11.11.2009 – Hals- und Herzbruch

Der Bahnhof von Toulouse sieht immer noch genauso aus, wie ich ihn vor ein paar Tagen gesehen habe. Ich verlasse das Gebäude, in dem einmal mehr der Strom ausgefallen ist. Die Fahrkartenautomaten fahren sich zum fünften mal hoch, nur um dann wieder abzustürzen. Als ich das letzte Mal hier war, musste ich nach dem Eingang nach rechts zum Busbahnhof gehen. Heute gehe ich geradeaus. Weiterlesen

07.11.2009 Un coup de téléphone

Als ich aufwache, steht die Sonne schon hoch am Himmel. Geneviève und Yannick haben mit dem Frühstück auf mich gewartet. Es gibt Kaffee und Milchbrötchen, etwas Marmelade – französisch. Weil heute Samstag ist, geht Geneviève einkaufen. Ich komme mit. Weiterlesen

06.11.2009 – Was für ein tristes Loch!

Die Nacht war kurz: das Café Poésie, Sébastien. Der Wecker klingelt. Ich drehe mich um. Noch einmal einkuscheln, bevor wir aufstehen. Ich muss mein Zimmer bis zehn Uhr geräumt haben, sonst muss ich einen Tag länger bezahlen. Es gibt heißen Kaffee und Butterbrioche, die ich à la française in den Bol mit Kaffee tunke. Als ich mein Zimmer betrete, ist meine Zimmergenossin nicht da. Entweder sitzt sie noch beim Frühstück oder ist schon unterwegs. Meine Sachen sind schnell gepackt: der große Rucksack über die Schulter, die Reisetasche in die eine, Maggie in die andere Hand. Ich gehe nach unten. Ich checke aus.

Sebastien fährt mich an den Bahnhof. Ich habe beschlossen, doch mit dem Zug zu fahren. Nicht die komfortabelste Variante in diesem Fall, wie ich feststellen muss. Eineinhalb Stunden Zugfahren später steige ich in Toulouse um: in einen Bus. Nach weiteren eineinhalb Stunden spuckt mich der Bus in Castres aus. Es ist grau. Es ist kalt. Es ist trostlos. Ich habe noch ein paar Stunden bevor ich Geneviève und Franck treffe. Die beiden sind noch auf der Arbeit und dies war die einzige Verbindung, die nicht zu früh und nicht zu spät in Castres ankommt.

Der Bahnhof ist tot. Ich finde nichts, wo ich meine Sachen einschließen oder mir einen Kaffee besorgen kann. Nur ein Zeitungsladen hat geöffnet, der Süßigkeiten zu überteuerten Preisen verkauft. Also schleppe ich mein Gepäck zu der Bäckerei gegenüber, bestelle mir einen Kaffee und einen Éclairs. Ich bin wieder in der französischen Kleinstadt gelandet. Die Bäckerei stellt zwei Tische und Stühle zur Verfügung. Ich stelle meine Sachen erst einmal ab und bestelle mir dann einen doppelten Kaffee und einen Éclair au Chocolat. Ich habe nun einmal ein Faible für die französische Pâtisserie und die französischen Pâtissiers schaffen aus einfachen Kuchen kleine Kunstwerke, die zum Essen schon fast zu schade sind. Eigentlich will ich keinen Kaffee und keine Éclairs. Mir ist kalt und ich bin müde. Ich will ein Bett. Ich denke an heute früh, als ich bei Sébastien aufgewacht bin.

Die Bäckerei ist eine große Halle, die mehr improvisiert als geplant in einen Produktionsraum und einen Verkaufsraum aufgeteilt ist. Der Blick in die Backstube ist notdürftig mit Papierbahnen verhängt und eine der Verkäuferinnen, die Bäckerin oder die Frau des Bäckers hat ihre ganze Kreativität entfaltet und Fotos von Steinen mit Blumen an goldfarbenen Bändern an die Wand und vor die Papierbahnen geklebt. All das hilft nichts. Der Raum ist und bleibt trist.

Eine Schiebetür nach draußen öffnet bei Jedem, der auch nur an ihr vorbei geht. Die Tische und Stühle stehen direkt davor. Es zieht. So muss ich die nächsten zwei Stunden warten. Diese Stadt sei verflucht. Dazu dudelt ein Radio französische Chansons und Werbung. Normalerweise würde ich die Sprüche jetzt wiedergeben, aber ich bin einfach zu müde und unkonzentriert um zuzuhören. Also bleibe ich eine Stunde hier, bezahle und gehe wieder zum Bahnhof, um dort die restliche Stunde zu verbringen.

05.11.2009 – What a Difference an „a“ makes…

Die meisten Besucher des Café de la Comédie sind schon gegangen. Unter ihnen haben auch die meisten Besucher des Café Poésie den Heimweg angetreten. Ich bleibe und höre den Gitarren zu und dem französischen Hugh Grant, der da auf seinem Barhocker sitzt und gemeinsam mit seinem Freund ihre Chansons singt. Eines Tages will auch ich so spielen können. Dann ist das Konzert aus. Schluss für heute. Die Musiker sind müde.

Ich gehe an die Bar, herunter von dieser Empore, ein paar Stufen. Ich will meinen Café bezahlen. Es ist schon spät. Ich muss morgen früh aufstehen, auschecken aus der Jugendherberge und meinen Zug nach Castres bekommen. Der Kellner steht an der Bar und unterhält sich mit Hugh Grant.

Habe ich gestern, bei dem Café Philo von ihm geschrieben? Ich glaube nicht. Wieso sollte ich auch von ihm geschrieben haben? Es bestand kein Grund dazu. Er hat mir schon gestern gefallen, ja. Aber wert, über ihn zu schreiben, war er mir gestern nicht. Heute ist das anders. Heute schreibe ich über ihn, weil er eine Geschichte hat, weil er eine Rolle in meiner Geschichte spielt. Sie werden gleich sehen warum. Insgeheim hatte ich gehofft, ihn wieder hier zu treffen. Schon als ich heute Abend hierher gekommen bin, habe ich ihn gesehen. Ich habe ihn wiedererkannt. Ich lächle ihn an. Ich habe gestern meinen Tee bei ihm bezahlt, daher weiß er, dass ich Deutsche bin. Dass er wieder da ist, gefällt mir. Er gefällt mir.

Er fragt, ob ich etwas essen möchte. Er fragt auf Französisch. Deutsch spricht er nicht, aber er hat Verwandte in Deutschland, auch das hat er mir gestern Abend gesagt. Ich sage «Danke.» Essen wolle ich nichts.

«Nur zusehen?»

«Ja, nur zusehen. Und etwas trinken.»

Er weist mir den Weg nach oben, zum Podium. Den kenne ich schon von gestern, aber ich lasse ihn. Er sieht sich nach einem Platz für mich um. Die Tische an den rot-ledern gepolsterten Sitzbänken, die sich an der Wand entlang schlängeln, sind voll besetzt. Alles Poeten und deren Entourage an Zuhörern, denke ich. Sie alle haben schon bestellt, essen, trinken. Oh ja! Die Franzosen wissen zu speisen und das Leben zu genießen.

«In der Mitte ist der beste Platz, wenn nachher das Spectacle beginnt.»

Ich «installiere mich».

Ich bleibe lange ohne ein Getränk. Auch als die Poesie-Runde schon lange angefangen hat, habe ich nichts zu trinken. Um mich herum laufen die Kellner, servieren Salate, Entrcôtes, Wein und Desserts. Natürlich könnte ich einen von ihnen ansprechen und etwas bestellen, aber ich will bei ihm bestellen.

Er dreht sich von hinten zu mir herum und ich bestelle einen Café au Lait. Ich habe gestern gesehen, wie er serviert wird: In einer großen Schale mit etwas Milchschaum. Die Tasse wird vor dem Gast abgesetzt und der Café mit heißer Milch vor ihm aufgegossen. Ich möchte das auch von ihm. Als der Café an meinen Tisch gebracht wird, bin ich enttäuscht. Eine Kellnerin bringt ihn. Er ist an der Bar beschäftigt.

Der Abend gefällt mir. Die Gitarristen spielen bis nach Mitternacht.

«Kannst du das?»

Einer fängt an, singt. Der andere stimmt mit einer Improvisation ein. Nur durchs Hören. Der Abend ist großartig.

Mit meinem Ticket gehe ich zur Bar. Ich möchte bezahlen. Es ist kurz nach zwölf. Er sagt, er habe gleich Feierabend, wenn die letzten Gäste gegangen sind. Das sind wir. Er fragt wo ich wohne.

«In der Cité.»

«Und wie kommen Sie jetzt noch dorthin?»

«Na zu Fuß. Ich laufe.»

Er widerspricht mir. Er hat etwas dagegen, mich alleine zu dieser späten Stunde in die Cité laufen zu lassen. Es würde ihn freuen, mich zur Cité zu begleiten.

Ich lächle und sage «Danke. Mit Vergnügen.» Ich habe nichts gegen Gesellschaft wenn ich nachts nach hause laufe. Dazu gefällt es mir. Also nehme ich sein Angebot an.

Draußen regnet es. Ein Mann, vermutlich ein Soldat, schleicht durch die leere Einkaufspassage und murmelt etwas auf Französisch. Er sucht wohl Deckung vor dem Feind. Ein Betrunkener schleicht durch die Straßen. Alleine könnte ich jetzt Angst bekommen. Ich habe aber nichts zu befürchten.

Wir unterhalten uns. Er heißt Sebastien und ist in Marseille geboren. Er hat eine Schwester und einen Hund. Als Jugendlicher hat er seine Passion für das Barkeeperhandwerk entdeckt. Er sieht gar nicht aus wie ein Barkeeper, sage ich. Ich weiß nicht, wie er aussieht. Ich erzähle von mir. Oft kämpfe ich um jedes einzelne Wort, das mir nicht einfallen will. Darüber muss er lachen.

Worüber wir uns auf dem Weg unterhalten, weiß ich nicht mehr. Wir überqueren die Pont Neuf zum Stadtteil am Fuße der Cité. Es heißt «Trinquelle». Über unseren Köpfen erheben sich die leuchtenden Mauern der Cité. Sie werden nachts von Scheinwerfern angestrahlt.

Wir gehen über die Aude. Er erzählt mir von dem Fluss, von der Cité. Wir sind mittlerweile in Trinquelle. Er wirkt etwas aufgeregt. Ich versuche, meine Aufregung zu verbergen. Fröhlich. Er freut sich über meine Gesellschaft, wie ich erfreut bin über die seine. Ich bin wie trunken, lache viel. Er lacht auch, aber nicht so.

An der Porte Narbonnaise verabschiede ich mich von ihm. Er sei schön gewesen, unser nächtlicher Spaziergang. Es sei spät. Auch er müsse nach hause. Erst jetzt fällt mir auf, dass wir Vollmond haben. Seine Augen glitzern mit dem Mondlicht auf der Aude um die Wette. Ich bewege mich auf ihn zu, um ihm eine Bise zu geben und plötzlich stehen wir in der Porte Narbonnaise und küssen uns. Unsere Lippen treffen sich eine auf die andere. Keine Bise. Ich greife seine Hand, erwiedere den Kuss. Die Münder geöffnet, schlingen sich unsere Zungen umeinander. Dort, im Dunkeln der Mundhöhlen, die jetzt eine sind, nehmen unsere Zungen unsere Körper vorweg. Es ist erst das Vorspiel dessen, was gleich passieren wird. In einer Nische in der Porte Narbonnaise stehen wir und küssen uns. Der kalte Wind aus der Montagne Noir kann uns nichts anhaben. Und dort, in der Porte Narbonnaise, beschließen auch unsere Körper, es unseren Zungen gleich zu tun.

Ich erkläre ihm, dass ich mein Herbergszimmer teile und morgen früh abreise. Er bietet mir an, bei ihm zu bleiben. Er habe ein Auto und würde mich morgen früh in die Jugendherberge fahren, um meine Sachen zu packen und auszuchecken. Wenn ich will, würde er mich auch nach Castres fahren, mein Zugticket kann ich morgen zurückgeben.


03.11.2009 Aus Blau wird Grau

Am Horizont zeigt sich noch ein Zug. Meine Tasche und mein Rucksack hängen immer noch an mir. Ich habe sie nach dem letzten TGV nicht abgelegt. Die Zugmaschine zieht wieder an mir vorbei. Der Zug auch: Es ist ein Güterzug. Erst zwei Züge später hält einer. Es ist mein Zug nach Narbonne.

Unterwegs verabschiede ich mich von dem Meer. Ich weiß noch nicht, dass ich es hier zum letzten Mal sehe. Ich tausche das Meer gegen die Berge und als ich den ersten Schritt aus dem Zug auf den Bahnhof von Carcassonne mache, verfluche ich mich für diesen Tausch. Ich habe mich dafür schon gestern verflucht, nachdem ich auf dem Stadtplan gesehen habe, wohin ich mit meinen fünf Taschen vom Bahnhof aus muss – natürlich erst nachdem ich die Jugendherberge gebucht hatte.

Die überaus freundliche Demoiselle am Fahrkartenschalter der SNCF weiß nichts von einem Bus zur Cité oder einer Jugendherberge. Das Rondell, zu dem sie mich schickt und das sich «Office de Tourisme» nennt, hat natürlich geschlossen. Dazu ist heute nicht gerade der wärmste Tag.

Die Bushaltestelle liegt direkt dahinter, also praktisch vor der Nase der Demoiselle von der SNCF. Auch mein Bus fährt hier ab und es ist nicht die 2, wie auf der Webseite der Jugendherberge angegeben, sondern die 4. Teuer ist das Busfahren hier, wundere ich mich, als mir der Busfahrer den Preis für die Fahrt zur Cité nennt. Ich lege das Geld passend in den Münzteller, worauf er mich ungläubig ansieht und mir unerwartet mein Wechselgeld in die Hand drückt. Sein Akzent hatte nur € 5,20 aus € 1,20 gemacht. Ich verstaue Maggie und die Taschen auf einem der Sitze und setze mich daneben. Der Bus fährt los, mein Magen knurrt. Höchste Zeit anzukommen und etwas zu essen zu suchen, denke ich während draußen eine graue Stadt an mir vorbeizieht.

03.11.2009 Wieder unterwegs

Ich stelle fest, dass ich mich langsam hier heimisch fühle. Mit «hier» meine ich Rivesaltes. Ich stelle auch fest, dass mir das immer dann passiert, wenn ich ein paar Tage am gleichen Ort zugebracht habe. Das Gefühl, das mich nach dieser Zeit erfasst, ist eine Mischung aus Trägheit und Rastlosigkeit. Hier bin ich schon einen Tag länger geblieben als in den anderen beiden Städten und länger als eigentlich gedacht war. Aber so ist das mit Plänen Reisender: Sie wechseln wie der Wind die Richtung. Mein Wind bläst aber konstant von den Bergen. Er ist kalt.

Als Nicolette gestern Abend zu mir in Morganes Büro gekommen war, um sich zu verabschieden, lief alles ganz schnell: Plötzlich konnte ich es nicht mehr erwarten, in diesen Zug zu steigen und in die nächste Stadt zu fahren. Ich habe für dieses Mal keine Couch gefunden und werde in einer Jugendherberge übernachten müssen. Besser als unter der Brücke ist das allemal, wenn es auch die Reisekasse ein wenig stärker strapaziert. Dafür ist sie aber auch sicherer. Zudem liegt die Herberge mitten in der mittelalterlichen Cité de Carcassonne, der Hauptattraktion der Stadt und der Grund, weshalb ich dort hin fahre. Und was die Reisekasse angeht, besteht ja noch die Möglichkeit, es Rod Steward gleichzutun und Straßenmusiker zu werden.

Ehe ich mich versehe, ist die Reise geplant: Ich buche ein Bett mit Frühstück und bin einmal mehr froh, mir für diese Reise etwas Plastikgeld eingepackt zu haben. Ein Frühstück zur Übernachtung ist hier übrigens nicht üblich, wie es zuhause der Fall ist, obwohl das Frühstück sicher die günstigste Mahlzeit ist, die man hier einnehmen kann: ein Café und ein Croissant oder Milchbrötchen, fertig. Allerdings ist der Café hier, in der Nähe der spanischen Grenze, ein wenig enttäuschend klein. Es ist schon eher ein Espresso. In der Jugendherberge gibt es glücklicherweise ein Frühstück. Wie viel Glück das ist, soll ich aber erst später erfahren. Ich suche mir den Weg vom Bahnhof zur Jugendherberge heraus und der Trip ist geplant. Jetzt stehe ich hier, an diesem verlassenen Bahnsteig, an dem alle zwei Stunden ein Zug hält, wenn man Glück hat, und warte auf meinen.

Ich hätte vielleicht auch noch da bleiben können, Morgane und die anderen weiter bekochen können. Aber irgendwann wird es Zeit, zu gehen. Spätestens wenn die Koffer gepackt sind und alles wieder so hinein gepasst hat, wie noch vor zwei Wochen, will ich los. Weiter ziehen. Ich fühle den kalten Wind aus den Bergen in meinem Nacken und höre dazu wieder einmal Keith Richard an der Gitarre und Bob Dylan an der Mundharmonika und zwischendurch singt er: «How does it feel? How does it feel to be on your own with no direction home. Just like a rolling stone.»

03.11.2009 "La Essaie Haine CF"

Das Funkeln am Horizont wird größer. «Il y a un train là!» freuen sich die Fahrgäste, die wie ich auf dem Bahnsteig den Zug nach Narbonne erwarten. Auch ich sehne mich danach, endlich in den Zug steigen und dem Meer auf Wiedersehen sagen zu können. Der Wind pfeift von den Bergen «Il souffle.» Ich möchte an dieser Stelle spöttisch bemerken, dass Rivesaltes tatsächlich ein Hauptknotenpunkt im französischen Schienenfernverkehrsnetz ist. Mittlerweile ist es 13.45 Uhr. Der Zug hat 15 Minuten Verspätung und mein Anschlusszug wird nicht lange warten. Der nächste Zug in die gleiche Richtung fährt um 15.56 Uhr. Es ist nicht nur der nächste Zug nach Narbonne. Es ist der nächste Zug, der überhaupt an diesem Bahnhof ankommen wird.

An der Tatsache, dass sich das Funkeln zu schnell in einen Zug verwandelt hat, schließe ich, dass dieser Zug nicht hier halten wird. Er kommt sehr schnell näher und knallt die wartenden Fahrgäste von ihren Plätzen auf die andere Seite des Bahnsteigs. Es ist ein TGV sehe ich, als er vorbeifährt. Das erklärt die Geschwindigkeit. Eine Lautsprecheransage gibt es nicht: Kein «Attention TGV passant» oder ähnliches.

Einige Minuten später erscheint wieder dieses verheißungsvolle Funkeln am Horizont. Es wird größer, bis ich einen Zug ausmachen kann. Ich gehe zu meinen Taschen, die auf dem Bahnsteig aufgebaut habe, und nehme eine der vier in die Hand (ich habe sie um eine reduziert) – wenn der Zug hielt, würde es schnell gehen müssen – und bepacke mich wieder wie einen Esel oder ein Kamel auf der eigenen Expedition. Wenn ich mich manchmal von außen betrachte, komme ich mir manchmal wie einer dieser Menschen in China vor, die ihre Last in Bergen aufgetürmt zum nächsten Dorf schleppen. Wenn diese Tasche doch nur Rollen hätte!

Die Zugmaschine rollt wieder an mir vorbei und der Luftstoß, den sie verursacht, drückt mich abermals in Richtung der anderen Bahnsteigseite. Dazu pfeift mir der Wind aus den Pyrenäen um die Ohren. Etwas stimmt nicht mit diesem Zug. Er gibt sich nicht einmal die Mühe, zu versuchen, zu bremsen. Die Aufkleber an den Seiten verraten mir auch warum: Noch ein TGV! Ich warte auf den Ter.

Meine Mitfahrer werden verständlicherweise ungeduldig; jetzt, nach 15 Minuten Verspätung! Eine Durchsage oder eine Hinweistafel gibt es natürlich nicht. Von den Bergen hinter mir bläst der Wind. Er ist stark. Ich muss aufpassen, dass Maggie nicht umgeweht wird. Es sind die orientalischen Pyrenäen, die sich dort hinten auftafeln und daneben die Corbièren.

Das Paar neben mir regt sich auf – nein, die Frau regt sich auf. Sie findet das alles skandalös. Wohlgemerkt: Nach 15 Minuten warten. In Deutschland hätte ich das auch unmöglich gefunden, aber hier geht es. Ich habe ja keine Eile. Das einzige Problem, dass ich bekommen könnte, wäre zu spät oder gar nicht in Carcassonne anzukommen. Ansonsten ist das alles ein großes Abenteuer. Während sich das Paar über die Verspätung aufregt kommt auf der anderen Seite der Gleise eine Dame aus dem Bahnhofshäuschen herausgelaufen «Cinquants minutes en retard» ruft sie zu uns herüber. Praktischerweise erreicht man diese Seite der Gleise von meinem – Gleis 2 – nur über eine Brücke. Nach der Vorstellung, aus dem Bahnhofsgebäude herauszulaufen, mit meinen vier Taschen über die Brücke zu hechten und dann den Zug doch noch zu verpassen, habe ich diese Option für mich verworfen.

Fast eine Stunde Verspätung – Meinen Anschlusszug in Narbonne werde ich wohl verpassen. Hoffentlich fährt nachher noch einer rüber. Vor allem weil ich noch einmal umsteigen muss, einmal hinter Castelnaudary glaube ich. Der Mann des Paares bleibt übrigens ganz gelassen und ich finde es zumindest skandalös, dass die Verspätung nirgends angezeigt wird.

03.11.2009 So viel Arbeit!

Der erwartungsvolle Blick zum Horizont – dort, wo die Schienen sich treffen – wird endlich mit einem Funkeln belohnt. Meine Wäsche, die ich gestern in einem Waschsalon in Rivesaltes gewaschen und anschließend in Morganes Garage aufgehängt hatte, war zum Glück trotz des kühlen Windes noch rechtzeitig zu meiner Abfahrt trocken geworden. Ich hatte sie abgenommen und mit meinen anderen Sachen in meine Taschen eingepackt. Der Wind sollte mich mitnehmen, mit fort, in eine andere Stadt: Carcassonne.

Gestern hatte ich noch für Morgane und ihre Familie eingekauft und Krautrouladen zum Abendessen gekocht. Als sie in Morganes Studio kamen und mich kochen sahen, waren die Augen groß. «Ce boulot!» Es war wirklich eine große Arbeit gewesen. Ich hatte es nur nicht mitbekommen. Wenn ich mich einmal in das Kochen vertieft hatte, war es wie der Marsch nach Narbonne Plage: Es war Meditation. Ein Handgriff folgte dem nächsten: Ich setzte Gemüsebrühe auf – um mir Arbeit zu sparen arbeitete ich mit Brühwürfeln. Ich suchte mir die größten und schönsten Wirsingblätter aus, schnitt die Strünke so glatt, dass ich sie später einfach rollen konnte. Dann blanchierte ich die Blätter, tupfte sie trocken und legte sie zur Seite.

Das Hackfleisch war als nächstes dran: Ich würzte es mit Pfeffer und Salz, gab ihm mit ein paar Eiern und eingeweichtem Baguette die gewünschte Bindung und füllte die durch das Blanchieren leuchtend grünen Wirsingblätter mit der Masse. Damit die Päckchen sich nicht öffneten, schnürte ich sie mit Schnur zu.

Nun kam mein Lieblingsschritt: Ich briet die Rouladen scharf an. Ich mag das Aroma von leicht scharf angebratenem oder gebackenem. Ich habe mir einmal erklären lassen, das käme von der in der menschlichen Evolution angewöhnten Erkenntnis, dass gegarte Speisen leichter bekömmlich seien als rohe und dieses Röstaroma dem Menschen bis heute instinktiv signalisiere, dass das Essen, das er verzehren möchte, gar und gut verdaulich ist. Der Backofen erledigte den Rest während ich die Kartoffeln in der Gemüsebrühe kochte und meine Gäste mit Baguette und Pâté zum Hors d’Oeuvre bat.

29.10.2009 Les Tambours du Bronx I

Wenn man nicht miteinander redet, kann das Leben sehr schwer sein; vor allem wenn man sich in der gleichen Wohnung aufhält. Vergessen wir George! Ich hätte ihn wahrscheinlich gemocht. Aber mal ehrlich: Wenn er nicht den Mund aufkriegt ….

Heute morgen reise ich ab. Eher diesen Mittag. Ich bin früh aufgestanden, habe mich zurecht gemacht, einen Kaffee getrunken und mich im Internetcafé von Narbonne noch einmal vergewissert, dass ich auf meine Frage nach einem Zimmer in Carcassonne noch keine Antwort bekommen habe. Wenigstens habe ich eine Couch in Perpignan gefunden, oder eher bei Perpignan, nämlich in Rivesaltes. Es ist eine Freundin von Kumar, an einem der letzten Tage haben wir telefoniert und Emails ausgetauscht.

Ich treffe letzte Vorkehrungen: Kaufe ein paar Dinge zum Naschen ein, für die Fahrt, wie üblich Käse und Baguette. Wenn ich noch einmal eine solche Reise mache, nehme ich weniger Gepäck mit. Davon habe ich entschieden zu viel und wenn ich auch weder Souvenirs oder ähnliches kaufe, so werden meine Taschen doch von Station zu Station schwerer zu packen und zu tragen.

Weil ich diese Stille in Georges Wohnung nicht länger ertrage, gehe ich so früh als möglich: Früh genug, um nicht unhöflich zu erscheinen und früh genug um nicht lange warten zu müssen. Am Bahnhof mache ich eine neue Entdeckung: Eine Horde von Kindern mit der gleichen Mütze und Schildern, die ihnen um ihre Hälse baumeln. Weil in Frankreich alles nach Paris strebt, wollen auch die Kinder am Wochenende nach Paris um ihre Großeltern zu besuchen, ein anderes Elternteil oder sie leben in Paris und haben das Wochenende hier unten verbracht.

Damit sie nicht alleine reisen müssen, vertrauen ihre Eltern sie liebevoll, dafür eigens geschultem, Personal der SNCF an. Dieses verteilt dann Mützen und klebt Namensschilder auf jedes Kind. Kaum ist der Zug da, geht die Fahrt los. Diese Dienstleistung sehe ich hier zum ersten Mal. Möglicherweise halte ich mich in Deutschland zu selten an Bahnhöfen auf, als dass ich soetwas hätte bemerken können. Vielmehr tendiere ich aber zu der Überzeugung, dass es das einfach nicht gibt. Es ist ein großes Chaos, als die Rasselbande in Richtung Zug zieht. Endlich steht auch mein Gleis fest und ich ziehe mit meinem ganzen Gepäck los.

Als ich in den Zug einsteige, mit Mühe mein Gepäck in dem überfüllten Wagon verstaue und zusehe, dass die Steiff-Franzosen (ja auch diese gibt es hier, meist sind sie Teenager, denen sowieso alles scheißegal ist), auch ja nicht über meine Tasche und über Maggie stolpern, die nunmal, weil nicht anders möglich, mitten im Weg stehen, sehe ich bei einem Blick nach draußen immer mal wieder das Mittelmeer. Es sind kleine Etangs, manchmal fahren wir fast durch einen hindurch. Im warmen Glitzern der Sonne stehen Flamingos: Sie sind nicht rosarot, wie die in der Werbung, eher blassrosa, fast weiß. Es sind die ersten wild lebenden Flamingos, die ich sehe. Während ich fahre und das Meer betrachte, weiß ich noch nicht, dass es das letzte Mal gewesen sein wird, dass ich das Meer auf dieser Reise sehe.

21.10.09 – Die Reise beginnt II

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Der Grund warum ich mir den Zug als Reisemittel ausgesucht habe, ist meinem Cineasmus geschuldet. Ich liebe es, Filme zu sehen, besonders dann, wenn sie schön gemacht sind. Ich hätte mit dem Flugzeug fliegen können. Das wäre bestimmt einfacher und auch günstiger gewesen, als mit der Bahn. Zum einen habe ich aber Maggie mitgenommen (Ich nenne meine Gitarre so. Ich weiß nicht warum, aber aus irgendeinem Grund benennt man seine Gitarre und aus irgendeinem anderen Grund sehe ich das sogar ein) und befürchte, dass der schlanke Hals beim Transport im Flugzeug brechen oder sie sonstwie beschädigt werden könnte. Zum anderen denke ich beim Zugfahren an « Before Sunrise », der Film, in dem sich Julie Delpy und Ethan Hawke in einem Zug begegnen.

Er ist Amerikaner mit einem Interrail-Ticket und kommt gerade aus Spanien, wo der seine Freundin besucht hat, die ihm dann aber den Laufpass gegeben hat. Sie ist Französin und hat gerade eine Tante in Ungarn besucht (zumindest glaube ich, dass es so war). Beide begegnen sich im Zug und kommen miteinander ins Gespräch: Er fliegt am nächsten Tag von Wien zurück in die Staaten und sie muss zurück nach Paris an die Sorbonne, wo sie studiert. Beide sind sehr jung. Jünger als ich es jetzt bin und keiner von beiden weiß genau, wo es sie eines Tages mal hin verschlagen wird und was sie aus ihrem Leben machen wollen. Als sie in Wien ankommen, verstehen sie sich schon so gut, dass Julie mit Ethan aussteigt und einen Abend lang mit ihr durch Wien zieht.

Diese romantische Einstellung zum Zugfahren mag einem etwas naiv erscheinen. Ich kann Ihnen aber sagen, dass ich mir sicher bin, dass sich solche Begebenheiten bereits zugetragen haben und sich beinahe täglich zutragen. Zum Beispiel traf ich einmal in einem Zug nach Brüssel zwei Frauen und, obwohl wir nicht viel miteinander gesprochen hatten, trafen wir uns kurze Zeit später in Brügge wieder, wobei sich herausstellte, dass eine der beiden aus Brügge stammte. Sie können sich Benjamins Gesicht vorstellen, als wir uns in den Gassen dieser schönen Stadt wieder trafen und anfingen, miteinander zu plaudern. Wildfremde Menschen. Und das ist der Grund, weshalb ich mit dem Zug fahre. Ich möchte die verschiedensten Menschen kennen lernen.

Auf diese Art und Weise kann Zug fahren sehr spannend sein. Es ist allerdings sehr unspektakulär, es sei denn, man freut sich auf sein Ziel. Für mich ist diese Abfahrt so aufregend, dass ich meinen Platz nicht gleich auf Anhieb finde und mich mehr darauf konzentriere, mein Gepäck in die Gepäckablagen über den Sitzen zu verstauen. Ich bin froh, dass der Zug leer ist. So habe ich genug Platz für einen großen Laptop-Rucksack mit den ganzen Büchern, die ich lesen will und den Notizbüchern mit Manuskripten, die ich in den Computer tippen und aus ihnen richtige Geschichten machen will, die große Reisetasche mit meiner Kleidung, meine Gitarrentasche, meine graue Umhängetasche und einen Beutel mit Reiseproviant.

Ich setze mich einfach auf einen freien Platz neben einen grauhaarigen, intellektuell wirkenden Mann. Er ist ebenfalls auf dem Weg nach Paris und wie es sich am Telefon anhört im Filmgeschäft. Keine Ahnung, was er wirklich macht. Er scheint Franzose zu sein. Es ist schwer, das auszumachen. Er spricht abwechselnd in fließendem, nach meinem ungeschulten Ohr zu urteilen, akzentfreiem Französisch und Deutsch in sein Telefon. Ich unterhalte mich nicht großartig mit ihm und er scheint mich nicht für außerordentlich interessant zu halten. Ich bin vielmehr damit beschäftigt, mir über das Kommende Gedanken zu machen:

Ich werde in Paris-Est den Bahnhof wechseln müssen. Darüber habe ich schon so viele Horrorgeschichtem gehört, die damit endeten, dass der Erzähler den Zug verpasst. Ich muss zum Gare de Lyon. Dazu nehme ich die Metro. Die Dame am Fahrkartenschalter in Mannheim sagte mir, ich brauche nur die Linie Fünf zum Gare de Lyon nehmen. Na, wird schon klappen. Aber mein ganzes Gepäck. Naja, egal. Es wird klappen, bin ja nun schonmal unterwegs.

Ich habe zwei Stunden, um den Zug zu wechseln. Bei diesem Gedanken blicke ich auf das Notizbuch, das ich angefangen habe zu beschreiben: Auf dem Buchumschlag lächelt mich die Joconde an. Ich habe da Vincis berühmtestes Werk noch nie im Original gesehen. Mir fällt ein, dass sie im Louvres in Paris hängt. Reichen zwei Stunden für den Louvres? Wohl nicht. Erst recht nicht, wenn man so bepackt ist, wie ich gerade. Ich werfe den Gedanken von mir und vermerke, auf dem Rückweg einige Tage Paris einzuplanen. Es ist eine Schande, so oft dort gewesen zu sein, ohne weder sie noch das Schloss von Versailles besucht zu haben.

Ich bin immer noch nervös und aufgeregt, wie gestern Abend. Das Gunpowder, den ich mir heute morgen noch zubereitet habe, hilft da nicht viel. Mittlerweile fahre ich mit 300 Sachen über die Schienen der SNCF. Die Eifelturmstadt (der wohl eines der größten Phallussymbole der Welt ist, sieht man einmal von den Wolkenkratzern in den USA und in Asien ab) rückt immer näher. « Stadt der Liebe » nennt man sie überall, aber was soll das? Ich sehe ein, warum man sie so nennt: Man muss sie lieben, denn sonst findet man sie einfach nur zum Kotzen. Mal ehrlich: An Paris ist nun wirklich gar nichts mehr romantisch, außer vielleicht noch einer Bootsfahrt auf der Seine oder einem Spaziergang am Seine-Ufer.