22.10.2009 Was zum Geier hab ich hier eigentlich zu suchen? IV

Kumar ist ein interessanter Gastgeber. Er nimmt mich mit zu seinen Freunden, kocht leckeres indisches Essen und wenn er von seiner Arbeit kommt, hat er immer ein paar Flaschen guten Rotwein dabei.

Es ist spät. Bestimmt elf Uhr oder später. Er sagt mir, dass er letzte Nacht gefroren hat. Ich sage ihm, er könne die dickere Decke haben, die er mir gegeben hat, und ich nehme die Wolldecke. Mir mache die Kälte nichts aus. Er lehnt ab und schlägt etwas anderes vor:

«Do you mind me sleeping on the mattress too?»

Ich antworte, ja, es störe mich. Die Matratze ist breit genug für zwei. Ich schlafe in dem gleichen Zimmer wie er. Das ist kein Problem. Aber auf der selben Matratze? Ich kenne ihn gerade mal den zweiten Tag.

Ich erinnere mich siedend heiß an seine beiden negativen Referenzen in seinem Profil: Zwei junge Frauen hatten sich darüber beschwert, dass er nicht aufgehört hatte, ihnen Avancen (nennen wir es einmal so) zu machen, nachdem sie ihn mehrmals abgewiesen hatten. So etwas macht das Couchsurfen durchaus unangenehm.

Langsam schält sich der Pudel, denke ich. Er habe letzte Nacht nicht geschlafen, sagt er. Er habe so gefroren. Weil er mir die dickere Decke gegeben hatte, und für sich selbst eine dünne Wolldecke behalten hatte, will er nicht nur auf der selben Matratze schlafen, sondern auch unter der selben Decke. Ich entschuldige mich. Das ist mir zu heiß. Es ginge nicht sage ich.

«Ah, you German girls!»

schnauzt er mich an. So sei es nun einmal, erwidere ich und biete ihm erneut meine Decke an. Er könne nicht zulassen, dass ich friere sagt er und wickelt sich in seine. Soweit ist die Sache gegessen, denke ich zumindest.

21.10.2009 – Die Reise beginnt IV

Couchsurfing ist eine interessante Sportart. Man trägt zwar nicht seine Couch zum Meer, in der Hoffnung auf eine gute Welle, sondern bietet anderen Leuten im Internet an, auf dieser zu übernachten bzw. nimmt dieses Angebot an. Meine Reise sollte daraus bestehen, dass ich zum letzten Teil dieser Internetgemeinde gehöre. Das erste Bild, das bei dieser Beschreibung entsteht ist besonders für Deutsche, nehme ich mal an, ein Schreckgespenst: Da übernachtet man einfach bei wildfremden Menschen in der Wohnung oder lässt wildfremde Menschen bei sich übernachten. Doch so schlimm ist es nicht. Man kann sich durchaus aussuchen, wo man übernachten möchte und sich umgekehrt auch seine Gäste aussuchen.

Als ich Kumars Foto im Internet sehe, hoffe ich, dass er nicht der einzige sein wird, der mir einen Platz zum Schlafen anbietet, später stelle ich fest, dass ich mir kaum einen besseren habe aussuchen können. Am Bahnhof erkenne ich ihn gleich, aber er mich nicht. Irgendwie haben wir es dann aber doch hinbekommen und ich surfe auf seiner Couch. Diese Couch ist eigentlich eine französische (also breite) Matraze, die wir in seinem kleinen Zimmer auf den Boden legen. Er hat eine Decke für mich und ein Kopfkissen. Super! Dass wir in einem Zimmer schlafen, stört mich nicht. Zum Schlafen ist jetzt ohnehin noch nicht die Zeit.

Kumar kommt aus Indien, macht gerade seinen dritten Abschluss im Weinhandel und sein Profil sieht durchaus interessant aus. (Wie ich auf meiner Reise feststellen werde, machen sich nicht viele Mitglieder die Mühe, ein Profil komplett auszufüllen.) Kumar lebt seit Jahren in Frankreich, hat seinen zweiten Abschluss mit einem Stipendium der EU in Belgien gemacht und macht nun den dritten in Frankreich. Für seine Diplomarbeit arbeitet er bei einem Weinhändler (keiner um die Ecke, sondern einem Unternehmen, dass Weine aus Südfrankreich ins Ausland exportiert.) und bringt nach Arbeitsschluss die Weine mit, die vom Verkosten übrig geblieben sind.

Kumars Zimmer ist spartanisch eingerichtet. Wie in Frankreich wohl üblich sind die Decken hoch. Die Wände sind weiß gestrichen, aber schmucklos. Nur unter einem Fenster liegt eine lange hübsch bunt bemalte Holzplatte. Sie macht den Charme des ganzen Zimmers aus. Am Fenster hängen grüne leichte Vorhänge, wohl eher billige Schals, wie man sie zumindest in Deutschland in jedem Baumarkt finden kann. Ein Schreibtisch und eine Couch stehen noch darin, an der Wand neben der Tür steht ein Regal, aber keine Bücher. Unsere kurzen Lebensgeschichten fassen wir auf der Busfahrt zusammen. Als wir in seiner Wohnung ankommen, bin ich ihm dankbar, mich vom Bahnhof abgeholt zu haben, denn diese kleine Seitenstraße hätte ich nun wirklich nicht gefunden.

« I’m seeing some friends later. Do you want to come with me? » fragt mich Kumar und dann finde ich mich wieder bei seinen Freunden: ein paar wundervolle junge Frauen (das klingt entweder ziemlich altväterlich oder als sei ich eine alte Frau. Nun, wie soll ichs sonst sagen?). Es gibt einen fürchterlichen, aber durchaus essbaren Gemüseeintopf mit Glasnudeln und Crème Fraiche und dazu Kumars wunderbaren Rotwein. Noch während ich mich mit meinem Französisch abmühe, stelle ich fest das Beverly (kurz Bev), der die Wohnung gehört und Lindsay, die später dazu kommt, aus England kommen und ein Jahr in Montpellier sind um den Kindern hier Englischunterricht zu geben. Miriam und ihre Freundin kommen aus den USA. Nur Peyou, die mit ihrem wirklich schönen Hund Sanguard da ist, und Lisette sind zumindest aus Frankreich. Ob sie aus Montpellier kommen weiß ich nicht.

Ist das nicht die Ironie schlechthin? Ich möchte einige Zeit in Frankreich verbringen um mal woanders zu leben und französisch zu lernen, also einfach mal wieder zu sprechen und zu hören. Und hier bin ich, frisch aus dem kalten Deutschland in Montpellier, wohne bei einem Inder und treffe gleich am ersten Abend ganz tolle Leute, mit denen ich allen Englisch spreche. Ich war jedenfalls froh, gleich am ersten Abend jemanden gefunden hatte, mit dem ich mich anfreunden konnte.

Eine Anmerkung möchte ich noch zur französischen Einstellung zu Häusern und dergleichen äußern. Ich weiß nicht, ob es Nachlässigkeit ist oder einfach die Lebenseinstellung. Aber sowohl das Haus, in dem Kumar sein Zimmer hatte wie auch das von Bev sind alt. Sehr charmant, übrigens. Bei Kumar habe ich immer Angst, ich könnte die Klinke der Zimmertüren zu fest anfassen. Sie hängen sehr locker und ich befürchte, sie plötzlich in der Hand zu haben, während ich mich auf der Toilette einschließen will. Also bin ich vorsichtig, mit dem Erfolg, dass ich mich eines Morgens nicht richtig eingeschlossen habe, sondern gerade auf der Schüssel sitze als mein Couchsurf-Gastgeber mit Genuss die Tür aufreißt und gleich danach mit einem gemurmelten Oh wieder zuschlägt. Na macht ja nix. Ist trotzdem peinlich.

Bei Bev sieht das Alter so aus, dass in diesem riesengroßen Haus, dessen Flur wie eine große hohe Halle oder wie ein Hof wirkt und das sehr verwinkelt ist, das Dach nicht ganz dicht zu sein scheint. Bei den zwei Regentagen im Monat, vielleicht nicht schlimm, führt aber regelmäßig zu Kurzschlüssen, wenn das Wasser zu den Schaltern und Steckdosen herunter rinnt. Aber wozu Dachziegel wenn es doch Handtücher gibt? Diese hat Bev schließlich mit Tesafilm an den Wänden über den kritischen Stellen angebracht. Und somit: Vive la France!