13.11.2009 – Nicht zurück gehen

CIMG4842Erschöpft von dem Spurt lasse ich mich auf eine Bank fallen. Es braucht ein paar Minuten, bis ich überhaupt etwas anderes höre, als das Pochen meines Herzens. Dann lausche ich in die Nacht. Was ist zu tun? Mein Gepäck steht noch in Felix’ Wohnung. Finde ich wieder dorthin? Weiterlesen

07.11.2009 Mon Coeur

Während wir durch den Wald streifen, unterhalten wir uns die ganze Zeit miteinander. Die beiden erzählen mir von sich, berichten sich gegenseitig wie es gestern auf der Arbeit war und ich erzähle von mir. Ich erzähle, wo ich wohne, von meinen Eltern, meiner Schwester, meinem Freund. Weiterlesen

07.11.2009 Napoleons Hut im Chaos der Granitfelder

Wir verlassen den Buchladen nicht ohne drei Bücher zu kaufen: Eine Französisch-Grammatik, «L’amant» von Marguerite Duras und «No et Moi» von Delphine de Vigan. Die Grammatik ist reine Zeit- und Geldverschwendung, wie ich später feststellen soll, habe ich das meiste hier ohnehin schon beim Reden mit den Menschen gelernt und reicht mir die Zeit ohnehin nicht, um umständlich in ihr zu blättern und die richtige Formulierung nachzusehen. Weiterlesen

26.10.2009 Dingle ist ein Ort im Süden Irlands IV

Ich beobachte die Autos, die an mir vorbei fahren. Die einen schneller, die anderen langsam. Aber keines hält an, niemand fragt nach. Offenbar sind große Frauen mit einer Gitarre auf dem Rücken etwas alltägliches hier. Es scheint, als käme das jeden Tag vor. Ich sitze hier vielleicht eine halbe Stunde, vielleicht fünfundvierzig Minuten oder auch nur zwanzig. Als mir kalt wird, gehe ich weiter.

Langsam wird es mir doch mulmig, auf diesem schmalen Streifen zu gehen, der mehr ein Grat ist als ein Streifen. Ich schätze zehn Zentimeter breit. Weil es Landstraße ist, rasen die Autos an mir vorbei. Rechts wachsen Disteln, links ist Asphalt.

Ein paar hundert Meter vor mir beginnt ein Waldstück. Ich sehe einen Mann heraus laufen, einen Jogger. Er scheint von dem Berg zu kommen.

Der Pfad führt tatsächlich den Berg hoch. Heute Abend werde ich feststellen, dass er «La Clape» heißt und ein ganzes, wenn auch nicht hohes, Kalksteingebirge ist. Ich habe die Hoffnung, dass ich so ein wenig abseits der Straße laufen kann.

Der Weg ist steil und steinig, um mich herum ist Wald und Gestrüpp. Das rote Schild fällt mir wieder ein und ein Hinweis in meinem Reiseführer: Man solle sich auffallend kleiden und für alle Fälle ein Lied pfeifen oder singen. Ich glaube zwar nicht, dass schon jemand ein Ein-Meter-neunzig großes rotes Wildschwein mit Pferdeschwanz und Gitarre auf dem Rücken gesehen hat, aber um auf Nummer sicher zu gehen, singe ich das einzige französische Lied, das mir gerade in den Sinn kommt, und das ich abgesehen von «Le Coque est mort» kenne: «Allons enfants de la patrihi-ä, le jour de gloire est arrivé.» Ein singendes Wildschwein mit Gitarre kommt wohl auch selten vor.

Ich wandere den Berg hinauf, schieße einige Bilder. Oben fällt mir eine eingestürzte Mauer auf. Sie ist kreideweiß. Vielleicht hat sie einmal zu einem Winzerhaus hier oben gehört. Irgendwo unter mir höre ich die Straße. Ich hoffe, es ist immer noch die selbe und sie führt nach Narbonne Plage.

Als ich über einen anderen Pfad wieder am Fuß des Berges bin, stelle ich fest, dass ich doch um einiges abgekommen bin. Ich kann die Straße zwar noch hören, aber sehen kann ich sie nicht mehr. Vor mir breitet sich ein rotes Meer aus, durchsetzt von gelben und orangefarbenen Punkten. Über ihm kreisen ein paar große Vögel – Raubvögel, so viel kann ich erkennen, aber weiter reicht meine Ornithologie nicht.

Im Weinfeld werde ich plötzlich wieder an das rotes Schild von vorhin erinnert. Im Matsch sind frische Wildschwein spuren. Da muss sich eines gesult haben. Ist vielleicht doch ein Jäger unterwegs auf der Jagd nach Wildschwein? Und plötzlich denke ich an Asterix und Obelix. Fragt mich nicht, warum.

23.10.2009 Könnten nicht alle Männer Franzosen sein? I

Wenn ich als Deutsche durch Frankreich reise, genieße ich eine Spezialität sehr: Die Franzosen selbst; vor allem die französischen Männer. Sie sind sehr offen und freundlich. Irgendwie anders, als man sie sich zu hause vorstellt.

Den Tag verbringe ich damit, Montpellier weiter per pedes zu erkunden. Ich gehe zum Bahnhof und kaufe mir eine Fahrkarte nach Narbonne. Georges wird mich morgen dort vom Bahnhof abholen. Auf dem Place de Comédie setze ich mich in eines der vielen Straßencafés. Fehti – seinen Namen erfahre ich erst später – sitzt mitten auf dem Platz und spielt Gitarre. Er spielt ausgezeichnet. Er ist der Grund, weswegen ich mich hierher setze, um Postkarten an Freunde und die Familie zu schreiben. Als Fehti fertig gespielt hat, gehe ich weiter: Ich laufe durch «Antigone», einem durch und durch designten Stadtteil mit, laut Reiseführer, Sozialwohnungen, in denen ich auch gerne wohnen würde, so wie sie aussehen.

Ich besuche das «Musée Fabre», das die größte Kunstsammlung Frankreichs außerhalb von Paris beherbergt. Ich schaffe es nicht, mir alles anzusehen. Drei Stunden reichen nicht aus, um diesen Kunstreichtum zu verstehen und anders kann ich mir ein Kunstmuseum nicht ansehen. Ich muss das Besondere dieser Bilder erkennen können. Das braucht Zeit.

Als ich das Museum verlasse sehe ich, dass Kumar mir eine Nachricht geschickt hat. Ich soll sofort nach hause kommen. Sein Ton ist harsch, denke ich und frage, was los sei. Er antwortet, er habe Hunger. Ich mache mich auf den Rückweg.

Wir beginnen den Abend bei einer Freundin von Bev. Ihre Wohnung ist klein und trotzdem hat sie die «Arche de Noël»: einen großen schwarzen, sehr süßen Hund, eine Katze und einen Fisch. Kumar ist eigentlich bei einer anderen Freundin von ihm eingeladen und wir werden uns verspäten. Doch wir trinken erst einmal Wein und Bev improvisiert arme Ritter aus Eiern und Weißbrot, die sie im Kühlschrank findet. Die andere Freundin nimmt es uns nicht übel, dass wir zu spät sind. Sie holt uns von der Straßenbahnhaltestelle ab und wir machen eine «Pierrade», was wohl das Pendant zum heißen Stein ist und sich nach «Piraterie» anhört.

22.10.2009 Was zum Geier hab ich hier eigentlich zu suchen? II

Ich stehe auf von meinem Tisch und fange an zu laufen. Von gestern Abend weiß ich, wie ich in die Innenstadt komme. Die ist nicht weit, also laufe ich. Ich muss mein Geld sparen und wer fährt schon Bus wenn er keine Eile hat und in einer neuen Stadt ist? Ich jedenfalls nicht.

Hinter der ersten Ecke wartet schon das erste Kuriosum auf mich: Ein riesiges Aquädukt, mitten in der Stadt. Ich fotografiere es. So, wie ich alles fotografiere, was mir neu, ungewohnt und daher würdig erscheint, fotografisch festgehalten zu werden. Das Aquädukt endet in einem hochgelegenen Garten, oder Park, den « Jardins de Peyrou ». Ich laufe durch die Gärten hindurch, mache Fotos, blättere im Reiseführer.

Ich bekomme Hunger. Es geht mittlerweile auf zwölf Uhr zu. Die Restaurants nehme ich gar nicht erst in meine Alternativen auf und Fast-Food auch nicht, denn wer isst schon beim Restaurant zur Goldenen Möwe, wenn er im Schlaraffenland ist? Und das ist für mich Frankreich: Käse, Brot, Paté und Pasteten, Mousse au Chocolat, Crème Brulée und guten Rotwein, der hier in der Gegend am besten sein soll.