13.11.2009 – Nur weg!

Wir wollen nicht nach hause. Ich will nicht nach hause. Ich will nicht dahin zurück, wo meine Taschen stehen. Ich würde nur dasitzen können, die Uhr anstarren, die Taschen, Sébastien und darauf warten, dass die Zeit ablaufen würde, und ich in zum Bahnhof gehen und in den Zug nach Bordeaux steigen kann. Weiterlesen

13.11.2009 – Alles bleibt gleich

«Ich werde morgen Abend nicht mehr bei dir sein.»

«Du willst nach Bordeaux fahren.»

«Und von da zurück nach Hause, nach Mannheim.»

«Ja, das hast du beschlossen.»

«Ich werde dich nicht mehr wiedersehen können.» Weiterlesen

04.11.2009 Ab durch die Mitte!

«Diamond ring – wear it on your hand! It’s gonna show the world I’m your only man …» Der Song geht mir seit gestern nicht mehr aus dem Kopf. Bevor ich in Rivesaltes aufgebrochen bin, habe ich mir das beste aller Bon Jovi-Alben auf den MP3-Player geladen: «These Days». Seitdem befinde ich mich in einem Zustand gewisser Melancholie. Ob ich an Daniel denke? Nein, ganz sicher nicht. Ich denke an einen anderen. Ich schreibe Briefe. Ich habe ihnen ein eigenes Notizbuch gewidmet. In dieses Buch schreibe ich die Briefe wie ich in ein anderes Gedichte schreibe. Ich fülle das Buch mit den Briefen an ihn. Ich fülle es mit schwarzer Tinte aus einem Schönschreibfüller, wie ich sonst meine Gedichte schreibe.

Er wird keinen einzigen davon jemals erhalten. Er wird sie niemals lesen. Diese Briefe versende ich nicht. Das erinnert mich an Marcelle Sauvageaut: Ein hoffnungsloser Fall und das stürzt mich noch tiefer in die Melancholie. Ich bade darin, ertränke mich in ihr. Diese Melancholie: ich koste dieses Gefühl vollkommen aus mit einer Wonne. Diese Melancholie ist es, die mich diese Briefe schreiben lässt, diese Gedichte, diese Geschichte. Das ist es, was meine Feder führt.

Daniel fehlt mir. Das Gegenteil möchte ich nicht behaupten. Es wäre nicht wahr. Nach zwei Wochen des Unterwegsseins fange ich an, meine Familie und meine Freunde zu vermissen. Zu der Melancholie gesellt sich ein gewisses Heimweh. Und doch, und das ist das seltsame: Wann immer ich mir vorstelle, wieder zuhause zu sein, schwindet der Wunsch dorthin zurückzukehren immer mehr.

Auf der einen Seite habe ich das Reisen satt. Auf der anderen Seite will ich aber nicht rasten. Die Freiheit, die mir das Reisen gibt, ist das Größte, was mir je widerfahren ist. Vielleicht will ich auch erstmal an einem Ort ankommen, wo ich etwas bleiben, meine Reisetasche auspacken und meine Kleider in einem Schrank verstauen kann. Einem Ort, wo ich nicht jeden Morgen in einer großen Tasche nach frischer Unterwäsche wühlen muss. Das ist wohl das Schicksal des Steins, wenn er erst einmal ins Rollen gekommen ist.

Um fünf Uhr am Morgen werfe ich mein Handy aus dem Bett. Ich habe mir den Wecker dort gestellt, damit ich das Frühstück nicht verschlafe und rechtzeitig aus dem Zimmer bin, denn es ist hier wie in jeder Jugendherberge: Tagsüber hat man in den Zimmern nichts zu suchen. Damit ich den Wecker nachher schneller ausstellen kann, wenn er klingelt, werde ich wach, stehe auf und krieche unter das Bett. Unterwegs begegne ich ein paar freundlich grüßenden Wollmäusen. Zum Glück bin ich schon lange genug in Frankreich, um auch die französischen Wollmäuse zu verstehen. Ich erkläre ihnen, dass alles in Ordnung sei und ich nur an mein Telefon will. Maggie, die ich in ihrem Bettchen unter das Bett gelegt hat, bestätigt das und bürgt für meine guten Absichten. Als ich endlich wieder unter dem Bett hervor komme, habe ich das Handy und meine Zimmergenossin schläft glücklicherweise immer noch.

Einschlafen kann ich nicht mehr. Wieder dieses Lied «Diamond ring …». Es muss sich irgendwann zwischen den Wollmäusen und meiner Rückkehr unter die viel zu kurze Decke ganz unbemerkt eingeschaltet haben. Jetzt, wo alle Aufregung vorbei ist, dröhnt es umso lauter. Dazu plätschert es draußen, als würde schon jemand duschen, inklusive der Ablüftung des Waschbereichs. Es könnte der Regen draußen sein, mutmaße ich. Weil meine Zimmergenossin aber die Vorhänge zugezogen hat, sehe ich nichts.

Stattdessen schalte ich meine Klemmleuchte ein und klemme sie an mein Buch: Ich versuche mich an Aristoteles’ Nikomachischer Ethik. Für alle, die es lesen müssen: Nehmt Euch was zu lesen mit! Für alle, die es lesen mussten und gelesen haben: Mein Beileid. Für alle, die interessiert, was drin steht hier die Kurzzusammenfassung: Es gibt für alles zwei extreme Ausprägungen. Der Mittelweg ist immer der beste. Ende.

Meine Zehen stoßen an das Bettende an. Ist das nicht der Fall, stößt mein Kopf am Kopfende an. Eine Partie sinnloser Handyspiele hilft da auch nicht beim Einschlafen. Also liege ich die nächsten Stunden mit einem Griechen im Bett, der nicht aufhören kann, mich mit dem Wesen des Glücks, Haltungen und Wesenszügen zuzutexten. Als es Zeit wird, aufzustehen und mein Wecker klingelt, habe ich das zweite Buch der Nikomachischen Ethik fast durch.

Im Dunkel des frühen Morgens schäle ich mich aus dem Bett. Irgendwo plätschert die Dusche. Im Hintergrund dröhnt die Entlüftung. Gibt es noch Autoren, die über Jugendherbergen schreiben? Ich meine, abgesehen von Kinder- und Jugendbuchliteratur ist dieses Thema bestimmt nicht breit gestreut. Ich kann es nachvollziehen. Wäre ich nicht alleine unterwegs, hätte ich die fünf Euro pro Nacht mehr für ein richtiges Bett, ein richtiges Bad mit Dusche sicherlich ausgeben können.

Die Dusche ist ein Raum mit einem Kleiderhaken, einem Abfluss, einer Duschstange samt Brause und einer kleinen Ablage für das Duschzeug. Die Dusche liegt nicht im Zimmer. Wie in Jugendherbergen üblich, ist es ein kleiner Raum über den Gang und weil dies so ist und ich nicht in ein Handtuch gewickelt durch die Gegend laufen will, nehme ich meine Kleider und Schuhe mit in diesen Raum, der keinerlei Möglichkeiten bietet, die Kleider nach dem Duschen trocken anzuziehen. Ich brauche eine bestimmte Technik zum Duschen, wenn ich meine Kleider trocken anziehen will und drunter passe ich auch nicht ganz.

Im Frühstücksraum folgt das geniale Jugendherbergsfrühstück. Der Kaffee ist nahezu ungenießbar und meine Vorfreude auf eine Schüssel Cornflakes mit Kakao schlägt mienenverzerrt um, als sich die bittere braune Masse meinen Zungengrund entlang in Richtung Speiseröhre robbt. Der Kakao ist nicht gezuckert. Das Frühstück artet plötzlich in hektisches Zuckertütchensuchenaufreißenunddrüberstreuen um – Ich liebe die deutsche Sprache für die Möglichkeit, wahllos Wörter aneinanderzuhängen ohne, dass das daraus entstehende Wortungetüm an Sinn verliert, was man von diesem Satz nicht behaupten kann. Aber was will man denn erwarten nach zwei Stunden griechischer Philosophie.

03.11.2009 Aus Blau wird Grau

Am Horizont zeigt sich noch ein Zug. Meine Tasche und mein Rucksack hängen immer noch an mir. Ich habe sie nach dem letzten TGV nicht abgelegt. Die Zugmaschine zieht wieder an mir vorbei. Der Zug auch: Es ist ein Güterzug. Erst zwei Züge später hält einer. Es ist mein Zug nach Narbonne.

Unterwegs verabschiede ich mich von dem Meer. Ich weiß noch nicht, dass ich es hier zum letzten Mal sehe. Ich tausche das Meer gegen die Berge und als ich den ersten Schritt aus dem Zug auf den Bahnhof von Carcassonne mache, verfluche ich mich für diesen Tausch. Ich habe mich dafür schon gestern verflucht, nachdem ich auf dem Stadtplan gesehen habe, wohin ich mit meinen fünf Taschen vom Bahnhof aus muss – natürlich erst nachdem ich die Jugendherberge gebucht hatte.

Die überaus freundliche Demoiselle am Fahrkartenschalter der SNCF weiß nichts von einem Bus zur Cité oder einer Jugendherberge. Das Rondell, zu dem sie mich schickt und das sich «Office de Tourisme» nennt, hat natürlich geschlossen. Dazu ist heute nicht gerade der wärmste Tag.

Die Bushaltestelle liegt direkt dahinter, also praktisch vor der Nase der Demoiselle von der SNCF. Auch mein Bus fährt hier ab und es ist nicht die 2, wie auf der Webseite der Jugendherberge angegeben, sondern die 4. Teuer ist das Busfahren hier, wundere ich mich, als mir der Busfahrer den Preis für die Fahrt zur Cité nennt. Ich lege das Geld passend in den Münzteller, worauf er mich ungläubig ansieht und mir unerwartet mein Wechselgeld in die Hand drückt. Sein Akzent hatte nur € 5,20 aus € 1,20 gemacht. Ich verstaue Maggie und die Taschen auf einem der Sitze und setze mich daneben. Der Bus fährt los, mein Magen knurrt. Höchste Zeit anzukommen und etwas zu essen zu suchen, denke ich während draußen eine graue Stadt an mir vorbeizieht.

03.11.2009 Wieder unterwegs

Ich stelle fest, dass ich mich langsam hier heimisch fühle. Mit «hier» meine ich Rivesaltes. Ich stelle auch fest, dass mir das immer dann passiert, wenn ich ein paar Tage am gleichen Ort zugebracht habe. Das Gefühl, das mich nach dieser Zeit erfasst, ist eine Mischung aus Trägheit und Rastlosigkeit. Hier bin ich schon einen Tag länger geblieben als in den anderen beiden Städten und länger als eigentlich gedacht war. Aber so ist das mit Plänen Reisender: Sie wechseln wie der Wind die Richtung. Mein Wind bläst aber konstant von den Bergen. Er ist kalt.

Als Nicolette gestern Abend zu mir in Morganes Büro gekommen war, um sich zu verabschieden, lief alles ganz schnell: Plötzlich konnte ich es nicht mehr erwarten, in diesen Zug zu steigen und in die nächste Stadt zu fahren. Ich habe für dieses Mal keine Couch gefunden und werde in einer Jugendherberge übernachten müssen. Besser als unter der Brücke ist das allemal, wenn es auch die Reisekasse ein wenig stärker strapaziert. Dafür ist sie aber auch sicherer. Zudem liegt die Herberge mitten in der mittelalterlichen Cité de Carcassonne, der Hauptattraktion der Stadt und der Grund, weshalb ich dort hin fahre. Und was die Reisekasse angeht, besteht ja noch die Möglichkeit, es Rod Steward gleichzutun und Straßenmusiker zu werden.

Ehe ich mich versehe, ist die Reise geplant: Ich buche ein Bett mit Frühstück und bin einmal mehr froh, mir für diese Reise etwas Plastikgeld eingepackt zu haben. Ein Frühstück zur Übernachtung ist hier übrigens nicht üblich, wie es zuhause der Fall ist, obwohl das Frühstück sicher die günstigste Mahlzeit ist, die man hier einnehmen kann: ein Café und ein Croissant oder Milchbrötchen, fertig. Allerdings ist der Café hier, in der Nähe der spanischen Grenze, ein wenig enttäuschend klein. Es ist schon eher ein Espresso. In der Jugendherberge gibt es glücklicherweise ein Frühstück. Wie viel Glück das ist, soll ich aber erst später erfahren. Ich suche mir den Weg vom Bahnhof zur Jugendherberge heraus und der Trip ist geplant. Jetzt stehe ich hier, an diesem verlassenen Bahnsteig, an dem alle zwei Stunden ein Zug hält, wenn man Glück hat, und warte auf meinen.

Ich hätte vielleicht auch noch da bleiben können, Morgane und die anderen weiter bekochen können. Aber irgendwann wird es Zeit, zu gehen. Spätestens wenn die Koffer gepackt sind und alles wieder so hinein gepasst hat, wie noch vor zwei Wochen, will ich los. Weiter ziehen. Ich fühle den kalten Wind aus den Bergen in meinem Nacken und höre dazu wieder einmal Keith Richard an der Gitarre und Bob Dylan an der Mundharmonika und zwischendurch singt er: «How does it feel? How does it feel to be on your own with no direction home. Just like a rolling stone.»

03.11.2009 "La Essaie Haine CF"

Das Funkeln am Horizont wird größer. «Il y a un train là!» freuen sich die Fahrgäste, die wie ich auf dem Bahnsteig den Zug nach Narbonne erwarten. Auch ich sehne mich danach, endlich in den Zug steigen und dem Meer auf Wiedersehen sagen zu können. Der Wind pfeift von den Bergen «Il souffle.» Ich möchte an dieser Stelle spöttisch bemerken, dass Rivesaltes tatsächlich ein Hauptknotenpunkt im französischen Schienenfernverkehrsnetz ist. Mittlerweile ist es 13.45 Uhr. Der Zug hat 15 Minuten Verspätung und mein Anschlusszug wird nicht lange warten. Der nächste Zug in die gleiche Richtung fährt um 15.56 Uhr. Es ist nicht nur der nächste Zug nach Narbonne. Es ist der nächste Zug, der überhaupt an diesem Bahnhof ankommen wird.

An der Tatsache, dass sich das Funkeln zu schnell in einen Zug verwandelt hat, schließe ich, dass dieser Zug nicht hier halten wird. Er kommt sehr schnell näher und knallt die wartenden Fahrgäste von ihren Plätzen auf die andere Seite des Bahnsteigs. Es ist ein TGV sehe ich, als er vorbeifährt. Das erklärt die Geschwindigkeit. Eine Lautsprecheransage gibt es nicht: Kein «Attention TGV passant» oder ähnliches.

Einige Minuten später erscheint wieder dieses verheißungsvolle Funkeln am Horizont. Es wird größer, bis ich einen Zug ausmachen kann. Ich gehe zu meinen Taschen, die auf dem Bahnsteig aufgebaut habe, und nehme eine der vier in die Hand (ich habe sie um eine reduziert) – wenn der Zug hielt, würde es schnell gehen müssen – und bepacke mich wieder wie einen Esel oder ein Kamel auf der eigenen Expedition. Wenn ich mich manchmal von außen betrachte, komme ich mir manchmal wie einer dieser Menschen in China vor, die ihre Last in Bergen aufgetürmt zum nächsten Dorf schleppen. Wenn diese Tasche doch nur Rollen hätte!

Die Zugmaschine rollt wieder an mir vorbei und der Luftstoß, den sie verursacht, drückt mich abermals in Richtung der anderen Bahnsteigseite. Dazu pfeift mir der Wind aus den Pyrenäen um die Ohren. Etwas stimmt nicht mit diesem Zug. Er gibt sich nicht einmal die Mühe, zu versuchen, zu bremsen. Die Aufkleber an den Seiten verraten mir auch warum: Noch ein TGV! Ich warte auf den Ter.

Meine Mitfahrer werden verständlicherweise ungeduldig; jetzt, nach 15 Minuten Verspätung! Eine Durchsage oder eine Hinweistafel gibt es natürlich nicht. Von den Bergen hinter mir bläst der Wind. Er ist stark. Ich muss aufpassen, dass Maggie nicht umgeweht wird. Es sind die orientalischen Pyrenäen, die sich dort hinten auftafeln und daneben die Corbièren.

Das Paar neben mir regt sich auf – nein, die Frau regt sich auf. Sie findet das alles skandalös. Wohlgemerkt: Nach 15 Minuten warten. In Deutschland hätte ich das auch unmöglich gefunden, aber hier geht es. Ich habe ja keine Eile. Das einzige Problem, dass ich bekommen könnte, wäre zu spät oder gar nicht in Carcassonne anzukommen. Ansonsten ist das alles ein großes Abenteuer. Während sich das Paar über die Verspätung aufregt kommt auf der anderen Seite der Gleise eine Dame aus dem Bahnhofshäuschen herausgelaufen «Cinquants minutes en retard» ruft sie zu uns herüber. Praktischerweise erreicht man diese Seite der Gleise von meinem – Gleis 2 – nur über eine Brücke. Nach der Vorstellung, aus dem Bahnhofsgebäude herauszulaufen, mit meinen vier Taschen über die Brücke zu hechten und dann den Zug doch noch zu verpassen, habe ich diese Option für mich verworfen.

Fast eine Stunde Verspätung – Meinen Anschlusszug in Narbonne werde ich wohl verpassen. Hoffentlich fährt nachher noch einer rüber. Vor allem weil ich noch einmal umsteigen muss, einmal hinter Castelnaudary glaube ich. Der Mann des Paares bleibt übrigens ganz gelassen und ich finde es zumindest skandalös, dass die Verspätung nirgends angezeigt wird.

03.11.2009 So viel Arbeit!

Der erwartungsvolle Blick zum Horizont – dort, wo die Schienen sich treffen – wird endlich mit einem Funkeln belohnt. Meine Wäsche, die ich gestern in einem Waschsalon in Rivesaltes gewaschen und anschließend in Morganes Garage aufgehängt hatte, war zum Glück trotz des kühlen Windes noch rechtzeitig zu meiner Abfahrt trocken geworden. Ich hatte sie abgenommen und mit meinen anderen Sachen in meine Taschen eingepackt. Der Wind sollte mich mitnehmen, mit fort, in eine andere Stadt: Carcassonne.

Gestern hatte ich noch für Morgane und ihre Familie eingekauft und Krautrouladen zum Abendessen gekocht. Als sie in Morganes Studio kamen und mich kochen sahen, waren die Augen groß. «Ce boulot!» Es war wirklich eine große Arbeit gewesen. Ich hatte es nur nicht mitbekommen. Wenn ich mich einmal in das Kochen vertieft hatte, war es wie der Marsch nach Narbonne Plage: Es war Meditation. Ein Handgriff folgte dem nächsten: Ich setzte Gemüsebrühe auf – um mir Arbeit zu sparen arbeitete ich mit Brühwürfeln. Ich suchte mir die größten und schönsten Wirsingblätter aus, schnitt die Strünke so glatt, dass ich sie später einfach rollen konnte. Dann blanchierte ich die Blätter, tupfte sie trocken und legte sie zur Seite.

Das Hackfleisch war als nächstes dran: Ich würzte es mit Pfeffer und Salz, gab ihm mit ein paar Eiern und eingeweichtem Baguette die gewünschte Bindung und füllte die durch das Blanchieren leuchtend grünen Wirsingblätter mit der Masse. Damit die Päckchen sich nicht öffneten, schnürte ich sie mit Schnur zu.

Nun kam mein Lieblingsschritt: Ich briet die Rouladen scharf an. Ich mag das Aroma von leicht scharf angebratenem oder gebackenem. Ich habe mir einmal erklären lassen, das käme von der in der menschlichen Evolution angewöhnten Erkenntnis, dass gegarte Speisen leichter bekömmlich seien als rohe und dieses Röstaroma dem Menschen bis heute instinktiv signalisiere, dass das Essen, das er verzehren möchte, gar und gut verdaulich ist. Der Backofen erledigte den Rest während ich die Kartoffeln in der Gemüsebrühe kochte und meine Gäste mit Baguette und Pâté zum Hors d’Oeuvre bat.

01.11.2009 Süßer Wein und dunkle Vergangenheit (Küss den Frosch!)

Unsere Pläne für heute Nachmittag sind groß: Wir wollen ans Meer fahren, zu einem der berühmten Katharer-Schlösser, oder nach Perpignan. Wir steigen schließlich auf Fahrräder und fahren los. Wenn wir aus dem Ort herausfahren sind wir plötzlich am Bambusüberwucherten Flussufer. So muss es bei Marguerite Duras in Vietnam ausgesehen haben; damals, in ihrer Kindheit: Die Straßen bestehen aus Sand und Schotter, und überall entlang des Flusses tauchen Teiche aus dem Dickicht auf. Sie sind mit Seerosen bewachsen und Schilf. Es schwirren Libellen umher und Vögel.

Ein Stück weiter sieht die Umgebung wieder ganz anders aus: Landstraßen und Weinberge. Wir halten an und schlagen uns in den Weinberg. Das ist der Muscat, erklärt Morganes Vater, Christophe. Ich nehme eine Rebe ab und probiere die prallen Trauben. Das also ist der berühmte Muscat, den ich vorhin als Aperitif getrunken habe. Sie sind wirklich sehr süß, lecker und klebrig.

Das Wetter ist nicht besonders heute. Letzte Nacht hat sich der Himmel zugezogen und steht nun ganz grau über uns. Das gedämpfte Licht und die Sonntagsstimmung, bei scheinbar niemand hier auf der Straße ist, tauchen die Szene in ein geisterhaftes Licht. Langsam scheint die Sonne untergehen zu wollen. Wenn wir noch zum Schloss kommen wollen, müssen wir uns beeilen.

Wir kommen nicht ans Schloss. Wir kommen bis zur nächsten Ortschaft, Espira de l’Agly heißt sie. Morganes Vater kennt sie noch aus Kindertagen. Er führt uns auf den Rädern herum; zeigt uns alles: Sein Geburtshaus, die alte Kirche «l’eglise Sainte Marie». Sie ist schon Jahrhunderte alt. Im Mittelalter gebaut.

Die Kirche der heiligen Maria von Espira de l’Agly. Gebaut zwischen 1086 und 1134. Die Bauart ist romanisch. Das menschliche Leben hier ist über 60.000 Jahre alt. Damals begruben die Menschen ihre Toten in Höhlen. Die Kirche ist wie viele der Gebäude ihres Alters, die bis ins Jetzt übderauert haben aus verschiedenen Epochen zusammengewürfelt: Sie wurde erbaut und zerstört, wiederaufgebaut, etwas wurde angebaut. Sie wurde erweitert. Einmal teilten sich ein Mönchs- und ein Nonnenkloster das Gebäude mit dem spätromanischen Eingangsportal.

Espira de l’Agly ist nicht groß, obwohl es so alt ist. Manchmal bin ich über diesen Umstand verwundert. Ja, es gibt Zeiten, an denen ich nicht verstehen kann, wie Städte zu riesigen Metropolen wachsen konnten, die um einiges jünger sind. Mich fasziniert die Tatsache, dass andere Städte – jüngere und ältere – längst untergegangen sind. Aber vor allem sind es kleine Städte wie Espira de l’Agly, die sich nie entwickelt zu haben scheinen. Es hat nur knapp 3000 Einwohner. Es gibt Städte wie diese, die niemals größer werden und niemals verschwinden.

Wir verlassen Espira de l’Agly. Wir kommen wieder in einen dieser Dschungelwege. Von den süßen Trauben habe ich großen Durst. Wir fahren in den Garten von Morganes Vater, Christophe. Es ist kein wirklich schöner Schrebergarten. Es ist ein Garten, der den französischen Häusern und der südfranzösischen Nonchalance bis ins kleinste Detail entspricht: Anstatt von ordentlich, rechteckig angelegten Beeten gibt es Beete, auf denen Christophe etwas Gemüse und Salat anbaut. Es gibt ein Gartenhaus, das aber eher ein Schuppen ist und es gibt eine Mülltonne.

Christophe hebt den Deckel an und der deutsche Frankreichkenner, der noch nie zuvor hier war, könnte in dem Moment annehmen, Christophe züchte hier seinen Delikatessenvorrat für schlechte Zeiten: In der Mülltonne steht das Wasser bis knapp unter den Rand und drinnen tummeln sich etwa ein halbes Dutzend Frösche. Einige versuchen wegzuschwimmen, doch in ihrer Wassertonne kommen sie nicht weit. Andere schaffen es, etwas Halt unter den Füßen zu bekommen und springen in hohem Bogen über den Tonnenrand in die Freiheit. Wenn die wüssten …

Es wird immer dunkler um uns herum und wir schlagen den Heimweg ein. Christophe bleibt an einem Haus stehen und deutet mit einem gewichtigen Blick auf dessen Fenster: «C’est la maison de la famille Joffre et de Joseph Joffre. C’est sa maison de naissance.» erklärt er in seinem südfranzösischen Akzent, in dem der Nasallaut mehr wie ein ng ausgesprochen wird. Das nimmt der Sprache seine ganze Eleganz finde ich.

Joseph Joffre ist der Held von Rivesaltes. Hoch zu Ross steht er auf dem Grand Place vor dem Rathaus, gleich hinter dem Bahnhof. Er ist das große Kind der Stadt. Ein Marschall im zweiten Weltkrieg. Es gibt ein Museum über Maréchal Joseph Joffre hier. Und tatsächlich war er ein hohes militärisches Tier seiner Zeit, denn immer wieder auf meiner Reise stoße ich auf diesen Namen: In Parks, Straßennamen und Häusern.

Man merkt, dass die Franzosen stolz sind auf den ersten Weltkrieg und dessen Ausgang. Auf den zweiten scheinen sie nicht ganz so stolz zu sein, denn wie sonst könnte man erklären, dass ich nichts sehe, nichts erfahre – erst später, nachdem ich lange wieder zuhause bin und die Reise aufarbeite – vom Camp Rivesaltes oder dem Camp Joffre, wie es auch genannt wird? Von den Greueltaten des Vichyregimes an diesem Ort? Ich erfahre zumindest nichts von Morgane oder ihrer Familie, obwohl es mir scheint als seien alle waschechte Rivesaltais, wie man die Menschen nennt, die hier leben.

Es gibt ein Museum über das Camp Rivesaltes. Das Museum ist das Camp. Es wurde 1938 errichtet und diente seit 1939 als Internierungs- und Konzentrationslager. Vor allem Juden aus Baden und der Pfalz waren dort eingesperrt. Im Jahr 1942 wurden 2251 Juden von hier ins KZ-Auschwitz deportiert, um dort ermordet zu werden. Menschen, die geflohen waren, sich in Frankreich sicher glaubten – bis die Nazis kamen. Unter diesen Menschen waren 110 Kinder.

Eingestellt wurde der Betrieb des Lagers nach dem Krieg aber keinesfalls. 1939 wurden hier zusätzlich Anhänger der Retirada untergebracht, die nach dem Sieg Francos nach Frankreich geflüchtet waren. In den 1960er Jahren waren es dann die Harkis – jene Algerier, die den französischen Truppen während des Algerienkriegs geholfen hatten und sich zur französischen Republik bekannt hatten. Bis ins Jahr 2007 sollen hier noch Flüchtlinge aus Algerien leben; in Baracken, die längst verfallen sind. Heute ist das Lager eine Gedenkstätte.

01.11.2009 Von Schnecken und Froschschenkeln (Küss den Frosch!)

Habe ich schon einmal von dem französischen Essen berichtet? Ich glaube, in Montpellier und Narbonne bin ich außer dem guten Baguette, dem Wein und dem Käse noch nicht mit viel davon in Berührung gekommen. Ich meine, in Rivesaltes darf ich zum ersten Mal an einem richtigen französischen Sonntagsessen teilnehmen. Nicht ganz zum ersten Mal, denn ich kann mich noch an den Schüleraustausch nach Frankreich erinnern.

Die Franzosen lieben das Essen. Man sieht es ihnen förmlich an: Die Lebensmittel im Supermarkt sind nicht so herumgeworfen. Alles sieht sehr schmackhaft aus. Es ist teuer, keine Frage. Aber dafür sind die Häuser nicht selten ein wenig herunter gekommen, und die Autos. Die Prioritäten sind andere, nämlich beim Essen: Mousse de Canard, Foie Gras oder Confit de Canard lassen sie sich etwas kosten. Der französische Supermarkt ist vergleichbar mit der Lebensmittelabteilung höherwertiger Kaufhäuser in Deutschland. Die Preise sind aber die gleichen.

Wir beginnen mit einem Aperitif. Es gibt Knabbereien und den für Rivesaltes typischen Muscat – ein sehr süßer Aperitif-Wein, der hier angebaut und hergestellt wird. Wir können wählen: Es gibt Muscat und Wermut oder Pastis. Ich weiß nicht mehr genau, was zur Auswahl steht, denn ich habe bereits im Reiseführer vom Muscat gelesen und entscheide mich dafür. Ich denke darüber nach, einige Flaschen zu kaufen und mit nach Deutschland zu nehmen, als Andenken oder Mitbringsel. Doch der Gedanke, an mein ohnehin schon mit Büchern unnötig erschwertes Gepäck lässt mich die Idee wieder verwerfen. Jetzt, wo ich weiß, wie schön es hier ist, und wo ich hier Leute kenne, werde ich zurückkommen und dann einige Flaschen importieren.

Wir gehen nach oben zu Nicolette und Jean. Sie haben die Familie zum Essen eingeladen. Die Mutter ist nicht dabei. Sie ist ein paar Tage verreist und kommt erst morgen wieder, wenn ich bereits in Carcassonne sein will. Es gibt ein interessantes Gericht. Ich meine, es heißt «Pot au Feu» übersetzt: frei übersetzt «Topf vom Feuer.» Es ist nichts weiter als Fleisch, das in einem großen Topf Wasser mit viel Gemüse und wenig Salz gekocht wird. Es erinnert mich an Eintopf. Nur anders als beim Eintopf werden das Fleisch und das Gemüse nicht in kleine Stücke geschnitten, sondern kommen als ganzes ohne die Suppe auf den Teller. Dazu gibt es dann eine Beilage, Reis oder das, was ich als Couscous bezeichne: Es sieht aus wie Reis, nur kleiner.

Die hochgelobte französische Küche ist ein wenig fad, finde ich. Ich muss gut salzen, damit es schmeckt. Ich persönlich hätte noch ein paar Gewürze zugefügt und es pikanter gemacht. Die französische Küche ist mein Maggi- und Salz-verwöhnter Gaumen eben noch nicht gewöhnt.

Das schöne aber an den französischen Essgewohnheiten ist: Es gibt immer einen Nachtisch. Heute gibt es Fruchtjoghurt. Weil Nicolette auf ihre Figur achtet, gibt es ihn in der Diätvariante. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass es Franzosen gibt, die freiwillig Diätprodukte kaufen. Auch eine Sache, von der ich nichts halte. Ich habe früher tatsächlich hin und wieder reduziert genascht und irgendwann festgestellt, dass 2,3 Prozent mehr Fett in der Milch durchaus schmecken. Ich liebte meine belegten Brote gleich umso mehr, wenn ich den Belag mit Butter unterlegte. Ich esse fetten Käse, fettes Fleisch, trinke Vollmilch und nehme aus Absicht den Vollfettquark. Ich esse die normalen Kartoffelchips und backe meine Kuchen mit Butter – ein kleiner Luxus, ich weiß, aber das solltet ihr unbedingt versuchen; der Unterschied ist erstaunlich. Ich esse lieber weniger, aber dafür schmeckt es. Zugenommen habe ich davon bisher nicht.

01.11.2009 Billy-Jean (Küss den Frosch!)

Es ist vielleicht mitten am Vormittag. Wir schlafen aus. Trotzdem bin ich zuerst wach. Zum einen, weil einer der Katzen wohl eifersüchtig war, weil ich die Nacht auf ihrem Lieblingsplatz verbracht habe. Das feuchte Laken lässt soetwas vermuten. Zum anderen bin ich wach, weil ich einfach nicht mehr schlafen will. So, das reicht jetzt. Es ist genug. Morgane träumt noch. Ich wecke sie nicht, steige in meine Jeans und gehe leise aus dem Studio in den Garten.

Billy ist schon unterwegs. Der kleine ist gerade ein paar Monate alt. Noch unbeholfen und tapsig klettert er auf dem Wellblechdach des Schuppens herum. Er muss von Nicolettes und Jeans Balkon herunter gesprungen sein. Den Weg zum Erdboden findet er trotzdem nicht: Der einzige Pfad führt über die Äste eines Zitronenbaumes. Der Ast wackelt. Billy traut sich nicht, er ziert sich. Ich zeige ihm den Weg. Er traut sich trotzdem nicht. Diese Tapsigkeit ist zu süß.

Irgendwann sind dann auch die anderen aufgestanden. Ich weiß nicht mehr, wie wir den Vormittag verbracht haben. Lang war er jedenfalls nicht gewesen. Nicolettes und Morganes Vater war herübergekommen. Er wohnt nur auf der anderen Straßenseite, wenn man diesen Weg so nennen möchte. Er ist Fotograf und fotografiert leidenschaftlich gerne Hunde und Katzen, die als Menschen verkleidet sind.