01.11.2009 Der reiselustige Kater (Küss den Frosch!)

Es ist Sonntag. Das Wetter ist schon nicht mehr so schön wie in den letzten Tagen. Der Himmel ist zugezogen, wolkenverhangen und der Wind gestern Abend hat kalte Luft hergebracht. Wie es an einem Sonntag so üblich ist, schlafen wir lange. Ich stehe sogar noch vor Morgane auf. Die Katzen sind schon unterwegs. Hatte ich erzählt, dass bei Morgane, Jean und Nicolette vier Katzen herumlaufen? Ich bin mir nicht sicher. Ich bin mir aber sicher, dass ich noch nicht von den Katzen erzählt habe.

Es sind also vier. Zwei gehören Morgane: Bolek und Minette. Billy-Jean (ja, benannt nach dem Lied eines erst kürzlich verstorbenen Pop-Idols) und Minou gehören zu Jean und Nicolette. Am interessantesten von den beiden ist sicherlich Bolek, ein Tabby-Kater.

Wir machen uns einen Spaß. Wir nennen ihn Jean-Bolek und den anderen Jean-Billy. Wir haben festgestellt, dass alle Franzosen «Jean» heißen: Jean-Paul, Jean-Pierre oder Jean-Luc zum Beispiel und wenn man im französischen von “den Leuten” spricht, heißen sie “gens”. Lustigerweise kam der Einfall von Jean. Also nennen wir die Kater auch Jean.

Jean-Bolek kommt aus Polen. Er ist eher ein Wildkater und so verhält er sich auch. Bolek und Billy kämpfen häufig, weil es der kleine Billy in seinem jugendlichen Leichtsinn hin und wieder übertreibt und sich dann auch mal ein Tatze einfängt. Morgane hatte ihn gefunden, als sie auf Reisen in Polen war. Er war herrenlos. Ein Landstreicher. Wie ich, denke ich mir und höre wieder Bob Dylan und Mick Jagger singen «How does it feel?», wobei Keith Richard im Hintergrund spielt. Eine Orgel ist auch noch dabei. Es fühlt sich saugut an, denke ich bei mir.

Bolek ist weit gereist: Morgane hatte ihn aus Polen mit in die USA genommen und von dort aus zu ihrem Job in den Niederlanden, dann nach Belgien und wieder zurück hierher nach Rivesaltes. Er und ich verstehen uns von Anfang an: Am ersten Tag entdecke ich ihn schlafend in Maggies Tasche, nachts schläft er bei mir auf dem ausgeklappten Gästesofa im Studio.

Jean Baptiste Bolek ist ein wenig eifersüchtig. Er scheint sich von mir vernachlässigt vorzukommen. Ich wache morgens auf, weil ich ein seltsames Gefühl habe, begleitet von einem seltsamen, nicht starken, Geruch. Es riecht nach nassem Stoff und das Gefühl kommt von einer Pfütze, die eine der Katzen – da Bolek die ganze Nacht drin war, nehme ich an, dass er es war – auf meinem Laken hinterlassen hat. Bolek ist böse. Er und Minou jagen sich durch das Studio. Sie fauchen. Sie können sich nicht ausstehen. Morgane trennt sie regelmäßig und schmeißt Minou aus der Wohnung.

30.10.2009 Mes moires (Rod Steward war Straßenmusiker in Südfrankreich)

Wenn ich schreibe, halte ich mich an meine Einträge in dem Tagebuch, das ich unterwegs geführt habe und auch, wenn es ein paar Lücken hier hat, sehe ich die Tage noch genau vor mir, erinnere mich an die kleinen Détails. Ich erinnere mich zum Beispiel daran, dass wir an jenem Abend noch eine Modenschau der Friseur-Innung besucht haben, bei der Nicolette, Morganes Schwester und Jeans Frau, die Modelle geschminkt hat. Der Jahrmarkt danach, über den wir nur gelaufen sind und Churros gegessen haben. Wir haben nichts besucht, sind nicht einmal mit dem Karussel gefahren.

Ich erinnere mich, dass ich am nächsten Tag Perpignan besucht habe und es mir nicht gefallen hat. Es war einfach viel zu hektisch, viel zu viele Autos in der Innenstadt. Vielleicht wäre es aber anders gewesen, wenn ich direkt dort gewohnt hätte. Morgane besteht darauf, dass ich mit dem Bus fahre. Ich habe vorgeschlagen, mit dem Rad zu fahren, weil es ja ohnehin nicht so weit sei. Sie sagt, das sei gefährlich. Es gebe ein Lager von «Ziganes» dort. Ich verstehe nicht sofort, begreife dann aber, was sie meint: Sie meint jene Bevölkerungsgruppe, die sich geographisch nicht einwandfrei zuordnen lässt und die unter anderem deshalb in ganz Europa mit allerhand Vorurteilen behaftet ist. Ich nehme den Bus.

30.10.2009 "Lach nicht!" (Rod Steward war Straßenmusiker in Südfrankreich)

Die Sonne scheint und ich bin froh, einmal durchatmen zu können. Weil Jean und ich erst später nach Perpignan fahren wollen, hole ich Maggie aus ihrem Bett und setze mich wieder auf die Veranda. Die arme hat ganz schön gelitten seit ich sie das letzte Mal gespielt habe. Ich muss sie neu stimmen. Im Rucksack liegt noch das Songbook, das ich mir von einer Freundin kopiert habe. Ich nehme das erste Lied heraus «Sailing» von Rod Steward. Man mag es kaum glauben, aber Rod Steward hat seine Karriere als Straßenmusiker begonnen, in Südfrankreich. Ich muss Schmunzeln. Wer in der Welt hat gesagt, «Sailing» sei einfach? Ich scheitere am F-Dur-Akkord. Das Barrée will noch nicht.

Im Garten nebenan arbeitet der Nachbar. Er schneidet die Sträucher und Ruten zurück für den Winter. Ich unterhalte mich mit ihm. Wir sprechen über die Musik, was er macht, dass er früher auch Musiker war. Ich verstehe nicht alles, was er sagt. Ich versuche, die französischen Wörter unter dem okzitanischen Akzent herauszuhören. Was ich auf der Gitarre spiele will er wissen. Ich zähle die paar Lieder auf, die ich spielen kann. Bei Pink Floyd wird er hellhörig. Das Intro geht noch etwas holprig. Manchmal verspiele ich mich. Aber «Wish you were here» ist deutlich zu erkennen.

Ich mühe mich weiter mit «Sailing» ab. Ich weiß ja von den Wochen und Monaten vorher, an denen ich zuerst mit Pauley und dann mit Maggie gespielt hatte, dass es alles eine Sache der Übung ist. Mit viel Übung, dachte ich mir, kann ich das Lied morgen oder übermorgen spielen.

Aus dem Hauseingang höre ich Gerumpel, dann erscheint Jean.

«Ne rigolo pas.» sagt er.

In der Hand hält er eine Gitarre: Eine Fender Western-Gitarre.

«Ne rigolo pas.»

Ich verstehe ihn nicht. Ich kenne das Wort nicht, doch es ist zu spät. Ich kann nicht anders als aus Verzückung zu lachen: Die Fender zieht ein großer weißer Katzenkopf mit einer rosa Schleife über dem einen Ohr, wie auch der Rest der Gitarre in Rosa, Weiß und Perlmutt gehalten ist. Sie ist göttlich. Irgendwann möchte ich auch so eine haben. Welches Mädchen träumt nicht von einer rosafarbenen Gitarre? Am besten in einer Metal-Band. Haha, meine Mundwinkel kleben an den Ohren bei dem Gedanken an dieses Bild. Für einen Mann ist einer solche Gitarre einfach nur supersüß!

Jean will spielen lernen. Er ist Musiker, er spielt einiges auf seinem Keyboard. Wir setzen uns hin und versuchen, sie zu stimmen. Die Arme hat schon lange auf keinem Schenkel mehr gelegen oder um einen Hals gehangen. Die Bass-Saiten machen keine Probleme. An der G-Saite fehlt der Knopf. Auch er versagt daran, sie zu stimmen. Er versucht es den ganzen Nachmittag während ich mir Gedanken um die Übersetzung des Saitenmerksatzes mache: «Ein Anfänger der Gitarre hat Elan» (Die englische Variante gefällt mir besser: er braucht Elan. Außerdem eine hohe Schmerzgrenze.). Schließlich finde ich einen. Ich schreibe ihn in mein Tagebuch: «Être au debut (en jouer la) guitarre (on a) besoin (d’)élan.»

Wir spielen den Rest des Nachmittags Gitarre und Keyboard. Perpignan muss warten. Jean spielt sehr gut. Er spielt nach Gehör. Es ist beeindruckend, trotz Jahre langem Unterricht bin ich über die Melodien und Akkorde an der Orgel oder dem Keyboard nie hinausgekommen und er spielt, wie er es hört.

30.10.2009 Rod Steward war Straßenmusiker in Südfrankreich

Auf jeder Station auf meiner Reise habe ich das selbe Problem am ersten Tag und obwohl ich von Morgane und ihrem Schwager auf das herzlichste empfangen worden bin, ist es auch hier so wie zuvor in Narbonne und Montpellier. Ich werde aber nicht schon wieder anfangen, davon zu erzählen.

Morgane ist heute schon früh aufgestanden und zur Arbeit gegangen. Das heißt, nach nebenan. Denn da arbeitet sie. Im Zimmer nebenan. Weil Kumar mir gesagt hatte, ich dürfe sie unter gar keinen Umständen stören, bin ich so leise wie möglich. Die Kaffeemaschine steht mir von Anfang an mit gemischten Gefühlen gegenüber. Zum einen sieht sie aus wie eine der typischen Espressokannen, wie auch ich sie zu hause benutze, was bei meinen Eltern noch bei Benjamin je großen Anklang gefunden hat. Ich freue mich schon auf den Espresso für den Kickstart. Auf der anderen Seite aber ist die Maschine ein wenig widerspenstig. Ich versuche, sie zum Laufen zu bekommen. Ich versage.

Statt einen Kaffee zu kochen und zu trinken ziehe ich mich an. Ich versuche die gleiche Taktik anzuwenden, die auch schon bei Kumar und bei George angewandt habe: Ich beschließe, eine Bäckerei aufzusuchen. Soetwas muss es hier doch geben und auch Jean, Morganes Schwager, wollte doch heute was zum Frühstücken besorgen.

Angezogen wie ich bin verlasse ich das Studio. Weil ich Morgane nicht stören will, mache ich keinen Krach, öffne das Tor als mir ein Gedanke kommt: Komme ich später auch wieder durch das Tor zurück? Noch während ich über dieses Problem nachdenke und zurück gehe, steht sie plötzlich vor mir, im Schlafanzug. Sie hat so angefangen zu arbeiten, schließlich arbeitet sie von zuhause aus.

«Bonjour.» ich lächle sie an.

«Bonjour. T’as bien dormi?»

«Oui. Je voulais aller chercher quelques choses à manger, pour le petit déjeuner.»

Es ist alles kein Problem. Ich solle nur keine Eile haben, sagt sie und wir gehen zurück ins Studio. Bei ihr funktioniert die Kaffeemaschine. Ich nehme meine Tasse, finde noch eine Schachtel Kekse, die ich in Mannheim als Wegzehrung mitgenommen, aber noch nicht gegessen habe und setze mich nach draußen. Von hier aus ist es kaum zu glauben, dass es schon Ende November ist: Es ist warm, die Sonne scheint. Es fühlt sich eher an wie Mitte September.

«Salut!»

Es ist Jean. Er war gestern auch mit uns bei dem Konzert der bretonischen Bonx-Trommler. Es ist schon Mittag. Wie gesagt: Am ersten Tag stehe ich nicht früh auf, weil ich von den ganzen Neuerungen noch ganz erschlagen bin. Jean ist heute schon mit dem Arbeiten fertig. Er kümmert sich um ältere Menschen, kauft für sie ein, hilft ihnen im Haushalt. Später will er mir Perpignan zeigen.

29.10.2009 Les Tambours du Bronx III

Es gibt ein Konzert in Perpignan: «Les Tambous du Bronx» – Die Trommeln der Bronx – nennen sie sich. Als ich mir das vorstelle muss ich lachen. Es ist zu komisch: Ich erinnere mich an mein letztes Seminar in Literaturwissenschaft und eine Kritik über Hanif Kureishis «Buddha of Suburbia». Der Kritiker sprach von einem Supermarkt der Kulturen, in dem sich jeder seine eigene Kultur stückweise zusammenstellen kann, wie es ihm beliebt, ohne je ganz die Kulturen kennenzulernen oder anzunehmen. Auch hier ist es so: Ich bezweifle nicht, dass sie in der Bronx waren um sich hinein zu fühlen, in diese Musik, diesen Rhythmus, der so hart und erbarmungslos ist wie die Schläge auf die leeren Ölfässer. Nur: wer soll einer bretonischen Trommelgruppe glauben, sie seien die Trommeln der Bronx?

Die Gruppe besteht aus etwa 15 Männern so ziemlich jeden Alters. Sie stehen auf der Bühne und schlagen mit kurzen, dicken Stöcken (wahrscheinlich Bambus) auf bemalte Ölfässer ein. Einer von ihnen steht vor einem Gestell mit Röhren, die aus Gummi zu sein scheinen. Von diesen Röhren geht ein elektronisch verzerrter Laut aus, der sich nicht zuordnen lässt. Dieses Instrument ist eher ein Xylophon.

Der Rhythmus ergreift gleichsam Musiker wie auch das Publikum. Er ergreift sie, nimmt sie mit sich und führt sie in eine Art Trance hinein. Dieses Gefühl ist unglaublich und obwohl ich diese Art der Musik nicht sonderlich mag, fasziniert mich die Konzentration der Musiker, die Musiker selbst. Ich bin verzaubert von diesem Zustand der Ekstase, in dem sich die Trommler auf der Bühne befinden. Als befänden sie sich in einer anderen Welt.

Die Stöcke machen sich selbständig. Sie fliegen entweder abgebrochen oder aus der Hand gerutscht über die Bühne, hinein ins Publikum. Die Wucht, mit der sie auf Rand, Deckel und Wände der Fässer einschlagen muss gewaltig sein, genauso wie der Nachschub an neuen Stöcken, denn die kurzen Aussetzer merkt man dem Ton nicht an. Wenn ich mir diese Männer ansehe, die mittlerweile schwitzend mit nacktem Oberkörper auf die Trommeln einschlagen, erscheint es mir, als seien sie weniger Musiker (Das harmonische Element kommt ohnehin aus einem Keyboard-Synthesizer, der auf einer großen Feder befestigt ist, damit der Keyboarder, der mich an “The Prodigy” erinnert es ab und zu showwirksam im Kreis drehen kann.). Sie sind schon eher Leistungssportler: Die Körper schwitzend, manche sehnig, viele von ihnen sind mit Tättowierungen verziert. Es macht Eindruck.

Jean, Morgane und den Rest der Clique sehe ich in der Menge nicht mehr. Ich wippe zu dem Beat, genieße die Aussicht. Ich merke, wie ich die ganzen deutschen Sorgen und Ängste immer mehr abgestreift habe. Ich würde sie nachher schon wiederfinden, wir würden noch einen Absacker trinken und weil ich nicht weiß, was ich anderes trinken soll und es für Rotwein zu warm ist, werde ich ein französisches Bier bestellen, in der Hoffnung, es sei dem belgischen ähnlich.

29.10.2009 Les Tambours du Bronx II

Umso glücklicher über meine Wahl mit George bin ich über meine Wahl mit Morgane. Morgane lebt zwar nicht in Perpignan, aber dafür in einem kleinen Nest ganz in der Nähe. Es heißt «Rivesaltes» und liegt ganz in der Nähe von Perpignan. Allein deshalb erinnert es mich an den Ort, an dem auch ich lebe: Altrip.

Die Parallelen liegen auf der Hand: Beide liegen an einem Fluss, beide sind klein und in der Nähe einer großen Stadt und ihre Namen sind verwandt. So verbirgt sich hinter Alta Ripa, wie der Ort in der römischen Zeit hieß, das hohe (oder tiefe) Flussufer und Rivus Altus der hohe (oder tiefe) Bach.

Ich habe gerade gesagt, ich hätte Morgane nicht über das Couchsurfing gefunden, sondern über Kumar. So war es. Er hat mir ihre Telefonnummer geschickt, ich habe sie angerufen. Ich weiß noch, dass ich es nicht in Georges Wohnung getan habe. Das musste nicht jeder mitbekommen. Also habe ich sie von der Straße aus angerufen, von einem verlassenen Platz, der dann doch nicht verlassen genug war. Immer wieder tosten Autos vorbei, was es mir nicht gerade leichter machte, sie zu verstehen. Irgendwann klappte es dann doch.

Ich stehe am Bahnhof von Rivesaltes und warte mit meiner Gitarre und den schweren Taschen auf sie. Der Bahnhof ist nicht groß: Es sind gerade mal zwei Gleise, der Fahrkartenschalter ist unbesetzt. Vor dem Bahnhofshäuschen steht niemand.

Ich erkenne Morgane sofort an ihrem Fahrrad. Fragt mich nicht wieso, ich habe sie noch nie zuvor gesehen. Ich mag sie vom ersten Augenblick an. Wir haben uns gesucht und über irre, wirre Zufälle gefunden. Sie lädt meine Sachen auf ihr Rad und führt mich durch den Ort.

«Il faut que tu tourne pour souvenir le chemin.» sagt sie immer wieder. Also halten wir vor und nach jeder Abzweigung an, damit ich mir den Weg merken kann.

Sie spricht französisch fast ohne Akzent. Der ihrer Großmutter dagegen und deren Nachbarin ist so stark ausgeprägt, dass ich sie beide kaum verstehe. Wir gehen zuerst zu ihrer Großmutter, weil sie uns vorstellen will. Die Großmutter bietet mir Orangensaft an. Das Haus ist wunderschön. Es ist im Stil des Südens gebaut, mit einem Innenhof, der voller Pflanzen steht, einer großen Glasfront, so dass man direkt hinter der Tür zum eigentlichen Haus sich wie auf einer Terrasse oder in einem Wintergarten vorkommt.

Wenn ich mich so umsehe, stelle ich fest, dass Französinnen nicht nur großen Wert auf elegante Kleidung legen, die selbst dann noch elegant ist, wenn sie ein bisschen nachlässig wirkt. Sie legen auch sehr viel Wert auf Dekoration, oder das, was in Deutschland Kitsch wäre. Aus einem Schrank erschlägt mich ein rosa Dekor. In einem sonst leeren Vogelkäfig sitzt ein Plüschpapagei auf einer Stange und überall lächeln unterschiedlich große Püppchen in Häkelkleidern. Ich beherrsche mich, nicht zu lachen, oder eine Bemerkung darüber zu machen. Ich finde es bemerkenswert.

Morgane erzählt von ihrer Großmutter und sie ergänzt hin und wieder ein paar Angaben. Ich mache ihre Komplimente über das Haus. Ich sage es nicht nur so. Ich bin wirklich beeindruckt. Sie sagt, das seien die Häuser des Südens, mit diesen Innenhöfen, in denen das Leben tobt und tatsächlich erinnert mich dieses Haus an die Häuser, in denen Penelope Cruz’ Mutter, alte Tante und ihre Freundin in «Volver» wohnen.

Die Nachbarin hat eine Krankheit, soviel verstehe ich. Ich verstehe schon mehr als in Montpellier aber noch nicht alles. Der Akzent ist zu stark. In dieser Gegend hier verzichtet man auf Nasallaute. Sie werden nicht gebildet, sondern einfach durch den ng-Laut ersetzt. So wir aus einem pain ein peng, aus der main die meng und aus der pont ein pong. Da ich zwar schon mehr verstehe, aber nunmal immer noch nicht genug, und der Akzent hinzu kommt, kommt es zu einem Missverständnis: Ich verstehe, ich solle bei Morganes Großmutter schlafen. Die Vorstellung daran bereitet mir ein wenig Kopfschmerzen. Doch dem ist nicht so. Morgane erklärt mir, dass ihre Oma nicht mehr so gut sehen und laufen kann und deshalb im Erdgeschoss vor der großen Glasfront schläft. Es klingt zwar komisch, aber plötzlich fühlte ich mich nicht mehr vom Plüschpapagei bedroht.

Morgane bewohnt einen großen Raum, den sie «studio» nennt. Es befindet sich hinter einem verwachsenen Garten, der in seiner Verwilderung und augenscheinlichen Verwahrlosung schöner nicht sein könnte. Er sieht ein bisschen so aus, wie das Schloss von Dornröschen. Es gibt hier Zitronenbäume und eine Feuerstelle und das Eingangstor ist dermaßen mit Pflanzen bewachsen, dass man es auf den ersten Blick gar nicht wahrnehmen und daran vorbei gehen würde. Das Studio ist im Erdgeschoss des Hauses. Im ersten Geschoss wohnen ihre Schwester und ihr Mann. Im Erdgeschoss lebt und arbeitet Morgane. Sie lebt in ihrem Studio mit zwei Katzen und deren Besuchern, die aber meistens im Garten herumtollen.

Man gibt sich hier unten plötzlich nur noch zwei Bises. Ich weiß nicht warum, aber diese Art der Begrüßung gefällt mir: Sie bricht die Barriere zwischen den Menschen ein bisschen, wenn sie sich zum ersten Mal begegnen. Zwar bringt es nichts, wenn man sich ohnehin nicht ausstehen kann, aber man findet eher den Draht zu einem anderen.

Ich gehöre sofort zu Morganes «Clique». Wir fahren nach Perpignan. Mir fällt auf, dass man hier zwei Sprachen spricht: Französisch und Katalanisch, das dem Spanischen nicht unähnlich ist. Die Ortsnamen sind doppelt ausgezeichnet. Perpignan heißt auf Katalanisch «Perpinya». Ich merke wie nah ich an der spanischen Grenze bin: Nicht nur die Sprache ist gleich, auch das Essen ist hier schon spanisch angehaucht. Es gibt Churros.

Das Auto, mit dem wir fahren, gehört Marions Schwager. Einen Bus kann man hier vergessen, denn auch hier ähneln sich Rives Altus und Alta Ripa: Er fährt alle paar Stunden und man ist auch einen fahrbaren Untersatz angewiesen. Das Auto von Morganes Schwager wäre in Deutschland nur schwerlich durch den TÜV gekommen. Ich bezweifle, dass es soetwas hier überhaupt gibt. Immerhin fährt es, bremst es und fällt nicht auseinander.