29.10.2009 Les Tambours du Bronx I

Wenn man nicht miteinander redet, kann das Leben sehr schwer sein; vor allem wenn man sich in der gleichen Wohnung aufhält. Vergessen wir George! Ich hätte ihn wahrscheinlich gemocht. Aber mal ehrlich: Wenn er nicht den Mund aufkriegt ….

Heute morgen reise ich ab. Eher diesen Mittag. Ich bin früh aufgestanden, habe mich zurecht gemacht, einen Kaffee getrunken und mich im Internetcafé von Narbonne noch einmal vergewissert, dass ich auf meine Frage nach einem Zimmer in Carcassonne noch keine Antwort bekommen habe. Wenigstens habe ich eine Couch in Perpignan gefunden, oder eher bei Perpignan, nämlich in Rivesaltes. Es ist eine Freundin von Kumar, an einem der letzten Tage haben wir telefoniert und Emails ausgetauscht.

Ich treffe letzte Vorkehrungen: Kaufe ein paar Dinge zum Naschen ein, für die Fahrt, wie üblich Käse und Baguette. Wenn ich noch einmal eine solche Reise mache, nehme ich weniger Gepäck mit. Davon habe ich entschieden zu viel und wenn ich auch weder Souvenirs oder ähnliches kaufe, so werden meine Taschen doch von Station zu Station schwerer zu packen und zu tragen.

Weil ich diese Stille in Georges Wohnung nicht länger ertrage, gehe ich so früh als möglich: Früh genug, um nicht unhöflich zu erscheinen und früh genug um nicht lange warten zu müssen. Am Bahnhof mache ich eine neue Entdeckung: Eine Horde von Kindern mit der gleichen Mütze und Schildern, die ihnen um ihre Hälse baumeln. Weil in Frankreich alles nach Paris strebt, wollen auch die Kinder am Wochenende nach Paris um ihre Großeltern zu besuchen, ein anderes Elternteil oder sie leben in Paris und haben das Wochenende hier unten verbracht.

Damit sie nicht alleine reisen müssen, vertrauen ihre Eltern sie liebevoll, dafür eigens geschultem, Personal der SNCF an. Dieses verteilt dann Mützen und klebt Namensschilder auf jedes Kind. Kaum ist der Zug da, geht die Fahrt los. Diese Dienstleistung sehe ich hier zum ersten Mal. Möglicherweise halte ich mich in Deutschland zu selten an Bahnhöfen auf, als dass ich soetwas hätte bemerken können. Vielmehr tendiere ich aber zu der Überzeugung, dass es das einfach nicht gibt. Es ist ein großes Chaos, als die Rasselbande in Richtung Zug zieht. Endlich steht auch mein Gleis fest und ich ziehe mit meinem ganzen Gepäck los.

Als ich in den Zug einsteige, mit Mühe mein Gepäck in dem überfüllten Wagon verstaue und zusehe, dass die Steiff-Franzosen (ja auch diese gibt es hier, meist sind sie Teenager, denen sowieso alles scheißegal ist), auch ja nicht über meine Tasche und über Maggie stolpern, die nunmal, weil nicht anders möglich, mitten im Weg stehen, sehe ich bei einem Blick nach draußen immer mal wieder das Mittelmeer. Es sind kleine Etangs, manchmal fahren wir fast durch einen hindurch. Im warmen Glitzern der Sonne stehen Flamingos: Sie sind nicht rosarot, wie die in der Werbung, eher blassrosa, fast weiß. Es sind die ersten wild lebenden Flamingos, die ich sehe. Während ich fahre und das Meer betrachte, weiß ich noch nicht, dass es das letzte Mal gewesen sein wird, dass ich das Meer auf dieser Reise sehe.