30.10.2009 "Lach nicht!" (Rod Steward war Straßenmusiker in Südfrankreich)

Die Sonne scheint und ich bin froh, einmal durchatmen zu können. Weil Jean und ich erst später nach Perpignan fahren wollen, hole ich Maggie aus ihrem Bett und setze mich wieder auf die Veranda. Die arme hat ganz schön gelitten seit ich sie das letzte Mal gespielt habe. Ich muss sie neu stimmen. Im Rucksack liegt noch das Songbook, das ich mir von einer Freundin kopiert habe. Ich nehme das erste Lied heraus «Sailing» von Rod Steward. Man mag es kaum glauben, aber Rod Steward hat seine Karriere als Straßenmusiker begonnen, in Südfrankreich. Ich muss Schmunzeln. Wer in der Welt hat gesagt, «Sailing» sei einfach? Ich scheitere am F-Dur-Akkord. Das Barrée will noch nicht.

Im Garten nebenan arbeitet der Nachbar. Er schneidet die Sträucher und Ruten zurück für den Winter. Ich unterhalte mich mit ihm. Wir sprechen über die Musik, was er macht, dass er früher auch Musiker war. Ich verstehe nicht alles, was er sagt. Ich versuche, die französischen Wörter unter dem okzitanischen Akzent herauszuhören. Was ich auf der Gitarre spiele will er wissen. Ich zähle die paar Lieder auf, die ich spielen kann. Bei Pink Floyd wird er hellhörig. Das Intro geht noch etwas holprig. Manchmal verspiele ich mich. Aber «Wish you were here» ist deutlich zu erkennen.

Ich mühe mich weiter mit «Sailing» ab. Ich weiß ja von den Wochen und Monaten vorher, an denen ich zuerst mit Pauley und dann mit Maggie gespielt hatte, dass es alles eine Sache der Übung ist. Mit viel Übung, dachte ich mir, kann ich das Lied morgen oder übermorgen spielen.

Aus dem Hauseingang höre ich Gerumpel, dann erscheint Jean.

«Ne rigolo pas.» sagt er.

In der Hand hält er eine Gitarre: Eine Fender Western-Gitarre.

«Ne rigolo pas.»

Ich verstehe ihn nicht. Ich kenne das Wort nicht, doch es ist zu spät. Ich kann nicht anders als aus Verzückung zu lachen: Die Fender zieht ein großer weißer Katzenkopf mit einer rosa Schleife über dem einen Ohr, wie auch der Rest der Gitarre in Rosa, Weiß und Perlmutt gehalten ist. Sie ist göttlich. Irgendwann möchte ich auch so eine haben. Welches Mädchen träumt nicht von einer rosafarbenen Gitarre? Am besten in einer Metal-Band. Haha, meine Mundwinkel kleben an den Ohren bei dem Gedanken an dieses Bild. Für einen Mann ist einer solche Gitarre einfach nur supersüß!

Jean will spielen lernen. Er ist Musiker, er spielt einiges auf seinem Keyboard. Wir setzen uns hin und versuchen, sie zu stimmen. Die Arme hat schon lange auf keinem Schenkel mehr gelegen oder um einen Hals gehangen. Die Bass-Saiten machen keine Probleme. An der G-Saite fehlt der Knopf. Auch er versagt daran, sie zu stimmen. Er versucht es den ganzen Nachmittag während ich mir Gedanken um die Übersetzung des Saitenmerksatzes mache: «Ein Anfänger der Gitarre hat Elan» (Die englische Variante gefällt mir besser: er braucht Elan. Außerdem eine hohe Schmerzgrenze.). Schließlich finde ich einen. Ich schreibe ihn in mein Tagebuch: «Être au debut (en jouer la) guitarre (on a) besoin (d’)élan.»

Wir spielen den Rest des Nachmittags Gitarre und Keyboard. Perpignan muss warten. Jean spielt sehr gut. Er spielt nach Gehör. Es ist beeindruckend, trotz Jahre langem Unterricht bin ich über die Melodien und Akkorde an der Orgel oder dem Keyboard nie hinausgekommen und er spielt, wie er es hört.

26.10.2009 Dingle ist ein Ort im Süden Irlands VII

Maureen kommt dazu und bringt Käse, Wurst und Brot. Sie habe angefangen Tin Pipe zu spielen als es ihr Enkel in der Schule lernen musste aber nicht wollte. (Ich erinnere mich an meine Schulzeit und den Blockflötenunterricht.) Sie habe ihn damit anspornen wollen, indem sie ihm sagte, sie wolle es selbst lernen. An Weihnachten lag eine Blechflöte unter dem Weihnachtsbaum, dazu habe sie fünf Unterrichtsstunden bekommen. Über zwei Jahre ist das her und sie spielt immer noch.

Maureen und Noel erzählen von Irland. Sie erzählen von den irischen Pubs, in denen es immer Live-Musik gibt. Man geht in einen Pub um ein Bier zu trinken oder um Musik zu machen. Jeder kann mitspielen.

Wir sitzen auf ihrer Terrasse in der Sonne. Nach dem langen Marsch bin ich mir sicher, dass ich am Ende dieses Tages ein verbranntes Gesicht haben werde. Ich mache mir nichts daraus. Dann sei es eben so.

In Irland lebt ein Delfin. Dingle heißt der Ort, der dank dieses Delfins eine Touristenattraktion geworden ist. Noel erzählt die Geschichte: Der Delfin heißt «Fungi» und ist wohl der berühmteste Einwohner der Stadt. Wie auch die Stadt, weiß niemand, woher er kam, und warum. Eines Tages im Jahr 1984 war er dann da und lebt seitdem vor der Küste. Fischer unternehmen regelmäßig Ausflüge zu Fungi und am Hafen ist sogar ein Denkmal errichtet worden. Ich lache. Die Geschichte ist tatsächlich drollig. Sollte ich nach Frankreich vielleicht einfach nach Irland gehen?

Ich verspreche, ihnen zu schreiben, wie es mir weiter ergangen ist auf meiner Reise. Ich verspreche, mich zu melden, wenn ich jemals nach Dublin komme – ein Versprechen, dass ich vorhabe einzuhalten (ob ist ja keine Frage, und ich zweifle daran, dass es noch lange dauern wird, bis ich nach Irland fahre und mir Dublin ansehe). Wir können uns treffen und einen Tee trinken. Ich freue mich schon jetzt darauf. Wir trinken noch Tee und machen Fotos von uns. Dann verabschiede ich mich von Noel. Maureen führt mich noch an den Strand und zeigt mir die Bushaltestelle, von der ich zwei Stunden den letzten Bus nehmen werde, zurück nach Narbonne.

«Should you miss it, please don’t mind to come back to our house and you can stay for the night.»

Vor dem Strand verabschiede ich mich auch von Maureen. Sie geht, die Sonne im Rücken, zurück in ihr Ferienhaus. Ich gehe an den Strand.

Draußen fährt ein Boot mit einem großen weißen Segel. Die Menschen spielen, gehen spazieren und amüsieren sich. Mitten auf dem Sand steht ein Fahnenmast, der auf einem Betonsockel aufgepflanzt ist. Das ist nun mein Platz.

Ich lege die Tasche mit Maggie in den Sand, hole Maggie heraus und stimme sie. Maggie auf dem Schoß blicke ich aufs Meer: Irgendwo da hinten ist Afrika, denke ich mir, dem weißen Segel hinterhersehend und greife in die Saiten. Ich spiele Afrika ein Hallelujah von Jeff Buckley und die Schwingungen des Nylons pflanzen sich in meinen Bauch fort.

Mir fällt auf, dass ich kaum an meinen Freund denke, dass ich seit meiner Abreise kaum mehr an ihn gedacht habe, es aber trotzdem schön finde, wenn er anruft. Ich denke an einen anderen, spiele gen Afrika und wünsche mir im rosanen Abendhimmel, er sei hier. Wäre er ein Zimmermann und ich eine Dame, ich würde ihn heiraten. Ich würde meine bunten Blusen und die Schuhpolitur vermissen, wenn er ein Müller wäre. Es tut mir weh, an ihn zu denken, aber ich tue es trotzdem um zu sehen, ob ich überhaupt noch etwas fühle. Wahrscheinlich war das auch der Grund für meine Reise. Ich denke an diesen Mann, der nicht mein Freund ist. Ich bin verliebt. Ich spiele Hallelujah bis die Sonne untergeht.