29.10.2009 Les Tambours du Bronx III

Es gibt ein Konzert in Perpignan: «Les Tambous du Bronx» – Die Trommeln der Bronx – nennen sie sich. Als ich mir das vorstelle muss ich lachen. Es ist zu komisch: Ich erinnere mich an mein letztes Seminar in Literaturwissenschaft und eine Kritik über Hanif Kureishis «Buddha of Suburbia». Der Kritiker sprach von einem Supermarkt der Kulturen, in dem sich jeder seine eigene Kultur stückweise zusammenstellen kann, wie es ihm beliebt, ohne je ganz die Kulturen kennenzulernen oder anzunehmen. Auch hier ist es so: Ich bezweifle nicht, dass sie in der Bronx waren um sich hinein zu fühlen, in diese Musik, diesen Rhythmus, der so hart und erbarmungslos ist wie die Schläge auf die leeren Ölfässer. Nur: wer soll einer bretonischen Trommelgruppe glauben, sie seien die Trommeln der Bronx?

Die Gruppe besteht aus etwa 15 Männern so ziemlich jeden Alters. Sie stehen auf der Bühne und schlagen mit kurzen, dicken Stöcken (wahrscheinlich Bambus) auf bemalte Ölfässer ein. Einer von ihnen steht vor einem Gestell mit Röhren, die aus Gummi zu sein scheinen. Von diesen Röhren geht ein elektronisch verzerrter Laut aus, der sich nicht zuordnen lässt. Dieses Instrument ist eher ein Xylophon.

Der Rhythmus ergreift gleichsam Musiker wie auch das Publikum. Er ergreift sie, nimmt sie mit sich und führt sie in eine Art Trance hinein. Dieses Gefühl ist unglaublich und obwohl ich diese Art der Musik nicht sonderlich mag, fasziniert mich die Konzentration der Musiker, die Musiker selbst. Ich bin verzaubert von diesem Zustand der Ekstase, in dem sich die Trommler auf der Bühne befinden. Als befänden sie sich in einer anderen Welt.

Die Stöcke machen sich selbständig. Sie fliegen entweder abgebrochen oder aus der Hand gerutscht über die Bühne, hinein ins Publikum. Die Wucht, mit der sie auf Rand, Deckel und Wände der Fässer einschlagen muss gewaltig sein, genauso wie der Nachschub an neuen Stöcken, denn die kurzen Aussetzer merkt man dem Ton nicht an. Wenn ich mir diese Männer ansehe, die mittlerweile schwitzend mit nacktem Oberkörper auf die Trommeln einschlagen, erscheint es mir, als seien sie weniger Musiker (Das harmonische Element kommt ohnehin aus einem Keyboard-Synthesizer, der auf einer großen Feder befestigt ist, damit der Keyboarder, der mich an “The Prodigy” erinnert es ab und zu showwirksam im Kreis drehen kann.). Sie sind schon eher Leistungssportler: Die Körper schwitzend, manche sehnig, viele von ihnen sind mit Tättowierungen verziert. Es macht Eindruck.

Jean, Morgane und den Rest der Clique sehe ich in der Menge nicht mehr. Ich wippe zu dem Beat, genieße die Aussicht. Ich merke, wie ich die ganzen deutschen Sorgen und Ängste immer mehr abgestreift habe. Ich würde sie nachher schon wiederfinden, wir würden noch einen Absacker trinken und weil ich nicht weiß, was ich anderes trinken soll und es für Rotwein zu warm ist, werde ich ein französisches Bier bestellen, in der Hoffnung, es sei dem belgischen ähnlich.