird nicht meine Lieblingsstadt werden. Ich erinnere mich immer noch an Montpellier. Das waren Tage! Die Straßen in Carcassonne sind nicht gerade die saubersten. Ihre Glanzzeiten sind auch schon länger her. Genauso steht es um die Häuser. Dieser Zustand wundert mich nicht. Seit ich in Frankreich unterwegs bin haben sich schöne Häuser in Grenzen gehalten. In Montpellier und Narbonne fand ich das noch ganz charmant. Es hatte schon etwas: Dieser Charme des Verfalls.

Hier in Carcassonne aber stößt mich der Zustand der Häuser ab, ebenso wie der Zustand der Straßen, ja der ganzen Stadt. Ich finde es ekelhaft. Liegt es daran, dass der Himmel von grauen Wolken verhangen ist und das gestreute Licht glanzlos auf die Fassaden fällt? In Montpellier und Carcassonne hat immer die Sonne geschienen. Es waren herrliche Tage, fast noch Sommertage, und das Ende Oktober. Hier aber will ich gerade wieder sofort raus.

Der Bus fährt durch die Stadt, der Cité entgegen. An jeder Haltestelle rechne ich damit, dass ich aussteigen muss. Hatte Georges nicht gesagt, Carcassonne sei schön? Der Bus biegt nach rechts um eine Ecke. Vor meinen Augen öffnet sich die Mauer aus Häuserfassaden und im Licht der in der Abenddämmerung begriffenen Sonne erstrahlen hoch oben auf einem Hügel Türme, Erker hinter einer steinernen Mauer: Die Cité von Carcassonne.

Sie sieht ein bisschen aus wie das Dornröschenschloss aus Disneyland. Nicht ganz, aber etwas – als gehöre diese Stadt nicht hierher. Angeblich war Walt Disney tatsächlich von der Cité de Carcassonne inspiriert als er das Schloss zeichnete. Sie ist die älteste erhaltene Mittelalterstadt der Welt und ich werde die nächsten drei Tage dort wohnen.

Der Bus hält direkt vor dem Eingangstor der Cité. Von einem Stadtplan weiß ich etwa wie ich zur Jugendherberge laufen muss: Immer geradeaus und irgendwann nach links. Ich habe Glück: Trotz meiner Verspätung komme ich immer noch rechtzeitig zum Einchecken. Ich teile das Zimmer mit jemand anderem. Ihre Sachen hängen um ihr Bett. Die Flurfenster bieten einen tollen Ausblick über die Dächer von Carcassonne und wieder meldet sich mein Magen.

Ich ziehe los und stelle schnell fest, dass ein billiges Abendessen aus dem Supermarkt nicht drin ist: In der Cité gibt es keinen. Es gibt Restaurants, in denen man teure Menüs bestellen kann und es gibt Imbissbuden, die schon geschlossen haben, weil es ja Abend ist.

Die Cité im Rücken suche ich mir einen Weg in die Stadt. Irgendwo unterwegs wird es schon soetwas wie einen Supermarkt geben. Den ersten lasse ich erst einmal beiseite. Ich will in die Stadt. Schilder gibt es hier nur für Autos und so folge ich ihnen. Hinter mir geht die Sonne über der Stadt unter. Ich habe meinen Herbstmantel angezogen und die schwarze Baskenmütze tief ins Gesicht gezogen.

Diese Häuserfassaden gehen mir nicht aus dem Kopf: Wie gesagt, sie waren bisher alle nicht sonderlich schön, aber so? Etwas ist anders. Ich weiß nicht, ob es diese Stadt ist, die ich nicht leiden kann, ob es an meinem Blutzuckerspiegel liegt, der momentan im Keller liegt und mir nur ein saftiges Steak als Schönheit erscheinen lässt, oder ob mir nach zwei Wochen in Frankreich dieser Stil des Heruntergekommenen auf die Nerven geht. Wahrscheinlich ist es eine Kombination aus allem: Der Verkehr brüllt, es ist laut und von den Abgasen sehen die Häuser noch schlimmer aus. Charme hat diese Stadt keinen.

Ich merke es wieder: Mit Supermärkten ist es in Frankreich ziemlich schlecht bestellt: In den Städten und Dörfern gibt es eher Läden, die nach der Größe, eher an Tante-Emma-Läden erinnern. Sie sind klein, haben ein paar kleine Regale mit Lebensmitteln, eine Kühltruhe, vielleicht eine Tiefkühltruhe und einen Stand mit Obst und Gemüse. Wirklich viel Auswahl gibt es zwar nicht. Hungrig bleibt hier aber niemand. Die größeren Supermärkte oder sogar Hypermärkte liegen außerhalb der Städte und sind nur mit dem Auto zu erreichen.

Dass ich nicht gleich den ersten dieser Tante-Emma-Läden aufgesucht habe, der mir auf dem Weg lag, stellt sich gleich als Fehler heraus. In der Dunkelheit (mittlerweile wird es sehr früh dunkel und das schnell) kommt es mir in den verlassenen Straßen vor, als sei es mitten in der Nacht. Dabei ist es nicht einmal sieben Uhr am Abend. Je länger ich gehe, desto stärker überlege ich, nicht doch bei einem Imbiss zu halten und mir eine Portion Pommes Frites zu genehmigen (Ich gebe zu, die Speisekarte des Rucksackreisenden ist stark begrenzt vor allem durch die begrenzte Reisekasse).

Zu meinem Hunger hat sich jetzt noch Trotz gesellt: Ich habe keine Lust, etwas mitzunehmen und unterwegs zu essen und zum hinsetzen ist es in diesen Imbissbuden auch nicht gemütlich genug. Außerdem will ich jetzt keine ungesunden Fritten, sondern lieber ein Baguette, etwas Käse und etwas Obst. Der Laden dafür ist weit und breit nicht zu sehen und so laufe ich weiter, immer der Route hinterher, von der ich annehme, dass sie der Bus vorhin gefahren ist.

Langsam verliere ich die Geduld. Hinter jeder Biegung versprechen neue bunte Bilder die Erfüllung meiner kulinarischen Wünsche und jedes Mal zerplatzen die Hoffnungen wie Seifenblasen. Es scheint fast so, als lebte man hier nicht an großen Straßen – ein Habitus, den ich durchaus nachvollziehen kann. Wo in Deutschland die Supermärkte aber meist dort zu finden sind, scheinen sich die Lebensmittelläden in Frankreich in kleinen verwinkelten Straßen zu verstecken. Die findet man kaum, wenn man nicht weiß wo sie sind oder zufällig über ein Hinweisschild stolpert.

Ich habe auch keine Lust, nach ihnen zu suchen, und mich in den Gassen zu verlaufen. Zu alldem ist es kalt und der Wind pfeift. Trotzdem laufe ich weiter. Ich befinde mich wieder in diesem Zustand, der mich ein Bein vor das andere setzen lässt, ohne darüber nachzudenken. Ich sehe plötzlich Schienen. Hier muss bald der Bahnhof sein und tatsächlich: Schräg vor mir zeigt er sich plötzlich, mitten aus dem Dunkel. Ich höre die Ansage auf dem Bahnsteig. Hinter einer Unterführung erkenne ich, wo ich vor ein paar Stunden aus dem Zug gestiegen bin und finde die Innenstadt.

Ohne länger zu suchen steuere ich dann aber doch ein Restaurant einer weltweiten Kette an. Ich schreibe das deshalb, weil mir an diesem Restaurant etwas interessant vorkommt. Gleich am Eingang empfängt mich eine junge Frau in der für die Kette typischen Uniform. Sie fragt mich was ich essen möchte. Ich suche mir ein Menü aus und bestelle es bei ihr. Sie nennt eine Zahl. Aha! Ich warte also, bis ich aufgerufen werde. Also setze ich mich an einen Tisch. Das Restaurant ist fast leer. Nach einer Weile habe ich vom Warten genug. Ich gehe an die Theke. Die junge Frau dahinter fragt mich nach meiner Nummer. Ich sage sie ihr, gebe ihr den Bon, den ich für meine Bestellung bekommen habe und habe kurz danach mein Tablett in der Hand.

29.10.2009 Les Tambours du Bronx I

Wenn man nicht miteinander redet, kann das Leben sehr schwer sein; vor allem wenn man sich in der gleichen Wohnung aufhält. Vergessen wir George! Ich hätte ihn wahrscheinlich gemocht. Aber mal ehrlich: Wenn er nicht den Mund aufkriegt ….

Heute morgen reise ich ab. Eher diesen Mittag. Ich bin früh aufgestanden, habe mich zurecht gemacht, einen Kaffee getrunken und mich im Internetcafé von Narbonne noch einmal vergewissert, dass ich auf meine Frage nach einem Zimmer in Carcassonne noch keine Antwort bekommen habe. Wenigstens habe ich eine Couch in Perpignan gefunden, oder eher bei Perpignan, nämlich in Rivesaltes. Es ist eine Freundin von Kumar, an einem der letzten Tage haben wir telefoniert und Emails ausgetauscht.

Ich treffe letzte Vorkehrungen: Kaufe ein paar Dinge zum Naschen ein, für die Fahrt, wie üblich Käse und Baguette. Wenn ich noch einmal eine solche Reise mache, nehme ich weniger Gepäck mit. Davon habe ich entschieden zu viel und wenn ich auch weder Souvenirs oder ähnliches kaufe, so werden meine Taschen doch von Station zu Station schwerer zu packen und zu tragen.

Weil ich diese Stille in Georges Wohnung nicht länger ertrage, gehe ich so früh als möglich: Früh genug, um nicht unhöflich zu erscheinen und früh genug um nicht lange warten zu müssen. Am Bahnhof mache ich eine neue Entdeckung: Eine Horde von Kindern mit der gleichen Mütze und Schildern, die ihnen um ihre Hälse baumeln. Weil in Frankreich alles nach Paris strebt, wollen auch die Kinder am Wochenende nach Paris um ihre Großeltern zu besuchen, ein anderes Elternteil oder sie leben in Paris und haben das Wochenende hier unten verbracht.

Damit sie nicht alleine reisen müssen, vertrauen ihre Eltern sie liebevoll, dafür eigens geschultem, Personal der SNCF an. Dieses verteilt dann Mützen und klebt Namensschilder auf jedes Kind. Kaum ist der Zug da, geht die Fahrt los. Diese Dienstleistung sehe ich hier zum ersten Mal. Möglicherweise halte ich mich in Deutschland zu selten an Bahnhöfen auf, als dass ich soetwas hätte bemerken können. Vielmehr tendiere ich aber zu der Überzeugung, dass es das einfach nicht gibt. Es ist ein großes Chaos, als die Rasselbande in Richtung Zug zieht. Endlich steht auch mein Gleis fest und ich ziehe mit meinem ganzen Gepäck los.

Als ich in den Zug einsteige, mit Mühe mein Gepäck in dem überfüllten Wagon verstaue und zusehe, dass die Steiff-Franzosen (ja auch diese gibt es hier, meist sind sie Teenager, denen sowieso alles scheißegal ist), auch ja nicht über meine Tasche und über Maggie stolpern, die nunmal, weil nicht anders möglich, mitten im Weg stehen, sehe ich bei einem Blick nach draußen immer mal wieder das Mittelmeer. Es sind kleine Etangs, manchmal fahren wir fast durch einen hindurch. Im warmen Glitzern der Sonne stehen Flamingos: Sie sind nicht rosarot, wie die in der Werbung, eher blassrosa, fast weiß. Es sind die ersten wild lebenden Flamingos, die ich sehe. Während ich fahre und das Meer betrachte, weiß ich noch nicht, dass es das letzte Mal gewesen sein wird, dass ich das Meer auf dieser Reise sehe.

28.10.2010 Mit der Gitarre fischen funktioniert prima II

In St. Pierre sur Mer steige ich aus dem Bus aus. Vor mir liegt der weite, verlassene Strand und das Mittelmeer, der blaue Teppich zwischen Europa und Afrika. Die Sonne brennt. Sie brennt mir ins Gesicht. Sie wird von den Sandkörnern am Strand reflektiert und brennt sich in meine Haut. Man sagt, zu viel Sonne sei für Falten verantwortlich. Jeder will jung sein, jung aussehen, das ewige Mädchen: Jung, naiv, dumm. Ich bin da anderer Meinung. Ich freue mich auf meine Falten, freue mich auf die Spuren, die das Leben in meinem Gesicht hinterlassen wird. Die jungen Gesichter dagegen wirken auf mich oft wie Masken, hinter die man niemals sehen kann.

Es ist wie mit den Wohnungen und Häusern mancher Menschen: Für viele sind die Einrichtungsgegenstände heilig. Sie wollen, dass sie sich nie verändern, dass sie immer so aussehen wie jetzt, dass sie sich nicht abnutzen. Radikale Menschen dieser Haltung beziehen Polster mit Schonbezügen oder Tagesdecken. Sie haben nichts von ihren Möbeln, die sie schützen. Sie leben für ihre Möbel, ihre Einrichtung, ihr Bild von sich selbst. Sie denken, es müsse so sein, so und nicht anders. Diese Wohnungen sind tot. Sie haben nie gelebt, sie erzählen keine Geschichte. Sie sind tot wie auch die Menschen tot sind, die sie bewohnen.

Meine Sachen – ich spreche von «Sachen» und bezeichne so meine Habschaft, die zu diesem Zeitpunkt sehr klein ist, die ich aber benutze – werden von mir gepflegt. Ich versuche, sie zu erhalten. So gut es geht, auch ich bin so. Meine Sachen werden aber nicht geschont. Meine Sachen erzählen eine Geschichte und werden so Stück für Stück wertvoll. Diese Geschichte, diesen Wert soll man ihnen ansehen: Den Büchern in meinem Regal sieht man an, dass sie gelesen sind – von wem auch immer, von mir oder ihren Vorbesitzern. Ein Buch, das ich aus zweiter Hand kaufe, sieht gelesen aus.

Ich möchte, dass man auch mir eines Tages mein Leben ansieht: Die schönen Tage wie die schrecklichen Tage, an denen ich in meiner ganzen Verzweiflung meine Mitmenschen in Aufruhr bringe, vor allem gegen mich. Ich trage auch eine Maske, so ist es nicht. Ich trage eine Maske gegenüber Menschen, die ich nicht kenne, die ich beruflich treffe, auch gegenüber Freunden trage ich eine Maske. Sie ist undurchdringlich. Hin und wieder lasse ich mich durchscheinen. Wenigen Menschen gegenüber zeige ich sie gar nicht erst.

So sieht man auch meinen Sachen eine Geschichte an: Ein Buch erzählt von den anstrengenden Busfahrten, die ich zwischen Universität und Schlafplatz während meiner Abschlusszeit unternommen habe. Ich habe es ausgelesen, aber ich behalte es trotzdem, aus diesem Grund.

28.10.2010 Mit der Gitarre fischen funktioniert prima

Als ich heute früh aufwache, ist niemand in der Wohnung. Wenn er hört, dass ich die Tür zu meinem Zimmer öffne, steckt George meist schon den Kopf aus seinem Zimmer.

«Bonjour. Tu as bien dormi?»

«Oui, merci. Et toi?»

«Oui, je vais bien.»

Heute bleibt es still. Ich kann auch die Katzen nicht ausmachen. Nur Coco liegt in ihrem Sessel im Wohnzimmer. Ich nehme doch einen Schluck Kaffee, packe das Nötigste für den Tag zu Maggie in die Tasche und ziehe los. Maggie auf dem Rücken.

Ich will wieder ans Meer fahren. Heute nehme ich den Bus. Gestern Abend habe ich bereits nachgesehen, wo er abfährt. Es ist mein letzter Tag in Narbonne. Wie schon beim letzten Mal gehe ich zuerst in den Lebensmittelladen und kaufe Proviant ein: Baguette, Käse, Limonade, Milch und ein paar Süßigkeiten.

Das Baguette kaufe ich nie bei dem selben Bäcker. Ich wechsle sie. Denn jeder Bäcker hat ein anderes Rezept, einen anderen Ofen oder eine andere Spezialität. In Frankreich schmeckt kein Brot wie das andere. Ausgenommen sind die Brote in den Supermärkten. Sie kommen aus großen Fabriken, in denen peinlich auf Gleichheit geachtet wird. Ich mag dieses Brot nicht sonderlich. Es ist meistens zu trocken oder zu aufgeplustert. Ein gutes Brot ist ein wenig zäh, mehlig an der Kruste, schmeckt an der Unterseite leicht verbrannt und innen leicht säuerlich. Das Innenleben eines solchen Brotes ist auch nicht ganz weiß, wie es bei den industriell hergestellten Broten der Fall ist. Sie sind ein bisschen gräulich.

Nach dem Lebensmittelladen gehe ich am Kanal entlang, der quer durch Narbonne führt. An der Promenade gibt es einige Restaurants. Ich spaziere die Promenade entlang und erkenne eine Holzfigur, die vor einem der Restaurants steht. Ich erkenne das Kopftuch, die Rasta-Pracht mit den Perlen an den Haarspitzen. Ich erkenne den akkurat gestutzten Schnauz- und Spitzbart. Jacques Sparrow hat einen Papageien auf der Schulter sitzen. Ich widerstehe dem Impuls, ein Foto davon zu machen.

27.10.2009 Voulez-vous coucher …? II

Also George: Als ich in der Bahnhofshalle von Narbonne ankomme, habe ich schon ein wenig Bammel. Ich habe sein Profil auf der Internetseite studiert. Es ist üblich, sich seine potenziellen Gastgeber anzusehen und ihnen dann eine individuelle Anfrage zu schicken. Sein Profil war seltsam: 40 Jahre alt, weiblich, bevorzugtes Geschlecht der Gäste weiblich und auf dem Foto schaute ein Mann in die Kamera.

Ich steige also mit einem mulmigen Gefühl aus dem Zug aus. Ein Fragezeichen schwebt unablässig über meinem Kopf und ich schmiede Fluchtpläne für den Fall der Fälle. Ich erkenne ihn sofort: «Wow!» Ich habe ihn schon beschrieben. An seinem Körper scheint es kein Fett zu geben, er ist braun gebrannt und sieht mit kurzen, grau melierten Haaren noch besser aus als auf dem Foto. Die vierzig Jahre stehen ihm gut zu Gesicht. Er gefällt mir.

Er erzählt mir von seinem Leben: Er ist in Tahiti aufgwachsen, seine Schwester hat eine Tochter von einem Tahitianer und sonst lebt er im Jahr zwischen Narbonne und Neu-Kaledonien. Nur nicht in diesem Winter. Diesen Winter habe er in Rom verbringen wollen, bei einer Ex-Freundin. Er war dort, erst vor ein paar Wochen. Es hat nicht geklappt.

Er erzählt von seinen Katzen: Fidèle, Minette und Coco-Chapine. Fidèle hat Diabetes. Ständig muss er ihr Medikamente spritzen. Außerdem meidet sie das Katzenklo, was durch den Fußbodenbelag nicht sonderlich schlimm wäre. Nur ist Fidèle aber auch sehr intelligent und öffnet selbst Türknaufe mit einer Leichtigkeit. Minette öffnet nur Türklinken und Wasserhähne. Sie lässt sich nur auch immer laufen. Deshalb sind alle Türen geschlossen zu halten. Ich schließe mein Zimmer ab wenn ich gehe.

Diese Unterhaltung am ersten Abend ist das meiste, das ich mit ihm rede. An den folgenden Tagen haben wir nicht viel miteinander zu tun. Wenn ich die Tür geschlossen habe, klopft er nicht. Ich berichte ihm von meinen Ausflügen und von dem, was ich neues gelernt, erlebt und erfahren habe. Wir essen nicht miteinander, wir sehen nicht gemeinsam fern.

Eine Situation, die ich seltsam finde. Er tut nichts. Hin und wieder geht er ins Sportstudio um sich fit zu halten. Vielleicht arbeitet er auch dort, ich weiß es nicht, finde es auch nicht heraus. Ansonsten sitzt er den ganzen Tag in seiner Wohnung. Er sitzt zuhause und kümmert sich um seine Katzen. Er macht das großartig: er spricht mit ihnen als wären sie Menschen, er streichelt sie und einmal am Tag greift er zum Staubsauger und entfernt die Fellbüschel vom Boden. Davon verlieren die drei viele.

27.10.2009 Voulez-vous coucher …? I

«Couchsurfing» heißt der Sport, den ich hier betreibe, wenn man es als Sport bezeichnen möchte. Eigentlich ist es sogar ein Sport, nur gibt es keinen Wettkampf: Um einen Schlafplatz zu bekommen, suche ich zuerst auf der Internetplattform nach den Menschen, die in der Stadt wohnen und andere Couchsurfer aufnehmen wollen. Ich sehe mir ihre Profile an und die Erfahrungen, die sie bisher in dieser Disziplin gesammelt haben. Ich lese ihre Empfehlungen, ihre Profile und wann sie sich von wo das letzte Mal angemeldet haben. Dann schreibe ich ihnen eine möglichst persönliche Nachricht mit der Bitte, bei ihnen übernachten zu dürfen.

Die Zimmertür bei George ist offen. Das Telefon klingelt. Ich kann ihn hören. Er redet von mir. Ich weiß das daher, weil er «Couch surfer» sagt und zwar in der typischen französischen Aussprache, in der «couch» mehr wie «legen» klingt. Wie er dies ausspricht mixe ich in Gedanken einen Wortcocktail: «Coucher» mit «avec» ergibt ergibt eine leicht pikante Note. Es ist zum Lachen. Auf französisch klingt «Couchsurfing» wie ein Internet-basierter Call-Girl-Dienst.

Natürlich gibt es viele Rezepte für «coucher». «Se coucher» heißt zum Beispiel «sich schlafen legen», oder als Nomen gebraucht «die Schicht». «Coucher avec quelqu’un» heißt mit jemandem schlafen. (Nebenbei sei ein weiterer interessanter Fund in meinem Wörterbuch angemrerkt: «Geschlechtsverkehr» heißt «rapport sexuel». Nun dann, mal antreten zum Rapport!)

Ich weiß nicht warum. Ich muss an George denken. Genau an dieser Stelle muss ich an meinen Gastgeber denken: Für seine 40 Jahre sieht er fantastisch aus und hat als «éducateur sportif» einen wirklich schönen Körper. (Gerade fällt mir ein, wie ich vom französischen Couchsurfing zu George komme: Er telefoniert mit seiner Schwester und erklärt ihr, er habe «une jeune Allemande» in seiner Wohnung zu Gast. Sie muss ihn missverstanden haben, denn er bricht in dieses hektische «Non, non, non, non, non!» aus, das ich an französischen Filmen so liebe, vor allem, wenn sie auf Deutsch synchronisiert sind, vor allem mit Julie Delpy. Die Synchronsprecherin hat immer wieder Mühe das maschinengewehrartige «Nein» zu produzieren.)

26.10.2009 Dingle ist ein Ort im Süden Irlands VII

Maureen kommt dazu und bringt Käse, Wurst und Brot. Sie habe angefangen Tin Pipe zu spielen als es ihr Enkel in der Schule lernen musste aber nicht wollte. (Ich erinnere mich an meine Schulzeit und den Blockflötenunterricht.) Sie habe ihn damit anspornen wollen, indem sie ihm sagte, sie wolle es selbst lernen. An Weihnachten lag eine Blechflöte unter dem Weihnachtsbaum, dazu habe sie fünf Unterrichtsstunden bekommen. Über zwei Jahre ist das her und sie spielt immer noch.

Maureen und Noel erzählen von Irland. Sie erzählen von den irischen Pubs, in denen es immer Live-Musik gibt. Man geht in einen Pub um ein Bier zu trinken oder um Musik zu machen. Jeder kann mitspielen.

Wir sitzen auf ihrer Terrasse in der Sonne. Nach dem langen Marsch bin ich mir sicher, dass ich am Ende dieses Tages ein verbranntes Gesicht haben werde. Ich mache mir nichts daraus. Dann sei es eben so.

In Irland lebt ein Delfin. Dingle heißt der Ort, der dank dieses Delfins eine Touristenattraktion geworden ist. Noel erzählt die Geschichte: Der Delfin heißt «Fungi» und ist wohl der berühmteste Einwohner der Stadt. Wie auch die Stadt, weiß niemand, woher er kam, und warum. Eines Tages im Jahr 1984 war er dann da und lebt seitdem vor der Küste. Fischer unternehmen regelmäßig Ausflüge zu Fungi und am Hafen ist sogar ein Denkmal errichtet worden. Ich lache. Die Geschichte ist tatsächlich drollig. Sollte ich nach Frankreich vielleicht einfach nach Irland gehen?

Ich verspreche, ihnen zu schreiben, wie es mir weiter ergangen ist auf meiner Reise. Ich verspreche, mich zu melden, wenn ich jemals nach Dublin komme – ein Versprechen, dass ich vorhabe einzuhalten (ob ist ja keine Frage, und ich zweifle daran, dass es noch lange dauern wird, bis ich nach Irland fahre und mir Dublin ansehe). Wir können uns treffen und einen Tee trinken. Ich freue mich schon jetzt darauf. Wir trinken noch Tee und machen Fotos von uns. Dann verabschiede ich mich von Noel. Maureen führt mich noch an den Strand und zeigt mir die Bushaltestelle, von der ich zwei Stunden den letzten Bus nehmen werde, zurück nach Narbonne.

«Should you miss it, please don’t mind to come back to our house and you can stay for the night.»

Vor dem Strand verabschiede ich mich auch von Maureen. Sie geht, die Sonne im Rücken, zurück in ihr Ferienhaus. Ich gehe an den Strand.

Draußen fährt ein Boot mit einem großen weißen Segel. Die Menschen spielen, gehen spazieren und amüsieren sich. Mitten auf dem Sand steht ein Fahnenmast, der auf einem Betonsockel aufgepflanzt ist. Das ist nun mein Platz.

Ich lege die Tasche mit Maggie in den Sand, hole Maggie heraus und stimme sie. Maggie auf dem Schoß blicke ich aufs Meer: Irgendwo da hinten ist Afrika, denke ich mir, dem weißen Segel hinterhersehend und greife in die Saiten. Ich spiele Afrika ein Hallelujah von Jeff Buckley und die Schwingungen des Nylons pflanzen sich in meinen Bauch fort.

Mir fällt auf, dass ich kaum an meinen Freund denke, dass ich seit meiner Abreise kaum mehr an ihn gedacht habe, es aber trotzdem schön finde, wenn er anruft. Ich denke an einen anderen, spiele gen Afrika und wünsche mir im rosanen Abendhimmel, er sei hier. Wäre er ein Zimmermann und ich eine Dame, ich würde ihn heiraten. Ich würde meine bunten Blusen und die Schuhpolitur vermissen, wenn er ein Müller wäre. Es tut mir weh, an ihn zu denken, aber ich tue es trotzdem um zu sehen, ob ich überhaupt noch etwas fühle. Wahrscheinlich war das auch der Grund für meine Reise. Ich denke an diesen Mann, der nicht mein Freund ist. Ich bin verliebt. Ich spiele Hallelujah bis die Sonne untergeht.