26.10.2009 Dingle ist ein Ort im Süden Irlands VI

Maureen und Noel haben ein Ferienhaus in Narbonne Plage. Fünf Wochen haben sie jetzt hier verbracht. Seit sie in Rente sind, verbringen sie im Jahr mehrere Monate hier. Übermorgen geht es zurück nach Dublin. Während Maureen in der kleinen Küche etwas zu essen vorbereitet sitze ich mit Noel auf der Terrasse und höre ihm zu. Er erzählt von Irland. Ich war noch nie da, will aber unbedingt bald auf die grüne Insel. Noel pflichtet mir bei, dass ich das unbedingt bald machen sollte.

Ich erzähle ihm, dass ich aus Mannheim komme. Er kennt Mannheim von seiner Arbeit her. Er war dort früher häufiger auf Geschäftsreise. Mir fällt natürlich ein, mit welcher Mannheimer Firma er da zu tun gehabt haben könnte. So viele Ölfirmen gibt es in Mannheim ja nicht. Auch Heidelberg ist ihm ein Begriff. (Ehrlich gesagt wundert es mich, dass er etwas mit Mannheim anfangen kann, denn meistens erkläre ich Mannheim immer als Nachbarstadt zu Mannheim.) Sie beide waren erst vor Kurzem dort gewesen, von hier aus.

Wir unterhalten uns über die Gitarre. Noel hat auch angefangen zu spielen, aber er sei ein schlechter Schüler versichert er mir. Sein Enkel spiele sehr viel besser als er. Ich erzähle ihm, wie ich erst vor Kurzem zu Maggie gekommen war, denn ich spiele erst seit ein paar Monaten.

Es war während meiner Abschlussprüfungen. Meine beste Freundin war für einige Zeit unterwegs und hatte mich gebeten, mich um ihre Hamster zu kümmern. Ich wohnte während der Zeit in ihrem Zimmer in einer WG in Mannheim. Ich saß meistens in der Küche um zu lesen und zu lernen.

Ich bewunderte insgeheim ihren Mitbewohner. Er spielte Gitarre. Ein Prachtexemplar von Western Halbakustik. Eine Höfner. Wenn er abends in seinem Zimmer spielte, hörte ich ihm von meinem Zimmer aus zu. Er spielte auch einfach so, aus Spaß. Ich sang dann meistens dazu.

Eines Tages dann hing sie plötzlich vor meiner Nase. Ich glaube, ich hatte sie damals schon «Pauley» benannt. Ich hatte irgendetwas in der Küche gewerkelt. Ich erinnere mich nicht mehr daran. Nur, dass plötzlich René im Zimmer stand und spielte, nach einer bestimmten Zeit auf die Uhr sah, feststellte, es sei Zeit für ihn zu gehen.

«Hier.»

Ich war schon versucht, die kleine wieder in ihren Koffer zu legen, als mir die Absurdität dieser Idee auffiel.

«Was soll ich damit?»

«Spielen!»

Ich muss ihn angesehen haben wie ein Auto, zumindest gab ich mir Mühe, ihn so anzusehen.

«Ich kann nicht spielen.»

Eine halbe Stunde später hatte ich von der anderen Mitbewohnerin ein Songbook bekommen und mühte mich damit ab, «Sailing» von Rod Steward zu spielen, besser gesagt, mit dem F-Dur Akkord. Eine Viertel Stunde später hatte ich es auf Renés Anraten aufgegeben und übte mich nun an “Knocking on Heaven’s Door” von Bob Dylan, und wer dieses Lied alles gecovert hat.

Der Rest ist Geschichte: Abend für Abend saß ich nach dem Lernen in der Küche und übte. Ich lernte Akkorde. Griff sie selbst noch im Halbschlaf, was zur Folge hatte, dass sie besser wurden. Ich suchte mir andere Lieder zum Spielen. Lernte, dass man unterschiedliche Saiten schlagen kann und ich lernte, was Bryan Adams meinte als er in «Summer of Sixty-Nine» sang «played until my fingers bled.» Einige Wochen später sah ich Maggie in einer Anzeige und gab schließlich ein zehntel meiner Reiseersparnisse für sie aus. Voilà! Seitdem mag ich sie nicht mehr aus der Hand legen.

26.10.2009 Dingle ist ein Ort im Süden Irlands V

Ich finde einen Weg aus der Senke des Weinberges zurück auf die Straße. Er will und will nicht enden, aber ich gehe weiter. Die Sonne im Nacken und Maggie auf dem Rücken. Die Autos fahren an mir vorbei.

Ich denke gerade an Jack Kerouac und «On the Road» als ich das herannahende Motorengeräusch hinter mir bemerke. Es rast nicht mit einem Doppler-Effekt an mir vorbei, wie die anderen. Nein. Es tuckert plötzlich fröhlich neben mir her. Das Seitenfenster öffnet sich. Ein älterer Mann um die sechzig kommt zum Vorschein, zumindest sein Kopf. Hinter ihm lehnt sich eine ebenfalls ältere Frau aus dem Fenster:

«Can we take you somewhere? »

Ich sehe mir das Auto an. Ich sehe mir das Paar an. Sie sehen nicht aus wie Entführer, sondern mehr wie Urlauber. (Ehrlich gesagt, weiß ich nicht wie Entführer aussehen. Ich glaube einfach nicht daran, dass sie irgendeine Aufschrift oder ein Namensschild haben. Genausowenig glaube ich, dass auf ihren Visitenkarten «Martin Mustermann – Entführungen aller Art, Abwicklung von Erpresserschreiben und Lösegeld-Verkehr» steht.) Trotzdem. Die beiden sehen vertrauensvoll aus.

«Yes, I’m going to Narbonne Plage.» antworte ich, mache die Tür auf, und verfrachte Maggie und mich auf den Rücksitz.

Die Tür geht zu und der Wagen setzt sich wieder in Bewegung. Ich bin froh über diese Begegnung, aber die letzten paar Meter hätte ich auch ohne Mitfahrgelegenheit überstanden, denke ich.

Die Frau auf der linken Seite schaut immer noch zu mir nach hinten. Das kommt mir seltsam vor. Sie sollte mal auf die Straße sehen, denke ich mir, während ich noch nach einer weiteren Erklärung für diese Blindfahrt suche. Der Mann auf der rechten Seite hat noch gar nicht viel gesagt. Er fährt.

«Are you French?» fragt mich die Frau, die ich jetzt als Britin identifiziere.

«No, I’m German.»

«We’ve just been shopping in Narbonne. We’ve already seen you and your guitar on our way to the mall.» erzählt sie.

Es sind keine Briten, es sind Iren. Maureen und Noel aus Dublin. Wir unterhalten uns die ganze Fahrt über.

«You’ve been lucky that we stopped. It’s still a long way to Narbonne Plage.»

Es ist wirklich eine ganze Strecke. Wir sind bestimmt zwanzig Minuten unterwegs bis nach Narbonne. Draußen zieht der Berg, oder das Gebirge an mir vorbei. Plötzlich ergreift ein gleißendes Licht Besitz von meinen Augen: Das Mittelmeer. Aber wir sind noch nicht da. Die Serpentinen schlängeln sich die Montagne de la Clape herunter. Ich vermute nach jeder Biegung Narbonne Plage.

Ich erkläre Maureen und Noel, dass ich gerade meinen Uni-Abschluss gemacht habe und mich jetzt mit dieser Reise belohne. Ich sage, ich habe soetwas schon immer machen wollen, mich bisher aber entweder nicht getraut, oder mir waren andere Dinge dazwischen gekommen.

«You should have gone on the other side of the street for hitch-hiking.» empfiehlt Noel vor mir.

Nun ja, trampen war ja eigentlich nicht meine Absicht. Die beiden sind mir sympathisch, und anscheinend auch ich ihnen. Als wir nach Narbonne Plage kommen und ich schon aussteigen und zum Meer gehen will, fragt mich Maureen, ob ich nicht zum Essen bleiben wolle. Es gebe nicht viel, etwas Brot und Käse. Keine Frage, ich nehme die Einladung gerne an.

26.10.2009 Dingle ist ein Ort im Süden Irlands IV

Ich beobachte die Autos, die an mir vorbei fahren. Die einen schneller, die anderen langsam. Aber keines hält an, niemand fragt nach. Offenbar sind große Frauen mit einer Gitarre auf dem Rücken etwas alltägliches hier. Es scheint, als käme das jeden Tag vor. Ich sitze hier vielleicht eine halbe Stunde, vielleicht fünfundvierzig Minuten oder auch nur zwanzig. Als mir kalt wird, gehe ich weiter.

Langsam wird es mir doch mulmig, auf diesem schmalen Streifen zu gehen, der mehr ein Grat ist als ein Streifen. Ich schätze zehn Zentimeter breit. Weil es Landstraße ist, rasen die Autos an mir vorbei. Rechts wachsen Disteln, links ist Asphalt.

Ein paar hundert Meter vor mir beginnt ein Waldstück. Ich sehe einen Mann heraus laufen, einen Jogger. Er scheint von dem Berg zu kommen.

Der Pfad führt tatsächlich den Berg hoch. Heute Abend werde ich feststellen, dass er «La Clape» heißt und ein ganzes, wenn auch nicht hohes, Kalksteingebirge ist. Ich habe die Hoffnung, dass ich so ein wenig abseits der Straße laufen kann.

Der Weg ist steil und steinig, um mich herum ist Wald und Gestrüpp. Das rote Schild fällt mir wieder ein und ein Hinweis in meinem Reiseführer: Man solle sich auffallend kleiden und für alle Fälle ein Lied pfeifen oder singen. Ich glaube zwar nicht, dass schon jemand ein Ein-Meter-neunzig großes rotes Wildschwein mit Pferdeschwanz und Gitarre auf dem Rücken gesehen hat, aber um auf Nummer sicher zu gehen, singe ich das einzige französische Lied, das mir gerade in den Sinn kommt, und das ich abgesehen von «Le Coque est mort» kenne: «Allons enfants de la patrihi-ä, le jour de gloire est arrivé.» Ein singendes Wildschwein mit Gitarre kommt wohl auch selten vor.

Ich wandere den Berg hinauf, schieße einige Bilder. Oben fällt mir eine eingestürzte Mauer auf. Sie ist kreideweiß. Vielleicht hat sie einmal zu einem Winzerhaus hier oben gehört. Irgendwo unter mir höre ich die Straße. Ich hoffe, es ist immer noch die selbe und sie führt nach Narbonne Plage.

Als ich über einen anderen Pfad wieder am Fuß des Berges bin, stelle ich fest, dass ich doch um einiges abgekommen bin. Ich kann die Straße zwar noch hören, aber sehen kann ich sie nicht mehr. Vor mir breitet sich ein rotes Meer aus, durchsetzt von gelben und orangefarbenen Punkten. Über ihm kreisen ein paar große Vögel – Raubvögel, so viel kann ich erkennen, aber weiter reicht meine Ornithologie nicht.

Im Weinfeld werde ich plötzlich wieder an das rotes Schild von vorhin erinnert. Im Matsch sind frische Wildschwein spuren. Da muss sich eines gesult haben. Ist vielleicht doch ein Jäger unterwegs auf der Jagd nach Wildschwein? Und plötzlich denke ich an Asterix und Obelix. Fragt mich nicht, warum.

26.10.2009 Dingle ist ein Ort im Süden Irlands I

Als ich aufwache steht die Sonne schon hoch am Himmel. Es ist später Vormittag. Ich muss sehr müde gewesen sein denn ich habe lange geschlafen – komatös. Ich stehe nicht sofort auf. Ich bleibe noch liegen. Ich kenne das noch aus Montpellier. Der Raum, die Wohnung fließt in mich ein. Wenn ich endlich das Zimmer verlassen kann, kann ich auch die Wohnung verlassen und schon bin ich mitten in der Stadt. Sie prallt auf mich ein, als würde ich in ein Meer eintauchen.

Vor der Tür stehe ich in der Sonne. Ich habe bei George noch einen Kaffee getrunken und ein Milchbrötchen gefrühstückt. Französisch eben. Auf meinem Rücken hängt Maggie in ihrem roten Mantel. Ich habe ihn mit Dingen bestückt, die ich heute brauchen werde: Portemonnaie, Telefon, Etwas zu Lesen.

Ich gehe wieder in Richtung der Innenstadt. Dort habe ich gestern einen Supermarkt gesehen. Den suche ich jetzt. Ich brauche Proviant.

Die Straßen kommen mir bekannt vor. Narbonne ist eine sehr alte Stadt, was sie mit jedem Haus, den Kirchen und den Straßen zeigt. Der Supermarkt liegt an dem Platz, an dem ein Stück der Via Appia, der alten römischen Handelsstraße, offen liegt. Ich kaufe Brot, Ziegenkäse, Milch und eine Dose Limonade. Heute gehe ich ans Meer und spiele Gitarre.

Von George weiß ich, dass es einen Bus an den Strand gibt. Er muss am Bahnhof abfahren. Ich gehe vom Ausgang des Gebäudes nach links. Dahinter liegt der Kanal. Etwas weiter biege ich wieder nach links. Am Ende der Straße vermute ich den Bahnhof.

Auf dem Schild steht «Narbonne Plage». Hier gehts zum Strand. Ich denke nicht daran, nachzusehen, wie weit er entfernt ist. Es kann nicht so weit sein. Ich werde zwar etwas länger brauchen, aber ich werde ankommen. Mir ist nach laufen.

Es sei nichts interessant am Meer, hatte George heute früh zu mir gesagt. Ich wolle mich etwas ausruhen, habe ich gesagt. Ich wolle etwas lesen, etwas schreiben und Gitarre spielen. Ich sei wirklich müde von den letzten Tagen. Wie man ans Meer kommt, wisse er nicht. Er sei erst ein paar Mal da gewesen und dann sei er immer mit dem Auto hin gefahren. Er erklärte mir den Weg zum Busbahnhof. Ich sah das Schild und zog den Fußweg vor. Ich wusste nur, dass es voran geht.

25.10.2009 Drei Katzen und ein Hallelujah V

Wie schon in Montpellier bin ich etwas eingeschüchtert. Ich bin noch keine schnellen Ortswechsel gewöhnt. Ich nehme langsam Kontakt zu meiner neuen Umwelt auf, atme die Atmosphäre der Stadt ein, nehme sie in mir auf und bewege mich in einer Welt zwischen Besucher und Eingeborenem. Ich bin wie ein Beobachter, der sich alles ganz genau merkt, dem Details auffallen, der aber gleichzeitig immer bei sich bleibt. Die Eindrücke erreichen mich mit einer überwältigenden Intensität.

Ich kann mich zuerst nur in meinem Zimmer aufhalten. Von draußen dringen die Geräusche des Fernsehers herein. Ich höre George umhergehen. Ich bewege mich aber nicht vom Bett weg. Ich nehme die Eindrücke in mich auf und bin von ihnen gelähmt.

Ich kann nicht einmal zum Fernseher gehen. George lässt ihn für die Katzen laufen. Sie sollen menschliche Gesellschaft haben. Ich bin dermaßen überwältigt, dass ich mich zunächst auch nicht einen Zentimeter bewegen kann. Ja, ich traue mich kaum, zu atmen.

Plötzlich öffnet sich ein Fenster in diesem Gefühl. Ich stehe auf und mache das Licht an: Erst die eine Lampe auf dem Nachttisch. Dann die andere auf der Kommode neben dem Fenster. Die Tür steht etwas offen. Aus der Küche höre ich ihn kochen.

Ich weiß, dass es unhöflich ist, ihm nicht meine Hilfe anzubieten. Im Rausch dieses Gefühls tue ich es dennoch nicht. Stattdessen stelle ich mir einmal mehr die Frage, was ich hier eigentlich tue und ob ich nicht zurück nach Hause fahren sollte; dorthin, wo ich die Menschen komplett verstehe, und wo ich mich auskenne, Freunde habe. Ich beantworte die Frage nicht. Ich schiebe sie beiseite. Morgen wird die Welt gleich ganz anders aussehen, wie es auch in Montpellier der Fall war. Morgen werde ich angekommen sein.

George ruft mich. Er fragt, ob ich etwas essen möchte. Ich möchte und ergreife die Türklinke. In der Küche stehen schon die Teller, die Katzen sitzen um uns herum. Es gibt Putencurry mit Reis und Champignons.

Wir unterhalten uns. Ich erzähle ihm von mir, meiner Familie und meinem Kater. Er erzählt von seinen Katzen. George ist auf Tahiti geboren und lebt momentan abwechselnd hier und auf der Insel. In diesem Winter aber bleibt er da.

Ich erinnere mich an eine Szene, die sich heute Nachmittag auf der Straße abgespielt hat, als er mich durch die Stadt geführt hat. Ein Bettler hatte uns angesprochen. Er hatte auf der Straße an einer Hauswand gesessen und um ein «Pièce» gebeten. In Deutschland wären die meisten Passanten ohne Reaktion an ihm vorbei gelaufen. Vielleicht hätte er noch etwas gemurmelt. Auch ich verspüre den Reflex, die Frage zu ignorieren.

George antwortet. Er antwortet nicht nur. Er spricht richtig mit ihm: Es tue ihm Leid, er habe aber nichts bei sich. Eine Zigarette, vielleicht? Fragt der Bettler. Aber auch Zigaretten hat George keine.

Wir gehen weiter. Der Bettler ist von diesem Ergebnis des Gesprächs nicht sonderlich erbaut. Er ruft uns etwas hinterher. Ich verstehe es nicht, aber George antwortet ihm. Es klingt nicht nett, was er ruft. Das merke ich. Daran erinnere ich mich noch, als wir miteinander sprechen.

Nach dem Essen geht er Telefonieren. Ich setze mich in sein Wohnzimmer zu den Katzen. Es läuft «Les Pirades de Caraibes». Ich verstehe nicht viel, denn das Französisch im Fernsehen ist zu schnell, zu leise und man kann es nicht zurück spulen und noch einmal anhören. Es ist aber trotzdem immer wieder lustig, wenn Piraten miteinander Französisch sprechen. Irgendwie klingt das immer sehr putzig und melodiös; aber gar nicht nach Piraten.

25.10.2009 Drei Katzen und ein Hallelujah IV

Minette stellt sich mitten ins Zimmer und beschnuppert erst einmal die Einrichtung, mein Gepäck, die Gitarre, mich. Alles ist neu.

«Sie darf hier rein.» sagt George.

«Sie verliert keine Haare, wenn man sie streichelt.»

Man sieht ihr deutlich an, dass sie sich hier wohl fühlt, denn nachdem auch ich ausgiebig beschnuppert und zum streicheln angestiftet worden bin, lässt sie sich auf das Bett fallen und fängt an, sich zu putzen.

Ein paar Minuten später ist schon die zweite Katze im Zimmer. Coco Chabite miaut mich an, besieht sich alles und verschwindet dann unter dem Bett. Der Kater ist nicht ganz so zutraulich wie der andere. Er lässt sich von mir nicht streicheln. Ich reiche ihm meine Hand entgegen, Coco zuckt zusammen und verschwindet. Kurz darauf geht er lautlos aus dem Zimmer um zehn Minuten später wieder zu kommen. Als er es sich im Wäschekorb gemütlich machen will, verjage ich ihn. Obwohl ich auch einen Kater zuhause habe, kann ich verstehen, wenn man keine Katzenhaare in seinen Klamotten haben will. Vielleicht auch gerade weil ich eine Katze habe.

Es strengt mich an, französisch zu sprechen. Außerdem ist es mir peinlich Fehler zu machen und ich bin mir unsicher ob alles, was ich sage richtig ist. Also halte ich mich erst noch zurück. Da ich in den letzten Tagen allerdings fast nur englisch gesprochen habe, halte ich es nur für eine Frage der Gewöhnung. In ein paar Tagen werde ich ganz selbstverständlich französisch sprechen, wie jeder andere hier auch.

George führt mich durch die Stadt. Er habe nicht gedacht, dass überhaupt jemand nach Narbonne kommt. Für ihn sei ich der erste Couchsurfing-Gast. Ich erkläre ihm, dass es auch für mich das erste Mal sei, dass ich auf diese Weise reise. Ich erzähle ihm von zuhause, meiner Familie, meinen Freunden.

Narbonne ist wirklich überschaubar. Inmitten der Stadt steht eine gothische Kirche. Ich möchte hineingehen. Er könne eine Kirche nicht in Shorts betreten, sagt er. Ich finde das sehr respektvoll und gehe hinein. Sie ist überwältigend. Ich habe zwar schon schönere Kirchenfenster gesehen, aber noch keine so prachtvolle Einrichtung.

25.10.2009 Drei Katzen und ein Hallelujah III

Ich bin noch vom Schlaf benommen, fühle mich aber mittlerweile besser. Von irgendwo in dem Zimmer kommt ein Geräusch her. Ich drehe mich um. Meine Tür wackelt. Ich bleibe eingefroren auf dem Bett sitzen und warte. Es bleibt still. Jetzt! Wieder dieses Geräusch. Die Tür wackelt. Ich glaube nicht an Geister. Also warte ich, was passiert.

Plötzlich öffnet sich die Tür mit einem lauten Klicken. Im Türspalt ist zuerst nur eine kleine braune Schnauze zu sehen, dann zwängt sich ein Katzenkopf hindurch und schließlich steht Minette mitten im Zimmer. Als Katze ist sie natürlich sehr neugierig und lässt sich von meiner Verblüffung über eine türöffnende Katze nicht aus der Ruhe bringen. Ich sehe sie fassungslos an, sie mich. Sie miaut mich an. Ich lache sie an und streichle ihr über den Kopf.

Miauen französische Katzen eigentlich anders als deutsche Katzen und als britische oder spanische? Ich habe tatsächlich diesen Eindruck, als sei ihr Miauen höher und feiner als das von Max (meinem Kater) zum Beispiel.

George kommt aus seinem Zimmer in den Flur. Er hat den Krach von Minettes Türöffnungsaktion mitbekommen.

«Hat sie die Tür aufgemacht?» fragt er mich.

«Ja, das hat sie.» lache ich ihn an.

Wenn ich mir Minette so ansehe, stelle ich fest, dass sie eine interessante Mischung zu sein scheint. Sie ist eigentlich weiß und hat hier und da braune Streifen wie eine Tabby. Ich Gesicht ist das eines Banditen: Eine braun gestreifte Augenklappe über dem rechten Auge, ein brauner Fleck auf der Nase. Ich zeichne sie in mein Tagebuch.

25.10.2009 Drei Katzen und ein Hallelujah II

Bei George wohne ich im Zimmer seiner Schwester, die sich gerade in den Vereinigten Staaten aufhält. Da sie mit einem Amerikaner verheiratet ist, pendelt sie zwischen Frankreich und den USA. Eine Familie von Reisenden denke ich mir.

George hat drei Katzen, von denen nur eine in mein Zimmer darf, weil sie nicht so haart wie die anderen beiden. Eine hat Diabetes und pinkelt häufiger in die Wohnung. Die dritte ist so schlau, dass selbst runde Türknäufe und Wasserhähne kein Problem für sie darstellen. Aus diesem Grund gilt es, einige Vorsichtsmaßnahmen zu beachten: Die Tür zum Badezimmer, das typisch französisch von der Toilette getrennt ist, bleibt immer abgeschlossen, vor der Tür zur Toilette blockiert ein Besenstiel die Türklinke und wenn ich abends schlafen gehe, schließe ich meine Zimmertür ab, damit keine der Katzen des Nachts herein kann.

Die Wohnung ist so wie ich mir französische Wohnungen vorstelle: Altbau, Stuckdecken, Pappwände mit Papiertapeten. Die Zimmer haben fast schon quadratische Grundrisse wie in einem Barockschloss. Fabiens Zimmer und sein Wohnzimmer liegen zur Straße hin. Die Fenster in diesen Zimmern erstrecken sich vom Boden bis an die Decken. Dahinter führen sie hinaus auf eine lang gezogene Außengalerie. Hier könnte man wunderbare Liebesromane schreiben, denke ich und beziehe mein Zimmer.

Wie die anderen Zimmer auch hat es einen fast quadratischen Grundriss und mitten drin steht ein großes Bett. Nach der Matraze bei Kumar kommt die genau richtig. Ich lasse mich darauf fallen und schlafe sofort ein. Ich hätte nie gedacht, dass eine einfache Zugfahrt – wobei man in Frankreich nicht unbedingt von «einfach» sprechen kann – so anstrengend sein kann. Als ich aufwache, ist es im Zimmer stockdunkel. Ich schalte die Nachttischlampe ein und sehe auf die Uhr: Es ist gerade mal sieben Uhr.

25.10.2009 Drei Katzen und ein Hallelujah I

Der Abschied von Kumar fällt mir nicht sehr schwer. Ich bin froh, nach dieser besagten Nacht, von hier weg zu kommen; wenn es sich auch nicht wiederholt hat. Nachdem meine Sachen gepackt sind, unterhalten wir uns noch über das Leben, über Politik. Ich erfahre, dass er sehr an Kricket interessiert ist; wie wohl alle Inder. Es handelt sich dabei um jene Sportart, die die Briten während ihrer Kolonialzeit auf den Halbkontinent gebracht hatten. Das sage ich ihm aber nicht. Er ist alt genug, das selbst zu wissen.

Dann ist es Zeit. Ich nehme meine Taschen. Sie sind schwer – schwerer als noch bei meiner Ankunft. Kumar trägt meine Gitarre zur Bushaltestelle. Wir werden zu spät ankommen, noch vor der Haltestelleüberholt uns fast der Bus. Er hält, ich steige ein, oder besser gesagt, springe auf. Kumar reicht mir die Gitarre. Die Tür schließt, der Bus fährt los. Ich bin weg.

Meine zweite Station ist Narbonne. Schon vor Tagen habe ich bei der Couchsurfing-Homepage meinen zweiten Gastgeber gesucht. Es hat niemand geantwortet – bis auf George. Ich habe ihm gesagt, wann ich ankomme. Er wird mich abholen. Er wohnt in der Nähe des Bahnhofes. Ich werde ein eigenes Zimmer bei ihm haben.

Obwohl er anders aussieht als auf dem Foto im Internet, erkenne ich ihn sofort. Trotz meiner Erfahrungen mit Kumar bin ich immer noch aufgeregt, was mich erwarten wird. Auf dem Weg vom Bahnsteig zur Bahnhofshalle halte ich Ausschau nach ihm.

George ist braun gebrannt, hat kein Gramm Fett auf den Rippen und sieht mit seinen leicht ergrauten Haaren ziemlich gut aus. Er erzählt mir, er sei Sportlehrer und arbeite als Rettungsschwimmer im Saisongeschäft. Seine Wohnung liegt keine fünf Minuten vom Bahnhof entfernt. Später werde ich feststellen, dass in Narbonne alles in der Nähe des Bahnhofs liegt. Das Städtchen hat nur 50.000 Einwohner, was es für George umso wunderlicher macht, dass jemand nach Narbonne kommt.

Nachdem ich mein Gepäck in mein Zimmer gebracht habe, machen wir eine Tour durch die Stadt. Er erzählt mir alles, was es über Narbonne wissenswertes zu erfahren gibt: Hier gibt es ein Katharer-Kloster, einen Teil einer römischen Handelsstraße dessen Teil Narbonne einst gewesen war und Charles Trenet hat hier gelebt. Als ich die Cathédrale St. Pierre besuchen will, wartet er draußen auf mich. Mit seinen kurzen Hosen will er die Kirche nicht betreten.

23.10.2009 Könnten nicht alle Männer Franzosen sein? I

Wenn ich als Deutsche durch Frankreich reise, genieße ich eine Spezialität sehr: Die Franzosen selbst; vor allem die französischen Männer. Sie sind sehr offen und freundlich. Irgendwie anders, als man sie sich zu hause vorstellt.

Den Tag verbringe ich damit, Montpellier weiter per pedes zu erkunden. Ich gehe zum Bahnhof und kaufe mir eine Fahrkarte nach Narbonne. Georges wird mich morgen dort vom Bahnhof abholen. Auf dem Place de Comédie setze ich mich in eines der vielen Straßencafés. Fehti – seinen Namen erfahre ich erst später – sitzt mitten auf dem Platz und spielt Gitarre. Er spielt ausgezeichnet. Er ist der Grund, weswegen ich mich hierher setze, um Postkarten an Freunde und die Familie zu schreiben. Als Fehti fertig gespielt hat, gehe ich weiter: Ich laufe durch «Antigone», einem durch und durch designten Stadtteil mit, laut Reiseführer, Sozialwohnungen, in denen ich auch gerne wohnen würde, so wie sie aussehen.

Ich besuche das «Musée Fabre», das die größte Kunstsammlung Frankreichs außerhalb von Paris beherbergt. Ich schaffe es nicht, mir alles anzusehen. Drei Stunden reichen nicht aus, um diesen Kunstreichtum zu verstehen und anders kann ich mir ein Kunstmuseum nicht ansehen. Ich muss das Besondere dieser Bilder erkennen können. Das braucht Zeit.

Als ich das Museum verlasse sehe ich, dass Kumar mir eine Nachricht geschickt hat. Ich soll sofort nach hause kommen. Sein Ton ist harsch, denke ich und frage, was los sei. Er antwortet, er habe Hunger. Ich mache mich auf den Rückweg.

Wir beginnen den Abend bei einer Freundin von Bev. Ihre Wohnung ist klein und trotzdem hat sie die «Arche de Noël»: einen großen schwarzen, sehr süßen Hund, eine Katze und einen Fisch. Kumar ist eigentlich bei einer anderen Freundin von ihm eingeladen und wir werden uns verspäten. Doch wir trinken erst einmal Wein und Bev improvisiert arme Ritter aus Eiern und Weißbrot, die sie im Kühlschrank findet. Die andere Freundin nimmt es uns nicht übel, dass wir zu spät sind. Sie holt uns von der Straßenbahnhaltestelle ab und wir machen eine «Pierrade», was wohl das Pendant zum heißen Stein ist und sich nach «Piraterie» anhört.